Die Kultur stirbt leise: Ist sie nach Corona noch zu retten?

Seit einem Jahr habe ich nicht mehr in unserem Kirchenchor gesungen, mit Ausnahme von ein paar Proben im Pastoratsgarten und großzügig verteilt in der Kirche im Spätsommer 2020. Das letzte Mal im Konzert war ich im Advent 2019. Mit Beginn der Pandemie ist die Kultur, auch die Laienkultur, dem Siechtum anheim gefallen. Wird sie sich wieder erholen?

Ich bin kein pessimistischer Mensch. Aber mit zunehmender Dauer von Krise und Lockdown schwindet meine Hoffnung zusehens, dass es irgendwann mal wieder so wird wie vor der Pandmie. Ich persönlich habe nicht allzuviel auszustehen. Aber ein wichtiger Teil meines Lebens fehlt mir: das Chorsingen, die damit verbundene Begegnung, die Erlebnisse, mit Orchester und Solisten gemeinsam große Werke aufzuführen. Wie immer es weitergeht mit Corona, die Kultur muss sich ganz hinten anstellen, und das gemeinsame Singen und Musizieren steht ganz sicher noch ein Stück weiter hinten in der Schlange.

Mit jedem Monat wird es schwieriger

Mich treibt die Sorge um, wie viele Chöre und Laienorchester diese Zeit überleben. Je länger es dauert, desto größer wird meine Sorge. Kommen alle wieder, wenn das Singen endlich wieder gefahrlos möglich ist? Oder haben sich viele daran gewöhnt, eben nicht zur Probe zu kommen? Vermissen alle das gemeinsame Musizieren so sehr wie ich?

Ich weiß, dass die Probe für viele Choristen seit Jahrzehnten ein fester Termin im Verlauf der Woche ist. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass einige den Wiederbeginn herbei sehnen. Gerade für manchen Älteren mag die Chorprobe stets ein Höhepunkt der Woche gewesen sein. Andere werden festgestellt haben, dass die Abende auf dem Sofa auch ganz nett sind.

Meine Tage sind auch ohne das Singen voll genug gestopft mit Terminen. Für mich ist das Singen eine kleine Auszeit, ein Ausgleich für das hektische Berufsleben. Klar, ich kann auch abends entspannt zu Hause sitzen, aber das gemeinsame Üben ist doch ganz etwas anderes. Und – ich geb’s zu – das anschließende Treffen beim Griechen. Ich freue mich schon jetzt auf den ersten Ouzo, den wir wieder zusammen trinken.

Die Profis sind viel schlimmer dran

Meine kleine Sehnsucht nach Chorproben ist natürlich nichts im Gegensatz zu den Nöten derer, die Kultur professionell betreiben. Die Kulturbranche liegt seit einem Jahr am Boden. Der Deutsche Kulturrat belegt mit einer Studie die massiven Umsatzeinbrüche der Kultur- und Kreativwirtschaft. Das ist die eine, schreckliche Seite dieser Pandemie. Die andere ist, was uns allen verloren geht. Der Tagesspiegel beschwört in einem Kommentar „Verarmung, Verödung, Verblödung“ herauf.

So weit würde ich vielleicht nicht gehen. Aber Verarmung und Verödung werden es gewiss sein, was der Kulturbranche droht. Wer weiß, ob alle Künstler auf die Bühne zurückkehren, alle Ensemble wieder spielen, alle Theater überleben. Was weg ist, kommt so schnell nicht wieder. Die Museen sind da in einer besseren Situation, sie bleiben, auch wenn sie zu sind. Was die Musik- und Theaterszene angeht, bin dagegen ziemlich pessimistisch. Jochen-Rochen-Kunst formuliert auf Twitter, was die Abwesenheit von Kunst und Kultur bedeutet: Seelen, die verblühen.

Kirchenmusikerin Andrea Ha sieht das etwas hoffnungsvoller:

Andrea hat mich übrigens auf einen Künstler aufmerksam gemacht, der mit Kreativität versucht hat, aus einer schwierigen Situation das Beste herauszuholen.

Ein schönes Beispiel, wie Künstler kreativ mit Krisen umgehen können. Ich fürchte allerdings, diesmal wird es schwieriger für die Kultur, all dem noch etwas Gutes abzugewinnen. Sich aus diesem von außen verordneten Sumpf herauszuziehen. Ja, die Sehnsucht nach Kultur ist groß. Mal wieder ins Museum gehen, nicht nur virtuell. Konzerte erleben in Gemeinschaft mit Musik, von Menschen in Gemeinschaft gemacht. Bis es das wieder gibt, wird es noch lange dauern.

Nicht nur, weil die Sache mit den Hygienekonzepten und den Aerosolen beim gemeinsamen Singen oder Musizieren schwierig ist, sondern auch, weil die Menschen davon entwöhnt werden. Ob lautes Rufen hilft?

Ob laut sein wirklich hilft? Vielleicht wird damit immerhin erreicht, dass die Politik die Nöte der Kultur mehr als bisher zur Kenntnis nimmt. Doch die Gefahr ist groß, dass sie in der Kakophonie derer, die aus genauso guten Gründen laut sind, überhört wird. Dann kommt noch hinzu, dass Politiker die Kultur oft als „Freizeit“ abstempeln. Freizeit aber scheint etwas zu sein, was in einer Pandemie unbedingt unterdrückt gehört. Wie sonst ist es zu erklären, dass monatelang rigoros alles von Zoos bis Museen geschlossen wurde? Als wenn das nicht Einrichtungen wären, die sich mit den richtigen Konzepten risikolos besuchen ließen.

Kommt der Hunger nach Kultur?

Als grundsätzlich optimistischer Mensch gefällt mir der Gedanke, dass möglicherweise nach der Agonie die Wiederauferstehung kommt. Könnte es nicht auch sein, dass die Menschen, von Kultur entwöhnt, nach den Einschränkungen umso mehr Hunger danach haben? Sie eifriger nutzen und mehr wertschätzen? Ich hoffe es. Die Kultur hat es verdient. Nicht nur die professionelle, auch die der vielen, vielen Laien. Ich hoffe nicht, dass diese Hoffnung ein Trugschluss ist.

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