40 Jahre Journalismus: Mein Rückblick

Ich habe gerade Berufsjubiläum gehabt. Vor 40 Jahren, am 1. August 1979, habe ich mein Volontariat bei der Einbecker Morgenpost angetreten. Gerade mal 19 Jahre war ich damals alt. 40 Jahre, das verlangt einen Rückblick, der sowohl persönlich als auch zum Wandel im Journalismus, in der täglichen Arbeit ausfällt.

Ich bin etwas blauäugig in den Journalismus gestolpert. Ich wollte Sängerin werden, hatte mit 17 eine klassische Gesangsausbildung begonnen. Aber da ich damals ein sehr zartes Persönchen war, hat mir meine Gesangslehrerin diesen Wunsch schnell ausgeredet. Nicht genug Kreuz, also nicht genug Muskeln im Kreuz, und zu wenig Kraft im Körper, das wird nichts.

Was also tun? Das Abi sollte in Kürze folgen, und dann? Ich habe mir überlegt, dass ich, wenn schon nicht Sängerin werden, dann doch über Sänger und Musik schreiben könnte, bei einer Zeitung. Langzeitziel Feuilleton. Da bin ich niemals hingekommen. Aber eine Redaktion habe ich dennoch gefunden, die mir ein Volontariat geboten hat.

Als Volontärin in meiner ersten Redaktion. Der Schlafzimmerblick ist Zufall, weil ich gerade hochgeguckt habe.

Es war der sprichwörtliche Sprung ins kalte Wasser. Ich kann mich noch gut an meine erste Meldung erinnern: Schildkröte entlaufen. Kein Witz. Geschrieben wurde auf Schreibmaschine, redigiert auf Papier, die Schlagzeilen mussten je nach Spaltigkeit und Schriftgröße ausgezählt werden, damit sie passten. Leerschläge nicht vergessen. Zwar gab es bereits Lichtsatz, aber an den durften nur die Setzer ran. Erst später, nach meinem Wechsel zu den Kieler Nachrichten 1981, habe ich selbst Texte direkt ins System geschrieben.

Vermutlich jüngste Autotesterin Deutschlands

Thematisch war die Zeit des Volontariats ein bunter Gemischtwarenladen. Kommunalpolitik für Einbeck und Dassel, Polizeiberichte, ja, es gab in den zwei Jahren sogar einen Mord, Straßenbau, Vereinsberichterstattung und sogar – kaum zu glauben – Autotests. Die heimischen Autohäuser stellten der Redaktion regelmäßig für zwei oder drei Tage neue Modelle zu Verfügung, damit darüber berichtet werden konnte. Auf diese Weise kam ich an Spritztouren mit einem Renault 5 Turbo. Ein Wunder, dass ich mich damit nicht tot gefahren habe. Von den Texten von damals ist mir leider nichts geblieben.

Eine junge Frau steht neben einem Sportwagen.
Die Volontärin und der Testwagen: ein Renault 5 Turbo.

Besonders gehasst habe ich die Sportberichterstattung, die ich an vielen Wochenenden übernehmen musste. Innerhalb von eineinhalb Stunden fünf Spiele der dritten Kuhstallliga abfahren, überall Fotos machen, hinterher die Trainer in den Sportlerheimen anrufen und das Ergebnis und den Spielverlauf protokollieren. Es war der Horror. Vor allem die Fotos, ich wusste nie, wer in welche Richtung spielt und habe geflucht, dass die Spieler keine Namen und keine Vereinsnamen auf dem Rücken trugen. Zum Glück hat sich irgendwann ein sportverrückter Anzeigenvertreter gefunden, der diese Aufgabe freiwillig übernommen hat.

Besoffene Marines auf Landgang

Nach dem Volontariat bin ich zum Studium nach Kiel gegangen und habe dort sieben Jahre als Freie für die Kieler Nachrichten gearbeitet. Die Themen wie gehabt: Kommunalpolitik, Vereine, Unfälle, Verbrechen. Aber manchmal gab es Höhepunkte. Nur wenige Artikel aus dieser Zeit sind mir im Gedächtnis geblieben. Einer davon: eine Geschichte über den Sicherheitschef eines US-Flugzeugträgers, der zur Kieler Woche in Kiel war. Klasse Typ, klasse Storys, die er erzählen konnte darüber, wie man besoffene Marines nach einem Landgang bändigt. Leider habe ich auch diesen Text nicht mehr.

Irgendein Termin in irgendeinem Schwimmbad, ich weiß nicht mehr wann, wo und warum.

1990 folgte der Wechsel zu den Lübecker Nachrichten und dort in die gerade aufgebaute Schweriner Redaktion. Was für eine Zeit. Die Redaktion befand sich im fünften Stock eines Gebäudes über dem Bahnhof, unten sangen die Frauen der russischen Soldaten, die auf ihren Zug in die Heimat warteten, traurige Abschiedslieder. Einmal am Tag, um 12 Uhr, kam ein Taxifahrer, um Texte und Filme nach Lübeck zu bringen, wo die Ausgabe produziert wurde. Bis High Noon musste alles fertig sein. Nicht nur deshalb legten die Ost-Kollegen ihre Termine auf morgens 6 Uhr. Das war offenbar in der DDR so üblich.

Die Themen diesmal: die Lage nach der Wende, die Arbeitslosigkeit und die Schlangen vor dem Arbeitsamt, die Treuhand, die Stasi-Hinterlassenschaften, aber auch das aus dem Westen geschenkte weiße Tigerbaby für den Schweriner Zoo. Dort erhielt sich übrigens meine Ost-Taufe: Beim Fotografieren eines Eisbären schoss der aus dem Wasser und schleuderte das Nass über mich. Ich sah aus wie ein begossener Pudel.

Nach einigen Monaten folgte der Umzug in neue Redaktionsräume. Sie lagen über einem Fischgeschäft. Da es immer noch nicht genug Telefonanschlüsse gab, mussten wir uns die Leitung mit dem Fischladen teilen. Wenn einer von beiden telefonierte, hatte der andere ein Besetzzeichen in der Leitung und konnte nichts machen. Das war für beide eine Katastrophe, vor allem, als in der Vorweihnachtszeit viele Leute ihre Fischbestellung aufgeben wollten. Recherche ist unter diesen Umständen kaum möglich. Aber wo steht geschrieben, dass Journalismus immer einfach sein muss?

Recherche zu Fuß statt mit dem Telefon

Egal, telefonieren war sowieso eine Katastrophe, zumal mit dem neu konstituierten Landtag von Mecklenburg-Vorpommern. Der war nämlich, wegen der besseren Erreichbarkeit, auf irgendeinem technischen Weg mit einem westdeutschen Ortsnetz verbunden. Jeder Anruf in einem Ministerium ging über die Auslandsvorwahl 0049. Dann kam: tut-tut-tut. Es hat manchmal Stunden gedauert, überhaupt ins westdeutsche Netz reinzukommen. Da war es doch wesentlich leichter, die paar Schritte bis zum Schloss zu laufen und die Fragen dort persönlich zu stellen.

Trotz aller Widrigkeiten war es eine schöne, eine spannende Zeit, die viel zu schnell zu Ende ging. Das Kalkül der Westzeitungen, alle ehemaligen DDR-Bürger würden zu ihnen überlaufen, ging nicht auf. Nach einem halben Jahr folgte der Wechsel nach Lübeck, als Polizeireporterin. Damit begann die spannendste Zeit meiner journalistischen Laufbahn.

Spannende Zeit als Polizeireporterin

Es war eine Dekade in Lübeck, die geprägt war von Straftaten, die Schlagzeilen machten, manche davon weltweit: zwei Mal brannte die Synagoge, es brannte das Flüchtlingsheim an der Hafenstraße, dabei fanden zehn Menschen den Tod. Ein überschuldete Wirt ließ nachts sein Lokal explodieren, obwohl in den Etagen darüber Menschen schliefen. Auch dort gab es Tote. Zwei Mal wurden Kirchen angezündet, weil sich die Pastoren für Flüchtlinge einsetzten. Eine junge Frau wurde mit zahlreichen Messerstichen auf einer Pferdekoppel getötet, ein bis heute ungelöster Fall.

Beim Brand an der Hafenstraße im Gespräch mit einem Hausbewohner. Foto: LN-Archiv

Das alles hat meinen journalistischen Alltag bestimmt. Ach was, meinen gesamten Alltag. Es gab kaum noch ein Leben außerhalb der Redaktion. Vor allem nicht nach dem Brand an der Hafenstraße, der über Wochen mein ganzes journalistisches Können erforderte. Hier schildere ich Jahre später, wie es an diesem Morgen war.

Der Karton auf dem Kopf

Aber es gab auch andere Geschichten, die mir in Erinnerung geblieben sind, denn Journalismus ist bunt. Die Story mit Lola zum Beispiel. Beruf: Hure in der Clemensstraße. Sie berichtete mir von ihrer Tätigkeit und ließ sich sogar fotografieren. Das Bild sollte aber nur so veröffentlicht werden, dass weder ihr Gesicht noch ihre Haare zu erkennen waren. Sie trug eine unverwechselbare rote Mähne. Photoshop war damals, in den 90er Jahren, noch unbekannt. Die Repro bemühte sich über Tage, irgendwie einigermaßen vernünftig den Kopf von Lola abzudecken. Rund ging gar nicht, das sah aus wie ein Astronautenhelm. Also eine rechteckige Fläche drüber legen. Die sollte zart grau sein. Im Druck war sie ziemlich dunkel, fast schwarz. Ein unvergessenes Foto.

Lola mit dem Karton auf dem Kopf.

Unvergessen auch die Reaktion auf den Artikel. Eine Organisation gesetzter lübscher Damen meldete sich, entrüstet darüber, dass so einer Frau so viel Platz in der Zeitung eingeräumt worden war. Nicht ohne den Nachsatz, die eigene Kunsthandwerk-Ausstellung sei so viel kleiner behandelt worden. Wir waren uns aber sicher, dass Lola mehr Interesse hervorgerufen hat als das Kunsthandwerk. Heute würde es heißen: Das klickt besser.

Womit wir bei den technischen Veränderungen wären. 1999 gab es die ersten Digitalkameras für unsere Redaktion. Zur gleichen Zeit trat das Internet in unser Leben. Erst zögerlich. Am Anfang gab es nur einen Kollegen, der damit umgehen konnte. Wer etwas suchte, musste bei ihm anfragen und warten, bis er Zeit hatte. Später gab es pro Redaktion einen Internetzugang, an einem gesonderten Rechner. Nur Ressortleiter hatten einen eigenen Internetzugang. In diese Liga war ich inzwischen aufgestiegen und habe etliche Jahre Redaktionen geleitet.

Auch dabei habe ich jede Gelegenheit genutzt, nicht nur zu verwalten und Seiten zu gestalten, sondern den einen oder anderen Text zu schreiben. Etwa die Geschichte von den bösen Spitzen. Ein Frau, die an Feng Shui glaubt, sorgte sich um eine Mercedes-Niederlassung. Ihre Begründung: Ein gegenüber liegendes neu errichtetes Gebäude weise mit einem spitzen Winkel pfeilartig auf das schräg gegenüber liegende Gelände der Mercedes-Benz-Niederlassung. Dieser Pfeil werde noch verstärkt durch schmale, waagerecht liegende Metallbänder. Sie wiesen noch scharfkantiger auf das Gegenüber. Wie die Pfeile wirken, habe die Frau an sich selbst festgestellt. „Wenn ich mit dem Auto daran vorbeifahre, fühle ich mich unangenehm bedroht, aufgespießt und angegriffen.“ Langfristig werde das Autohaus deshalb eingehen. Bei Mercedes sah man das etwas entspannter. Die Niederlassung gibt es übrigens heute noch.

Neue Medien, dasselbe Handwerk

Irgendwann wollte ich aber wieder die Straße unter den Füßen haben und wechselte zurück in einen Reporterjob. Das macht immer noch die größte Freude. Menschen treffen, Geschichten entdecken, recherchieren und schreiben. Dafür habe ich diesen Beruf ergriffen, und er macht mir bis heute Spaß. Auch, weil die Möglichkeiten so vielfältig geworden sind. Neben Text und Foto sind Video, interaktive Karten, Storytelling getreten. Für mich ebenso ein Gewinn für die Leser und für die Wege, ihnen etwas zu vermitteln, genauso wie der Wechsel zur Farbfotografie. Das Handwerk von Recherche und Text verfassen ist gleich geblieben, die Ausspielwege im Journalismus sind vielfältiger geworden.

Schweinebucht und Auslandseinsatz

Und wieder gab es wunderbare Geschichten. Etwa die vom Sex-Strand bei Eckernförde. Angeblich trafen sich dort die Swinger, weshalb der Strandabschnitt den Beinamen „Schweinebucht“ trug. Mein Ausstieg aus der Geschichte: „Und auf der Wiese nebenan bemüht sich ein Bulle, eine Kuh zu beglücken. Aber daran stört sich niemand.“

Dann waren da noch die Auslandseinsätze der Bundeswehr, über die ich schreiben durfte. Afghanistan im Jahr 2006, was für ein Erlebnis. Wenig später dann die Unifil-Mission von Zypern aus. Wer bekommt so etwas in seinem Beruf schon zu sehen?

Afghanistan im Juni 2006: Bei 38 Grad mit Stahlhelm und Splitterschutzweste.
Afghanistan im Juni 2006: Bei 38 Grad mit Stahlhelm und Splitterschutzweste.

Solche Themen sind die Sahnetorte. Natürlich gibt und gab es, wie in jedem Beruf, auch viel Schwarzbrot. Mein Fazit nach 40 Jahren im Journalismus lautet aber dennoch: Es war die richtige Berufswahl. Es hat fast immer Spaß gemacht, war nie langweilig. Journalismus ist und bleibt für mich der schönste Beruf der Welt.

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