Corona zwischen Kontaktsperre und Denunzianten

Ich wollte hier nie über Politik, tagesaktuelle Ereignisse und schon gar nicht über Corona schreiben. Jetzt muss es aber doch sein, um ein paar Gedanken von mir dazu festzuhalten. Zu der Pandemie und allem, was in ihrem Schlepptau über uns gekommen ist, fällt mir eine Menge ein und auf.

Kontaktsperre

Ich in froh, dass Angela Merkel unsere Bundeskanzlerin ist. Ich habe sie nie gewählt und hätte nicht gedacht, dass ich das jemals sagen würde. Aber ich finde es toll, wie sie durchdrehende Landesfürsten im Zaum zu halten versucht und wie abgewogen sie über die notwendigen Maßnahmen entscheidet. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich sehe völlig ein, was getan werden muss, um Corona zu stoppen. Aber ich sehe einen Aktionismus der Politik, bei dem mir nicht wohl ist. Dass jetzt bundesweit eine Kontaktsperre und keine Ausgangsbeschränkungen/Ausgangsverbot verhängt worden ist, finde ich richtig.

Warum, habe ich mich die vergangenen Tage gefragt, sollen Menschen nicht rausgehen, um sich zu bewegen oder frische Luft zu schnappen. Es geht doch nicht ums Zuhausebleiben, sondern darum, das Virus nicht weiterzugeben, also Abstand zu halten. Das geht überall dort, wo nicht viele andere Menschen unterwegs sind – im Wald, in der Feldmark, in großen Park, ja, sogar am Strand. Das Verhängen eines Kontaktverbots rückt den Fokus wieder auf das Thema, um das es wirklich geht.

Unser Haus im Grünen: Warum sollte ich hier zwingend zuhause bleiben müssen?

Ich weiß natürlich, dass unsere Familie in diesen Tagen von Corona in einer besonders priviligierten Situation ist. Rund ums Haus in einem Radius von zwei Kilometern nur Wald und Felder. Ein großes Haus, ein großer Garten, da lassen sich die Einschränkungen gut aushalten. Mir ist ebenso klar, dass viele andere, gerade in der Großstadt, in ganz anderen Verhältnisse leben. Und gerade für diejenigen ist ein Kontaktverbot die viel bessere Alternative. Ohne schlechtes Gewissen rausgehen, wenn man dabei Abstand hält und nicht mit mehr als zwei Personen zusammentrifft. Das sollte machbar sein, um keinen Lagerkoller zu kriegen.

Denunzianten und selbsternannte Hilfspolizisten

Eine Krise löst das beste und das schlechteste im Menschen aus. Das ist eine Binse, hat die Corona-Krise aber wieder einmal bestätigt. In den sozialen Netzwerken tummeln sich auch diejenigen, die meinen, andere belehren und erziehen zu müssen. Kleines Beispiel: Ich habe gepostet, was falsch daran sein soll, alleine draußen spazieren zu gehen. Antwort bei Twitter: „Die sollst zuhause bleiben. Du sollst zuhause bleiben. Du sollst zuhause bleiben. Warum bist du nicht intelligent genug, das zu kapieren?“

Zuhause bleiben um des Zuhausebleibens willen? Darum geht es doch gar nicht. Da haben viele offenbar etwas missverstanden. Es geht um nichts anderes, als Kontakte zu anderen Menschen zu vermeiden, egal wo. Aber das wollen wiederum andere offenbar nicht kapieren. Wenn ich dann noch höre, dass irgendwelche Leute Menschen beim Spazierengehen fotografiert und damit in sozialen Netzwerken an den Pranger gestellt haben, bin ich völlig fassungslos. Ebenso über die, die solche Menschen sehen und sofort das Ordnungsamt anrufen. Gab’s alles schon. Noch schlimmer: Sie stellen Spaziergänger oder Leute auf der Straße zur Rede als selbsternannte Hilfspolizisten.

Anderes Beispiel: Der Kreis Ostholstein, in dem ich arbeite und nicht mit einem OH-Kennzeichen unterwegs bin, ist für Urlauber und Tagesgäste gesperrt, Zweitwohnungsbesitzer sind aufgefordert, den Kreis zu verlassen. Seitdem gehen Menschen auf die Jagd nach Autos mit auswärtigen Kennzeichen. Einer hat rote Zettel hinter Scheibenwischer geklemmt: „Verlassen Sie den Strand und kehren Sie an Ihren gemeldeten Wohnsitz zurück. Sie sind hier unerwünscht.“ Eine regelrechte Hexenjagd gegen Autofahrer mit fremden Kennzeichen hat eingesetzt. Manche fürchten gar, dass ihre Autos zerkratzt werden. Dabei ist es heute nicht mehr Pflicht, das Kennzeichen bei einem Umzug zu ändern. So wie ein Kollege, der ein Berliner Kennzeichen hat, aber mit erstem Wohnsitz in Ostholstein gemeldet ist.

Ruf nach Ausgangssperre

Sorgen macht mir aber noch etwas anderes: Wie viele in den vergangenen Tagen „Ausgangssperre jetzt!“ gepostet haben. Es gibt offenbar bei vielen Menschen eine tiefe Sehnsucht danach, dass endlich mal ordentlich durchgegriffen wird. Dass gleich die große Keule geschwungen wird. Angesichts von Denunzianten, selbsternannten Hilfspolizisten und den Rufen nach einer starken Hand, die alles fix regelt, wird mir ein bisschen mulmig. Wenn ich die vielstimmigen Forderungen danach höre, kann ein bisschen besser verstehen, was zwischen 1933 und 1945 in Deutschland passiert ist und warum so viele mitgemacht haben. Bei unseren Politikern sehe ich einen offenbar sehr starken Drang, auch noch den letzten Abweichler einzufangen. Ob das gerechtfertig ist? Wenn sich 95 Prozent der Menschen an die Regeln halten, machen dann die anderen fünf Prozent wirklich alles kaputt?

Dieses Gefühl, alles anpacken und möglichst rigide regeln zu müssen, greifen einige Politiker auf, in dem sie mit Maßnahmen für ihre Bundesländer vorpreschen. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass mancher eine klammheimliche Freude an seinem Tun verspürt. Was mich aber vor allem stört: Es gibt seit einer Woche einschneidende Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus. Aber niemand wartet ab, was das bringt. Beinahe atemlos wird Einschränkung auf Einschränkung verhängt. Das, was wir bis zur Kontaktsperre hatten, dürfte bereits einen Großteil der zwischenmenschlichen Kontakte gekappt haben.

Ist das ein Dammbruch?

In der jetzigen Situation liegt eine Gefahr, die auch andere bereits sehen. Wird wirklich alles nach dem Überwinden von Corona wieder zurückgedreht? Wahrscheinlich. Aber was ist, wenn die nächste Krise kommt? Ist die Politik dann wieder schnell damit bei der Hand, Bürgerrechte einzuschränken? Wird der Ausnahmestand zunehmend normal? Was einmal geht, geht bestimmt noch einmal. Ich wünsche mir zumindest eine Debatte, bei der die weitgehende Einschränkung der Bürgerrechte thematisiert und solche Gefahren besprochen werden.

Chance für kleine Diktatoren

Dann ist da noch die internationale Politik, die in Zeiten von Corona vieles bestätigt, was wir schon immer vermutet haben. Welche waren die Länder, die zuerst ihre Grenzen geschlossen haben? Die, die das sowieso schon immer wollten. Was passiert in Polen? Da wird mal eben im Handumdrehen eine Diktatur – auf Zeit? – eingeführt. Und die Europäische Gemeinschaft? Existiert offenbar gar nicht mehr oder spielt nur noch eine untergeordnete Rolle.

Ich wünsche uns allen, dass wir bald sehen, dass die einschneidenden Maßnahmen etwas bringen. Ich will keine Zustände wie in Italien. Ich sehe völlig ein, dass jetzt gehandelt werden musste. Aber ich erlaube mir, das eine oder andere kritisch zu sehen.

5 Kommentare

    1. Das vermag ich nicht einzuschätzen, deshalb habe ich es als Frage formuliert. Wenn es so sein sollte, dann halte ich es für gerechtfertigt, auch noch den allerletzen einzufangen.

  1. Liebe Susanne, ich bin entsetzt und fassungslos. Du vergleichst allen Ernstes die heutige Ausnahmesituation, die aufgrund der rasanten Ausbreitung eines Virus und den damit einhergehenden Folgen entschlossene Maßnahmen der Politik fordert, mit der Verfolgung von Juden, Sinti und Roma oder dem Widerstand durch die Nationalsozialisten? Geht’s noch??? Komm mal wieder zur Besinnung. Und Ja, es kommt auf die fünf Prozent an.

    1. Ja. Das finde ich ich auch fragwürdig. Wer heute bei der Polizei angezeigt wird, muss nicht damit rechnen, dass er vergast wird.

      Der Ruf nach einer Ausganssperre – oder sage wir mal einer Kontaktsperre, wie sie jetzt herrscht hat etwas mit Angst und dem Gerechtigkeitsgefühl zu tun. Ich musste am vorletzten Montag noch einmal in die Innenstadt von Kiel. Ich hatte mir fest vorgenommen, mir mein Laptop zu holen und dann nur noch Home-Office zu machen. Und dann habe ich in der Innenstadt gesehen, dass die so voll war, wie an jedem anderen Tag. Die Leute saßen in Cafes und genossen was sie gerade da taten. Ich muss sagen, ich fand das einigermaßen unfair. Deswegen hatte mich das auch an das Schild in der Fußgängerzone von Norddorf auf Amrum erinnert: „Vernünftige Leute fahren hier nicht Fahrrad – allen anderen ist es verboten.“

      Ich kann mir vorstellen, dass das auch die Leute in den Urlaubsorten so empfinden. Zettel schreiben muss man dann vielleicht nicht gerade. Aber den Impuls kann ich verstehen.

      1. Mein Ausführungen bezogen sich darauf, wie viele Leute sich offenbar plötzlich zum Hilfspolizisten oder Denunzianten berufen fühlen, nicht auf die Konsequenzen, die selbstverständlich damals völlig andere waren. Wenn diese Unterscheidung nicht deutlich geworden ist, tut es mir leid. Es ging mir lediglich darum, diese innere Haltung zu kritisieren. Man kann die Maßnahmen angemessen oder überzogen finden, aber sie sind einzuhalten und darüber haben die zu wachen, deren Aufgabe es ist. Das können die sehr gut ohne Zuarbeit selbsternannter Blockwarte aus der Bevölkerung. Die aber gab es damals und heute.

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