Jeden Abend: Unterwegs auf der Todesmarsch-Route

Vor wenigen Tagen hat sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 75. Mal gejährt. Für viele der ehemaligen Häftlinge ging das Leiden nach der Befreiung noch lange weiter. Die Nazis schickten sie auf Todesmärsche. Jeden Abend fahre ich auf einem Teil der Todesmarsch-Route von Auschwitz nach Holstein.

Die Häftlinge gelangten von Auschwitz über Mauthausen, den Harz, Magdeburg, die Elbe und Hamburg nach Lübeck, teils tagelang unterwegs in offenen Waggons, teils zu Fuß. Immer ausgesetzt der beißenden Kälte von bis zu 20 Grad minus, hungernd und entkräftet. Von 1500 Menschen, die in Auschwitz weggetrieben wurden, kamen nur 500 in Lübeck an. Von dort ging es weiter in Richtung Ahrensbök und Neuglasau, wo sie für die Nacht in zwei Scheunen auf einem Feld bei Siblin und auf dem Gut Glasau getrieben wurden.

Die rote Scheune bei Siblin

Eine dieser Scheunen, die rote Scheune von Siblin, liegt auf meinem Heimweg von der Arbeit. Gerade jetzt im Januar, trotz der im Gegensatz zu 1945 geradezu milden Temperaturen von knapp über null Grad, wird mir die Dimension des Leidens überdeutlich, wenn ich an der Scheune vorbeifahre. Es ist kalt, und die Wände bestehen aus nicht mehr als einer rot angestrichenen Blechhaut. Fotografiert habe ich sie im Sommer, weil es im Winter immer schon dunkel ist, wenn ich dort vorbeikomme.

Die rote Scheune bei Siblin, fotografiert bei einem aufziehenden Gewitter im Sommer.

Im warmen Auto sitzend und mit einer dicken Jacke und warmen Schuhen bekleidet, überkommt mich doch immer ein Frösteln, wenn ich die Scheune sehe. Ich stelle mir vor, wie die erschöpften, hungernden, frierenden und verzweifelten Menschen dort die Nacht verbrachten. Ohne Hoffnung, ohne zu wissen, wie ihr weiteres Schicksal aussehen würde und ob sie leben oder sterben werden.

Stelen erinnern an den Todesmarsch

Vor der Scheune erinnern, wie überall auf den Stationen des Todesmarsches von Lübeck bis Holstein, Stelen an das Schicksal der Häftlinge. Gestaltet von dem Künstler Wolf Leo gemeinsam mit Jugendlichen aus Polen, Tschechien, Weißrussland und Deutschland, wurden sie 1999 aufgestellt. Insgesamt zwölf solcher Wegzeichen stehen zwischen Lübeck und Neustadt, dem Ziel des Todesmarsches.

Die Stele auf meinem Heimweg an der roten Scheune von Siblin.

Unterwegs wurden immer wieder Häftlinge ermordet oder starben an Hunger, Entkräftung oder Kälte – vor den Augen der Menschen, die am Wegesrand wohnten oder arbeiteten. Gräber unbekannter KZ-Insassen auf den Friedhöfen in Bad Schartau und in Ahrensbök künden davon. Wer es bis nach Neustadt schaffte, wurde dort auf Schiffe getrieben, unter anderem die Cap Arcona und die Thielbek. Am 3. Mai 1945 bombardierten die Briten die Schiffe, nicht wissend, wer sich auf ihnen aufhielt. 7000 Menschen starben, darunter die meisten derer, die den Todesmarsch überlebt hatten.

Erinnerung an eine Schiffskatastrophe

In Neustadt erinnert das Cap-Arcona-Museum an die Katastrophe und erzählt ihre Geschichte. Ein Teil der Toten ist auf Ehrenfriedhöfen rund um die Lübecker Bucht, unter anderem in Neustadt und in Haffkrug, beerdigt worden. Alles Erinnerungen an das Leid, dass die Nazis so vielen Menschen noch in den letzten Tagen des Krieges zufügten. Aber keine Erinnerung ist für mich so stark wie die schreckliche Vorstellung, die mich beinahe jeden Abend überkommt, wenn ich meinen Heimweg auf der Todesmarsch-Route zurücklege. Ähnlich bewegt hat mich nur der Besuch in der Gedenkstätte Bergen-Belsen.

Die Erinnerung an den Todesmarsch, an die Verbrechen der Nazis und an eines der ganz frühen KZs wird in der KZ-Gedenkstätte Ahrensbök, nur wenige hundert Meter von der Todesmarsch-Route entfernt, wachgehalten.

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