Lieblingsgedicht: Mal dies, mal das, aber immer irgendeines

Gerade macht das Interview eines Schülerreporters die Runde, der einen AfD-Spitzenkandidaten befragt hat. Diese behauptet darin, es müssten mehr deutsche Gedichte gelernt werden. Nach seinem Lieblingsgedicht befragt, stottert der Kandidat herum und muss zugeben, ihm fiele gerade keines ein. Das könnte mir nicht passieren, ich habe eine ganze Reihe von Lieblingsgedichten.

Zunächst habe ich auf Twitter nur einen Post gesehen, in dem jemand nach den Lieblingsgedichten seiner Follower fragte. Aber da wusste ich noch gar nicht, worum es geht. Erst später habe ich das Interview mit Kinderreporter Alexander gesehen. Die Passage mit dem Gedicht kommt bei Minute 1:25. An Stelle des Kandidaten hätte ich nicht eine Sekunde zögern müssen, ein Lieblingsgedicht zu nennen.

Das Trauerspiel von Afghanistan

Ein aktuelles Lieblingsgedicht ist mir sofort eingefallen. Es ist schon lange eines meiner liebsten und zurzeit besonders aktuell. „Das Trauerspiel von Afghanistan“ von Theodor Fontane, geschrieben 1859. Es zeigt zum einen, dass Afghanistan schon immer ein vom Krieg gebeuteltes Land war und dass schon vor mehr als 100 Jahren Armeen geschlagen oder erfolglos von dort abziehen mussten. Die dort geschilderte Verzweiflung ist für mich aber auch symbolisch die derer, die bei der Luftbrücke im Land zurückbleiben mussten.

Ich saß auf einem Steine

Ein anderes Lieblingsgedicht ist von Walther von der Vogelweide. Ich habe es in der Schule, später im Germanistik-Studium gelesen, auch auf Mittelhochdeutsch, und kann es bis heute auswendig, in der Originalsprache. „Ich saß auf einem Steine“ ist sogar ein fotografiertes Gedicht geworden. Das Trauerspiel habe ich nur verlinkt, obwohl es mittlerweile gemeinfrei ist. Für Walther von der Vogelweide trifft das nach 800 Jahren allemal zu. Deshalb hier die mittelhochdeutsche Variante, die hochdeutsche ist unter dem Link vom fotografierten Gedicht zu finden.

Ich saz ûf eime steine
und dahte bein mit beine:
dar ûf satzt ich den ellenbogen:
ich hete in mîne hant gesmogen
daz kinne und ein mîn wange.
dô dâhte ich mir vil ange,
wie man zer welte solte leben:
deheinen rât kond ich gegeben,
wie man driu dinc erwurbe,
der keines niht verdurbe.
diu zwei sint êre und varnde guot,
daz dicke ein ander schaden tuot:
daz dritte ist gotes hulde,
der zweier übergulde.
die wolte ich gerne in einen schrîn.
jâ leider desn mac niht gesîn,
daz guot und weltlich êre
und gotes hulde mêre
zesamene in ein herze komen.
stîg unde wege sint in benomen:
untriuwe ist in der sâze,
gewalt vert ûf der strâze:
fride unde reht sint sêre wunt.
diu driu enhabent geleites niht, diu
zwei enwerden ê gesunt.

Mir gefällt an diesem Gedicht besonders die Situation, wie der Mann auf dem Stein sitzt, die Beine übergeschlagen, das Kinn aufgestützt, und über die Welt und das Leben nachsinnt. Manchmal ertappe ich mich selbst, wie ich so gedankenverloren irgendwo sitze. Vielleicht spricht mich das Gedicht deshalb so an.

Im Park

Wie sehr die Kindheit das Verhältnis zu einem Gedicht bestimmen kann, zeigt ein anderes Lieblingsgedicht: „Im Park“ von Joachim Ringelnatz. Meine Mutter hat oft die letzten zwei Zeilen zitiert, weil sie die so hübsch fand. Ich mag das recht kurze Gedicht bis heute. Die letzten zwei Zeilen verrate ich nicht. Hört selbst.

Florian Friedrich liest „Im Park“ von Joachim Ringelnatz.

Die Füße im Feuer

In der Schule werden den Kindern allerlei Gedichte vermittelt, eines davon ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Ich mag es bis heute, obwohl es sehr grausam ist: „Die Füße im Feuer“ von Conrad Ferdinand Meyer. Vor allem der lange Vers in der Mitte der Ballade hat es mir angetan. Die kurzen, knappen Sätze, die das ganze Grauen einer Nacht so überaus deutlich machen. Deshalb und wegen der schaurigen Geschichte sind die Füße im Feuer ein Lieblingsgedicht.

Ameisenkinder

Manchmal entdeckt man unversehens ein neues Lieblingsgedicht. Nach der schwermütigen Meyer-Ballade kommt jetzt wieder etwas Lustiges: „Ameisenkinder“ von James Krüss. Kennengelernt und zum ersten Mal gehört habe ich es vor Kurzem bei „Lauter Lyrik“ auf NDR-Kultur. Krüss war mir im Laufe der Jahre komplett entfallen, obwohl er einer der Dichter und Autoren ist, die es verdient haben, öfter ins Licht der Öffentlichkeit gerückt zu werden. Sein Kinderbuch „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“* hat ihn berühmt gemacht. Ich habe es gerne gelesen.

Dir

Der schönste Gedichtband, den ich kenne, ist „Dir“ von Heinrich Vogeler. Nicht nur die schlichten, aber wirkungsvollen Gedichte haben es mir angetan, sondern auch die grafische Gestaltung des kleinen Bändchens der Insel-Bücherei*. Schriftbild und Gestaltung sind so hinreißend schön und für jeden Freund des Jugendstils ein Gewinn.

Das sind die Lieblingsgedichte, die mir auf Anhieb einfallen. Es gibt noch ein paar weitere, aber das sind die, die mir auf die Frage nach einem Lieblingsgedicht spontan einfallen. Da ich viel lese, kommen immer mal ein paar neue Gedichte hinzu, die mich fesseln, ohne dass ich die bisherigen vergesse. Das ist das Schöne: Wenn etwas Neues hinzukommt, ist das Alte damit nicht weg. Lesen bereichert halt immer.

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