Moderne Ausstattung in alten Kirchen

In der Kirchengemeinde meines Chores ist über eine neue Innenausstattung der Kirche diskutiert worden. Naturgemäß gehen die Meinungen auseinander. Am Ende hat ein Entwurf das Rennen gemacht, der nicht allen schmeckt, aber doch vielen. Wie ist das, wenn alte Kirchen neu ausgestattet werden? Ich habe zwei Beispiele dafür.

Niemand kennt hierzulande Melle. Es ist eine kleine Stadt in Frankreich in der Region Nouvelle-Aquitaine. Ich kenne sie nur, weil ich dort Verwandtschaft habe. In Melle steht die Kirche Saint-Hilaire, erbaut im 12. Jahrhundert. Sie ist ein Zeugnis dieser Zeit. Im Jahr 2011 erhielt sie einen neu gestalteten Chorraum. Und der ist ganz und gar modern.

Wie ein weißer Strom ergießt sich ein Marmorblock durch den Chor von Saint-Hilaire.

Klar, dass er nicht unumstritten ist. Aber mir gefällt er. In der Mitte liegt ein Monolith aus weißem Marmor, als weitere Materialien gibt der Designer der Chorausstattung, Mathieu Lehanneur , Alabaster und Beton an. Der große flache Block, der die Basis des Ensembles bildet, hat in der Mitte eine Vertiefung, in die Stufen hinabführen. Dieselben Stufen finden sich außen am Rand der Marmorfläche wieder.

Ein gigantisches Taufbecken?

Ob die Vertiefung als Taufbecken dient oder lediglich eine gestalterische Bedeutung hat, habe ich nicht herausfinden können. Ich nehme es aber an.

Hinter Altar und Kanzel ist die Vertiefung in den Boden eingearbeitet.

Auf den Sockel hat Lehanneur Altar und Lesepult aus Bernstein-Alabaster gesetzt. Ihre Farbe lehnt sich an die der romanischen Basilika an. Für mich wirkt der Marmorblock einerseits recht fremd in der historischen Kirche, andererseits fand ich nach längerem Hinschauen, dass er in einem interessanten Spannungsverhältnis dazu steht. Es ist doch eine gelungene moderne Ausstattung einer alten Kirche.

Die Gedächtniskapelle von Dresden

Ein anderes Beispiel für eine moderne Kirchenausstattung habe ich in der Hofkirche in Dresden gefunden. Eine Seitenkapelle ist 1973 von dem Bildhauer Friedrich Press zu einer Gedächtniskapelle für die Toten der Dresdner Bombennacht und für alle Opfer von Gewaltherrschaft. Der Kapelle ist anzusehen, dass sie aus den 1970er-Jahren stammt. Das tut ihrer Wirkung keinen Abbruch.

Die Gedächtniskapelle in der Dresdner Hofkirche.

Press hat ins Zentrum eine Pieta gestellt. Die schmal aufragende Frauengestalt hat auf den Knien ihren toten, nur stilisiert dargestellten Sohn. In den Händen hält sie Trümmer. Davor steht ein Altar, dessen Basis Totenköpfe darstellen, aus denen Flammen schlagen.

Strahlend weißes Porzellan

Anders als Lehanneur hat Press nicht Marmor, sondern Meißner Porzellan verwendet. Das liegt nahe, ist Meißen doch nur wenige Kilometer weit entfernt. Das edle Material strahlt in reinem Weiß vor einer roten Wand.

Der Altar mit stilisierten Totenköpfen und Flammen.

Ich finde es ungeheuer schwer, historische Kirchen mit neuem Interieur zu versehen. Natürlich ist das über die Jahrhunderte immer wieder gemacht worden. In vielen Kirchen wurde die gotische Ausstattung später durch eine barocke ergänzt oder ersetzt. Auch im Historismus sind manche Kirchenräume umgestaltet worden. Die Frage, wie ein Kirchenraum gestaltet werden sollte, kam in vielen Kirchen nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Wie umgehen mit ausgebombten Kirchenschiffen und verbrannten Kanzeln und Altären? Nachbilden oder neu gestalten?

Lasst uns Spuren hinterlassen

Und wenn ja wie? Angelehnt an das Alte oder ganz neu? Ich plädiere für eine ganz neue, zeitgemäße Ausstattung, so wie sie in Melle und Dresden vorgenommen wurde. Warum soll nicht auch unsere Zeit Spuren in alten Kirchen hinterlassen? Wenn sie weiter so langlebig sind wie bisher, werden die Menschen in 100 oder 200 Jahren unsere Epoche darin erkennen und die Zeit, in der die Umgestaltung vorgenommen wurde, datieren können. Wie die dann heißen wird, ist noch offen. Werden nicht Epochen oft erst in der Rückschau bezeichnet?

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