Die weite Welt liegt gleich um die Ecke

Wir wissen nicht, wer sich das ausgedacht hat. Wir wissen aber, dass so mancher Ort schwer trägt an seinem Namen. Nehmen wir Strullendorf oder Schwarze Pfütze und Wicklesgreuth. Auch hübsch: Hürbel am Rangen, Nachterstedt-Hoym und Wegeleben. Dass Nomen nicht Omen ist, wissen die Hiesigen längst. Ekelsdorf im Kreis Ostholstein ist nicht besonders hübsch, aber dennoch alles andere als eklig. Das Nest Weitewelt im Kreis Segeberg alles andere als weltläufig, und in Müssen im Herzogtum Lauenburg müssen nicht immer alle müssen. Aber auch im Süden führt der Finger auf der Landkarte zum Schmunzeln. In Lieblos bei Hanau gibt’s sicher auch ein bisschen Liebe, in Katzenhirn (Bayern) dürften die Leute kaum dümmer als anderswo sein, und in Geilenkirchen, na ja . . .
Also alles Essig (Nordrhein-Westfalen) bei den Ortsnamen? Fahren wir doch mal nach Übersee, dort liegt der Beweis. Das liegt nämlich nicht jenseits des Meeres, sondern im Chiemgau, und damit immerhin hinterm See.

Hetze im Netz – der virtuelle Stammtisch

„Jeder blamiert sich, so gut er kann“, lautet ein geflügeltes Wort in meiner Familie. Da ist viel wahres dran. Aber Blamage allein ist noch kein Drama und fällt nur auf den zurück, der sich blamiert. Die alltägliche Hetze, die dank Internet in – man verzeihe mir die Phrase – aller Munde ist, hat eine ganz andere Dimension. Doch dafür das Netz zu verteufeln, ist falsch gedacht.
Weiterlesen

Fotos und die Wirklichkeit

Modell oder echte Lokomotive, das ist nicht auf den ersten Blick zu erkennen

Bilden Fotos wirklich die Wirklichkeit ab? Oder legt der Fotograf durch die Ausschnittwahl den Rahmen der Aufnahme so fest, dass sie nie der Realität entspricht. Darüber hat sich zwischen mir und anderen Kommentatoren vor wenigen Tagen eine kleine Diskussion auf dem Blog von Calvin Hollywood entsponnen.
Weiterlesen

Brutale und unbrutale Morde

Es gibt Wörter, die sind offenbar auf ewig miteinander verbunden, so unvermeidlich kommen sie im Doppelpack daher. Man denke nur an den so oft zitierten wohlverdienten Ruhestand. Ich warte seit Jahren vergeblich darauf, dass irgendjemand einmal ganz ehrlich von einem unverdienten Ruhestand spricht. Da werde ich wohl noch lange warten müssen. Ein anderes Wortpaar ist der brutale Mord oder auch, als Verb formuliert, die Aussage, dass jemand brutal ermordet wurde. Aber gibt es auch unbrutale Morde?
Weiterlesen

Tote Helden sind die besseren Helden

Denkmal für Roald Amundsen in Ny Alesund auf Spitzbergen

Heute jährt sich zum 100. Mal die Großtat von Roald Amundsen (16. Juli 1872 – vermutlich 18. Juni 1928). Der Norweger erreichte in einem Wettlauf mit Robert Falcon Scott (6. Juni 1868 – 29. März 1912) als erster den geografischen Südpol. Die Geschichte ist seit 100 Jahren bekannt. Auch, dass der tote Scott postum den Sieger Amundsen ausstach. Und doch ist diese Geschichte wie so viele, deren Ausgang jeder kennt, immer wieder spannend und bewegend.
Weiterlesen

Totensonntag versus Ewigkeitssonntag

Ein echter Totensonntag ist das heute: neblig, kalt, bedrückend. In den Kirchen werden die Namen der Toten des vergangenen Jahres abgekündigt, und für viele Menschen ist es ein Tag des Innehaltens. Andere, die noch keinen Todesfall in der Familie zu beklagen hatten, genießen einfach nur einen faulen Sonntag. Aber wie heißt der denn jetzt. Totensonntag? Ewigkeitssonntag? Manche nennen ihn auch Sparflammentag, weil die Welt ein wenig den Atem anhält.
Weiterlesen

Im Klassikkonzert sind alle Köpfe grau

Demografische Beobachtungen in Chor und Publikum

Es war wieder einer der besonderen Tage für uns Chorsänger. Nach wochenlangen Proben stand das Konzert an. Bach und Mozart und dazwischen eine kleine Symphonie. Dieses Zwischenspiel gibt den Chorsängern Gelegenheit, den Blick vom Dirigenten ab und dem Publikum zuzuwenden. Dabei fällt eine seltsame Diskrepanz auf – Demografie im klassischen Konzert.
Weiterlesen

Die aberzogene Empathie

Wo bleibt unser Mitgefühl für die sogenannte Unterschicht?

„Die sollen erst mal arbeiten.“ „Typisch Hartz IV“. Oder: „Selbst schuld.“ Sprüche, die die Spaltung unserer Gesellschaft in die da oben, die da unten und die, die fürchten, von da ob nach da unten zu fallen, auf den Punkt bringen. Ein Phänomen, das die „Zeit“ gerade in einem Artikel sehr tiefgründig beschrieben hat.

Rohe Bürgerlichkeit:

http://www.zeit.de/2011/39/Verteilungdebatte-Klassenkampf/

Was aber beflügelt den Klassenkampf von oben? Das unsichere Gefühl in Zeiten von Rettungsschirmen, die von hier bis zum Universum reichen, oder die Angst um den Abstieg. Ja, auch. Aber es sind vor allem die Medien und die Politiker. Und die Armen selbst.
Weiterlesen

Elbphilharmonie: Wir brauchen große Architektur

Alle Jahre wieder hebt in Hamburg ein großes Wehklagen an. Das Prestige-Objekt der Stadt wird erneut ein paar Milliönchen teurer. Die Elbphilharmonie entpuppt sich als Fass ohne Boden. Seit dem Bürgerschaftsbeschluss 2005 erschrecken immer neue Horrormeldungen über Bauverzögerungen und Preisexplosionen die heimische Politik und die kritische Öffentlichkeit.

Die Elbphilharmonie im Bau
Die Elbphilharmonie im Bau

Ich glaube, da muss Hamburg durch. Um eines dieser Bauwerke zu bekommen, die die Welt bewundert. Die die Welt unverbrüchlich mit einer Stadt verbindet. Wie den Petersdom mit Rom, den Eiffelturm mit Paris, das Opernhaus mit Sydney.

Früher wurden große Bauwerke mit Blut und Tod derer bezahlt, die sie errichten mussten. Heute werden sie mit politischen Diskussionen bezahlt. Und natürlich wie schon seit Urzeiten mit viel, viel Geld. Und dennoch, wir brauchen diese Bauwerke. Wie soll Großes entstehen, wenn Kleingeister denken?

Ich habe soeben die Würzburger Residenz (Foto oben) besucht. Ein Bauwerk gigantischen Ausmaßes, erbaut von Fürstbischöfen, denen kein Prunk zu protzig, kein Aufwand zu groß, kein Handwerker, kein Künstler zu teuer war. Heute sind Orte wie die Würzburger Residenz, ein Unesco-Welterbe, nicht nur Touristenmagneten. Sie stiften Sinn für die Bewohner einer Stadt, einer ganzen Region. Ob Basilika oder Schloss, Turm oder Opernhaus. Nur wer Großes wagt, wird Geschichte schreiben und den Stolz der Menschen gewinnen.

Das klingt pathetisch, das ist pathetisch gedacht. Ich stehe dazu. Ich finde die Elbphilharmonie großartig, obwohl ich nie da war. Aber ich muss irgendwann jenseits des Jahres 2012, 2013 oder vielleicht 2015 nicht nach Sydney fahren, um einen großen architektonischen (Ent)Wurf zu erleben.

http://www.elbphilharmonie-bau.de/index_flash.php?language=de