Alte Meister: Wie ich lernte, die Fotografie zu hassen

Ich bin auf Dresden-Reise und habe heute die Gemäldegalerie Alte Meister besucht. Dort habe ich gelernt, die Fotografie zu hassen. Dass ich das jemals sagen würde, wundert mich selbst. Aber was ich dort erlebt habe, hat mich am Sinn des Fotografierens zweifeln lassen.

Die Gemäldegalerie ist gerade nicht die Gemäldegalerie. Wegen Umbauarbeiten ist bis Anfang Januar nur eine Sonderausstellung mit dem Titel „Glanzlichter der Gemäldegalerie Alte Meister“ zu sehen. In einem großen Saal und vier kleineren Räumen hängen die berühmtesten Meisterwerke dieser Ausstellung: die „Schlummernde Venus“ vom Tizian, das Porträt „Charles de Solier, Sieur de Morette“ von Hans Holbein dem Jüngeren, die berühmte Dresdenansicht von Canaletto und natürlich das Glanzstück der Sammlung, die „Sixtinische Madonna“ von Raffael.

Die „Schlummernde Venus“ von Tizian.
Gemäldegalerie Alte Meister
Die „Sixtische Madonna“, der Hauptanziehungspunkt der Sammlung. Ihr zu Füßen drängten sich die Menschen.

Ich wollte Gemälde anschauen. Alle anderen, so fühlte es sich jedenfalls an, wollten Fotos machen. Fotos von Gemälden, die sie vor allem über die Bildschirme ihrer Smartphones betrachteten. Ich habe eine der Aufseherinnen gefragt, ob mich mein Eindruck täusche, dass mehr fotografiert als geguckt werde. Ja, das finde sie auch, und sie verstehe es ebenfalls nicht. „Dann können die sich die Bilder doch auch im Internet anschauen“, meinte sie.

Kein Gemälde auslassen

Es gab Besucher, und nicht zu wenige, die die Gemälde eines nach dem anderen abschreiten und mit ihren Smartphones fotografieren. Abgesehen davon, dass ich mich nach dem Sinn gefragt habe, stört es ungemein die Besucher, die sich Gemälde ansehen wollen. Ganz abgesehen davon, dass es viel zu voll war, verdeckten die Smartphone-Fotografen ständig die Bilder. Der Reiz daran, die Originale anzuschauen, liegt darin, das Bild auf sich wirken zu lassen, die Feinheiten der Darstellung zu sehen. Wie ist das möglich, wenn sich ständig jemand ins Bild schiebt.

Das „Bildnis eines alten Herrn“ von van Dyk. Da stimmt jedes Barthaar.

Besonders eifrig waren die Smartpohone-Fotografen vor der Sixtinischen Madonna. Kein Wunder, ist sie doch das herausragende und herausragend präsentierte Werk dieser Sonderausstellung. Der Versuch, auf einen freien Blick auf das Werk zu warten, war zum Scheitern verurteilt. Keine Chance.

Gemäldegalerie Alte Meister
Die „Sixtinische Madonna“ im Fokus der Smartphone-Fotografen.

Ich freue mich sehr darüber, dass es mittlerweile ist fast allen Museen erlaubt ist, zu fotografieren. Offenbar haben die Museen kapituliert vor den Horden der Smartphone-Fotografen. Ich genieße es, nicht zuletzt für Blogposts über Museumsbesuche fotografieren zu dürfen. Aber ich nehme mir genug Zeit, die Gemälde anzusehen. Die letzten Male hatte ich Glück, etwa im Museum Ludwig in Köln. Dort war es so leer, dass beides möglich war, fotografieren und schauen.

Das Gegenmodell zum Foto

In Dresden heute gab es diese Chance nicht. Dennoch, es gibt ein Gegenmodell zur ungehemmten Smartphone-Fotografie, die mir leider nicht gegeben ist, weil mir das Talent dafür fehlt: Skizzen machen. Ein Blick über die Schulter eines Besuchers lässt erahnen, was damit gemeint ist.

Auch eine Art, sich Bilder zu eigen zu machen: Skizzen im extra mitgebrachten Skizzenbuch.

Ich will niemandem verbieten, in Museen Fotos zu machen. Aber bitte: Lasst auch die anderen Besucher zum Zuge kommen, auch wenn sie mittlerweile offenbar in der Minderheit sind. Ich möchte nicht wissen, wie viele der 1000 bis 2000 täglichen Besucher der Gemäldegalerie Alte Meister nicht dem Smartphone-Fotowahn erliegen. Wahrscheinlich ist es die Minderheit. Ich habe sie heute hassen gelernt. Sie und die damit verbundene Fotografie.

2 Kommentare

  1. Diese Fotografiewut und das Rennen von einem Spot zum nächsten (hier die einzelnen Bilder) ist ja auch eher als Knippsen zu bezeichnen. Für ein richtiges Fotografieren sollte man sich auf das Motiv einlassen, verschiedene Perspektiven suchen etc. Ich nehme lieber ein gutes Foto mit als zehn schnell geknippste.

    1. Genau so sehe ich das auch, deshalb war der Titel mit dem Hass auf Fotografie etwas überspitzt formuliert. Ich meine natürlich die sinn- und hirnlose Knipserei. Ich frage mich oft, was die Leute mit diesen Fotos nachher machen, wenn sie wieder zu Hause sind.

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