Lesen 2.0

Ich lese gern, ich lese viel, ich lese oft, ich lese beruflich, ich lese privat, ich lese, lese, lese . . .

Vor Jahren habe ich einmal befürchtet, mehr und schneller zu lesen, als geschrieben wird. Eine Befürchtung, die mir heute nicht mehr in den Sinn kommt. Seit es das Internet gibt, ist der Lesestoff förmlich explodiert. Nicht nur, weil mehr geschrieben wird, sondern weil der Zugang dazu viel unkomplizierter geworden ist. Aber zugleich selektiver.

Das Buch, die Freude an Literatur klammere ich in dieser Betrachtung aus. Es geht mir ums tagesaktuelle Lesen und ums informierende Lesen.

Dicke Zeitungswälzer, die „Zeit“,  die „Welt“, die „Süddeutsche“, gab es schon immer. Aber wer hat sie alle abonniert, alle gelesen? Jede Entscheidung für eine Zeitung war nur eine selektive. Nur die eine oder nur die andere. Heute stehen so viele gute Artikel im Netz, dass ich heute einen „Zeit“-, morgen einen „Welt“-Artikel lesen kann, ohne alle anderen der jeweiligen Ausgabe auch nur zu sehen. Ich suche gezielt aus, aber nicht mehr aus einer Zeitung, sondern aus vielen.

Das lässt sich auf Fachzeitschriften übertragen. Zu jedem Thema findet sich ein tief gehender Text im Netz. Was sonst noch in einem Heft steht, bekomme ich via Google gar nicht zu sehen, weil ich nach dem Schlagwort, dem Thema suche, das mich interessiert. Aber die, auf die ich per Zufall stoße, wenn ich im Heft blättere, um dann daran hängen zu bleiben, sehe ich gar nicht mehr. Da geht auch viel verloren.

Doch es gibt Zufallstreffer. Als Twitterer werde ich tagtäglich mit Links zu interessanten Artikeln gefüttert. Und von dort hangele ich mich oft über Links zu verwandten oder interessanten Themen weiter. Die Kunst, den User anzufüttern mit der guten Schlagzeile, genauer: Linkzeile, ist heute wichtiger denn je.

Hinzu kommen Blogs. Blogs zu allem und jedem Thema, Blogs für Gartenliebhaber, für Gartenarbeithasser, Blogs für Sprachfetischisten und Foto-Freaks, für Hundeliebhaber und Katzenfreunde, Blogs, Blogs, Blogs. So viel gute Texte, damit einem nie das Lesefutter ausgeht.

Oft wird dieses Futter hinuntergeschlungen. Und allzu schnell verdaut. Wir verschlucken uns nicht daran, sondern wir leiden an Lese-Bulimie. Uns mit etwas zu füttern, das wir bei uns behalten, ist die große Kunst der Schreiber im Online-Zeitalter. Das schaffen nur die wahren Könner des Wortes. Zum Glück gibt es sie heute genauso wie früher.

Juergen von Liechtenecker hat sich ausführlich zum Leseverhalten im Internet Gedanken gemacht:

http://liechtenecker.at/leseverhalten-im-internet/

Gilt für Zeitungen, aber auch fürs Netz – Wie man Leser zum Dableiben animiert:

http://www.diefeder.at/blog/2011/02/11/leseverhalten-was-animiert-wann-steigen-leser-aus/

Elbphilharmonie: Wir brauchen große Architektur

Alle Jahre wieder hebt in Hamburg ein großes Wehklagen an. Das Prestige-Objekt der Stadt wird erneut ein paar Milliönchen teurer. Die Elbphilharmonie entpuppt sich als Fass ohne Boden. Seit dem Bürgerschaftsbeschluss 2005 erschrecken immer neue Horrormeldungen über Bauverzögerungen und Preisexplosionen die heimische Politik und die kritische Öffentlichkeit.

Die Elbphilharmonie im Bau
Die Elbphilharmonie im Bau

Ich glaube, da muss Hamburg durch. Um eines dieser Bauwerke zu bekommen, die die Welt bewundert. Die die Welt unverbrüchlich mit einer Stadt verbindet. Wie den Petersdom mit Rom, den Eiffelturm mit Paris, das Opernhaus mit Sydney.

Früher wurden große Bauwerke mit Blut und Tod derer bezahlt, die sie errichten mussten. Heute werden sie mit politischen Diskussionen bezahlt. Und natürlich wie schon seit Urzeiten mit viel, viel Geld. Und dennoch, wir brauchen diese Bauwerke. Wie soll Großes entstehen, wenn Kleingeister denken?

Ich habe soeben die Würzburger Residenz (Foto oben) besucht. Ein Bauwerk gigantischen Ausmaßes, erbaut von Fürstbischöfen, denen kein Prunk zu protzig, kein Aufwand zu groß, kein Handwerker, kein Künstler zu teuer war. Heute sind Orte wie die Würzburger Residenz, ein Unesco-Welterbe, nicht nur Touristenmagneten. Sie stiften Sinn für die Bewohner einer Stadt, einer ganzen Region. Ob Basilika oder Schloss, Turm oder Opernhaus. Nur wer Großes wagt, wird Geschichte schreiben und den Stolz der Menschen gewinnen.

Das klingt pathetisch, das ist pathetisch gedacht. Ich stehe dazu. Ich finde die Elbphilharmonie großartig, obwohl ich nie da war. Aber ich muss irgendwann jenseits des Jahres 2012, 2013 oder vielleicht 2015 nicht nach Sydney fahren, um einen großen architektonischen (Ent)Wurf zu erleben.

http://www.elbphilharmonie-bau.de/index_flash.php?language=de

 

Gehört die Zauberflöte zur Allgemeinbildung?

Praktikant bei einer Tageszeitung, Anfang 20, Student, wird losgeschickt zu einer Aufführung von Mozarts „Zauberflöte“. Nein, er soll keine großartige Musikkritik schreiben, sondern nur einen Benefiztermin am Rand in Bild und ein paar Zeilen festhalten.

Frage an den jungen Mann: „Zauberflöte, schon mal gehört?“ Ja, davon habe er schon mal gelesen. „Ich meine, schon mal gehört, die Musik?“ Nein, meint er, bisher nicht. Ich trällere ihm kurz das Auftrittslied von Papageno, das Vogelfängerlied, vor. Nein, das kenne er nicht.

Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass es zu einer umfassenden Allgemeinbildung gehört, schon einmal im Leben ein Gedicht von Schiller gelesen, ein Stück von Brecht oder von Shakespeare gesehen, ein Gemälde von Dürer oder Picasso betrachtet zu haben. Zu wissen, worin sich eine romanische und eine gotische Kirche unterscheiden und zu erkennen, ob ein Garten im französischen oder im englischen Stil angelegt ist. Nur die klassische Musik, die wird offenbar komplett ausgeblendet. Ein Abiturient muss nicht wissen, wie ein Bruckner-Sinfonie klingt. Aber er sollte schon einmal die „Zauberflöte“ gehört und nicht nur von ihr gehört haben. Er sollte den Unterschied zwischen Bach und Mendelssohn-Bartholdy heraushören und ein Instrument, zumindest eine Instrumentengruppe am Klang unterscheiden können.

Musikbildung, das heißt nicht Hiphop von Rock unterscheiden zu können. Ich wünsche mir, dass klassische Musik wieder hipper wird. Damit ich dem nächsten Praktikanten nicht wieder die „Zauberflöte“ erklären muss.