Der Popanz um Weihnachten – ist der real?

Als ich ein Teenager war, da habe ich noch ab und zu in Frauenzeitschriften geguckt. Was mir angesichts der Debatten um Weihnachten in der Pandemie wieder eingefallen ist, ist der Popanz, der dort um Weihnachten gemacht wird. Ich weiß nicht, ob das heute noch so ist, ich lese dank guter Terminorganisation nicht mal mehr beim Friseur oder im Wartezimmer Frauenzeitschriften.

Woran ich diesen Popanz festmache? Zunächst an den Abendkleidern beziehungweise daran, wie sich die Menschen laut diesen Frauenzeitschriften für das Fest aufgebrezelt haben. Wer am Heiligabend nicht mindestens auftritt wie beim Wiener Opernball, der hat entweder keinen Stil oder weiß nicht, wie Weihnachten zu sein hat.

Mit Abendkleid und Smoking

Ob Heiligabend oder erster Feiertag, für Frauen ist danach mindestens ein Abendkleid angesagt, dazu hohe Schuhe, dicke Klunker und ein besonderes Make up. Der Weihnachtsherr von Welt trägt Smoking und Lackschuhe, die Kinder niedliche Kleidchen und die Jungen eine Fliege. Es lebe der Styleguide für Weihnachten. Übrigens ein Trend, der sich wunderbar auf die Schippe nehmen lässt.

Wird in deutschen Familien wirklich so aufwendig Weihnachten gefeiert? Und welche Frau hat Zeit und Lust, am Morgen des Heiligen Abends noch zum Friseur zu rennen, um sich die Haare ondolieren und mit Goldstaub bestäuben zu lassen. Der typische Gang an diesem Tag führt höchsten gehetzt zum Supermarkt, um irgendeine vergessene Zutat fürs Weihnachtsessen zu besorgen.

Ein realitätsferner Popanz

Abgesehen davon, dass dieses Jahr alles anders ist und Home-Weihnachten ähnlich lässig sein dürfte wie Homeoffice, halte ich diese Inszenierung, diesen Popanz, für völlig realitätsfern. Natürlich ist der Heilige Abend kein Abend wie alle anderen. Es gebietet schon der Respekt vor uns selbst und unserer Kernfamilie, nicht in Jogginghose und mit ungekämmten Haaren zur Bescherung zu erscheinen. Haben wir sowieso nie gemacht. Aber muss es gleich ein Ball-Outfit sein?

Von meinem Vater, Lehrer von Beruf, haben wir Kinder immer gesagt, er binde nur zwei Mal im Jahr einen Schlips um. Zum Elternsprechtag und zu Weihnachten. Ähnlich war es bei meiner Mutter und uns vier Kindern. Am Heiligabend zogen wir uns etwas Hübsches an, etwas, was auch zu Geburtstagseinladungen oder Familienfesten aus dem Schrank geholt wurde. Hübsch, sauber und insofern ganz normal. Ein Abendkleid hat nie jemand von uns zu Weihnachten getragen.

Dresdner Stollen und Heringssalat

Auch der Heilige Abend lief ganz normal ab. Kirche, Kaffeetrinken mit Dresdner Weihnachtsstollen, Weihnachtsliedersingen, Bescherung, und abends gab es entweder roten Heringssalat oder Pasteten mit Ragout fin. Auf den Tisch kam etwas, das meine Mutter gut vorbereiten konnte. Wir Kinder haben uns anschließend mit unseren Geschenken beschäftigt, während meine Mutter seufzend feststellte: „Das war ja wieder ein reiches Weihnachten.“ Das hat sie glaube ich jedes Jahr gesagt, bis wir Kinder alle aus dem Haus waren.

So ähnlich läuft auch in unserer Familie der Heilige Abend ab. Ganz ohne Popanz. Und in diesem Jahr leider auch ohne Gottesdienst. Ich bin keine von den U-Boot-Christen, die nur zu Weihnachten auftauchen. Als Mitglied eines Kirchenchors bin ich regelmäßig in der Kirche, und ohne Weihnachtsgottesdienst vermisse ich nicht nur die Weihnachtsbotschaft, sondern auch das gemeinsame Singen aus voller Kehle: „Oh du fröhliche“ mit Untermalung vom Zimbelstern auf der Orgel in unserer Dorfkirche.

Auch ohne Gottesdienst und gemeinsames Singen – ich vermisse es so sehr – werden wir ein schönes Weihnachtsfest und einen gemütlichen Heiligabend haben. Es gibt keinen Heringssalat, auch nicht das norddeutsche Traditionsessen Würstchen mit Kartoffelsalat. Bei uns kommen seit Jahren traditionell Blinis mit Lacks und Forellenkaviar an Heiligabend auf den Tisch. Anschließend geben wir uns dem Kapitalismus hin: Wir spielen Monopoly. Was gibt es schöneres, als den Heiligen Abend mit einem gemeinsamen Spieleabend abzuschließen, nur in unserer Kernfamilie, ganz ohne gefährliche Kontakte.

In diesem Sinne: Allen fröhliche Weihnachten ohne großen Popanz, aber mit schöner Stimmung, ob allein oder mit den engsten Liebsten zusammen.

2 Kommentare

  1. Hallo, der Beitrag gefällt mir, leider gibt es hier keinen „Like“-Button, so muss ich doch meinen Senf in schriftlichr Form dazu geben ;-)
    Ich persönlich finde ja auch, dass zu Weihnachten total übertrieben wird und ich bin immer froh wenn es Januar ist. Dann ist der Zirkus wieder vorbei. In diesem Sinne wünsche ich ein gesundes 2021.
    Gruss von der grünen Insel
    Markus

    1. Hallo Markus,
      danke für den Kommentar. Like-Buttons habe ich wegen der DSGVO abgeschafft. Das war mir zu riskant.
      Auch Dir ein frohes neues Jahr 2021. Nun ist der Feiertagsreigen und der Popanz darum ja vorbei.

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