Rechte, Rechtsradikal, rechtextremistisch? – alles andere als egal

Wieder hat ein rechtextremistischer Anschlag Deutschland erschüttert. Diesmal wirklich, vorher waren die Erschütterungen für meinen Geschmack viel zu verhalten. Ich weiß nicht mehr über den Anschlag von Hanau als das, was ich in den Nachrichten sehe, höre oder lese. Deshalb kann und will ich nichts zum konkreten Fall sagen. Mir geht es um die Worte, mit denen über Rechte berichtet wird.

Wir Journalisten haben schon vor Jahren und Jahrzehnten über echte oder angegliche rechte Anschläge geschrieben. Da war es noch einfach, die Rechten zu charakterisieren und zu beschreiben. Lange bevor die Rechten in Form der AfD wieder Boden gewannen und in die Parlamente einzogen, gab es nur zwei Gruppen von ihnen: die Rechtsradikalen und die Rechtsextremisten.

Eselsbrücke zwischen radikal und extremistisch

Die Unterscheidung war einfach: Rechtsradikale sind die, die nichts Illegales tun, Rechtsextremisten die, die Illegales tun. Meine Eselsbrücke dafür war ebenso einfach: Die Worte radikal und legal fangen mit einem Konsonanten an, die Wort extrem und illegal mit einem Vokal. Also alles sauber sortiert und offenbar sogar richtig. Die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt: „Radikale Strömungen verstoßen nicht zwangsläufig gegen die Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung.“

Eine Unterscheidung, die längst aus meinem Kopf und offenbar auch aus dem Sprachgebrauch verschwunden ist. Mittlerweile gibt es beinahe mehr Wörter für Rechte als es Rechte gibt. Ich weiß, das ist leider übertrieben. Aber der Dschungel an Bezeichnungen für diese verachtenswerte und zu bekämpfende politische Gruppe ist beinahe kaum noch zu durchdringen.

Nennt sie nicht Nazis

Viele nennen sie Nazis. Ein Begriff, mit dem ich mich nicht anfreunden kann. Die Nazis, das waren die Nazis und nichts anderes. Die Herrscher von 1933 bis 1945. Heutige Rechtsextremisten als Nazis zu bezeichnen relativiert den Holocaust und die schlimmste deutsche Diktatur. Wenn schon Nazis, dann bitte Neonazis, aber dieses Wort ist immer seltener zu hören und zu lesen.

Rechtspopulisten ist eines der Wörter, mit denen die neuen Rechten häufig belegt werden. Ein Teil von ihnen ist sicher in diese Kategorie einzuordnen, aber nicht alle. Für mein Verständnis sind Rechtspopulisten die, die dem Rechtsextremismus – nach obiger Definition – den Weg bereiten. Es sind die geistigen Brandstifter. Sie machen sich nicht die Hände schmutzig, sie schicken ihre schlagenden und mordenden Horden los. Früher nannte man sie Schreibtischtäter, obwohl sie Schreitäter heißen müssten.

Rassismus als treibende Kraft

Sie alle, ob Rechtsradikale, Rechtsextremisten oder Rechtspopulisten Rassisten zu nennen, ist nicht falsch. Der Rassismus ist die treibende Kraft hinter ihren Worten und Taten. Das zeigt Hanau. Aber sie sind auch Antisemiten, Antidemokraten und vieles mehr. Alles Wörter, die nur einen Teil dessen benennen, um das es geht. Um Rechtsterrorismus. Nichts anderes ist der Anschlag von Hanau gewesen. Eine Tat, nicht nur um zu morden, sondern auch um Angst zu schüren.

Wir Journalisten sollten unsere Worte genau wägen, wenn wir über alle diese menschenverachtenden Spielarten berichten. Ich plädiere dafür, die alte Unterscheidung zwischen Rechtsradikalen und Rechtsextremisten wieder mehr zu nutzen, diese Wörter zurück in den Diskurs zu bringen, weil sie sachlich, distanziert und dennoch deutlich sind. Wir sollten aufpassen, uns und unsere Leser nicht über Wörter instrumentalisieren zu lassen.

Respektvoll über Opfer schreiben

Vor allem aber sollten wir unsere Ausdrücke genau wählen, wenn wir über die Opfer berichten. Ich musste mich heute mehrfach für meine Zunft schämen. Ein ganz schlimmes Beispiel für überbordende und dabei fachlich mangelhafte Berichterstattung lieferte Bild-TV. Der Focus schrieb in seiner Schlagzeile von Shisha-Morden. Völlig daneben.

Ebenso verkehrt ist es, in diesem Fall davon zu sprechen, der Mörder habe sich seine Opfer wahllos ausgesucht. Hat er nicht. Er war von seinem Rassismus getrieben und hat gezielt Menschen erschossen, die einen sogenannten Migrationshintergrund haben – auch so eine verquaste Bezeichnung, für die mir aber gerade keine passende Alternative einfällt.

Daneben gegriffen haben auch die Journalisten, die vor allem am Vormittag immer wieder von einer Schießerei sprachen oder schrieben. Bei einer Schießerei schießen beide Seiten. In Hanau wurden Menschen ermordet. Wäre der Begriff nicht durch seinen Kontext von staatlicher Gewalt belegt, könnte man von Hinrichtung sprechen.

Es sind keine Fremden

Und noch ein Begriff, den ich falsch finde. Immer wieder ist von Fremdenfeindlichkeit als Motiv für den Täter von Hanau die Rede. Wie kann er fremdenfeindlich sein, wenn seine Opfer keine Fremden in diesem Land sind? Es sind Menschen, die hier seit Generationen leben, die hier eine Existenz, Familien, Nachbarn, Freunde haben. Sie sind keine Fremden, sie sind Deutsche oder in Deutschland lebende Menschen. Deshalb ist Rassismus hier das einzig richtige Wort.

Achten wir also auf unsere Worte, denn auch Worte können nicht nur verletzten, sondern auch zu Hass und Mord aufstacheln. Gerade wir Journalisten sollten genau bedenken, wie wir schreiben, denn unsere Breitenwirkung ist groß und vieles wirkt nur unterschwellig. Natürlich sind wir, auch wenn wir von Berufs wegen professionell mit Worten umgehen, nicht unfehlbar. Ich habe heute vieles dazu gelernt, um solche Fehler zu vermeiden.

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