Duzen oder siezen: Eine Frage mit vielen Facetten

Darf ich Sie duzen oder muss ich Dich siezen? Oder darf’s vielleicht das Hamburger Sie sein. Oder das Holsteinische Ihr? Vielleicht doch lieber das Supermarkt-Du? Ob sich Menschen mit du oder Sie ansprechen und ob andere das gut finden, hängt von vielen Umständen ab. Auch wenn das Duzen immer mehr um sich greift, gibt es doch gute Gründe für das Siezen.

Ich komme aus einem konservativen Elternhaus, das sich erst im Laufe der Jahrzehnte zu einem grün-konservativen gewandelt hat. Über Jahrzehnte galt vor allem für meinen Vater eine eiserne Regel. Jemanden zu duzen, erfordert entweder, dass er zur Familie gehört oder dass eine Freundschaft schon recht lange besteht. Das Duzen außerhalb der Verwandtschaft gehörte lange zur absoluten Ausnahme. Doch selbst mein mittlerweile 88-jähriger Vater handhabt das Duzen schon seit einigen Jahren deutlich lockerer.

Nicht jeder schätzt das lockere Duzen

So wie es überhaupt seit einigen Jahrzehnten von vielen immer lockerer genommen wird. Was nicht allen recht ist. Mir auch nicht in jedem Zusammenhang. Ich finde es zum Beispiel überhaupt nicht gut, wenn Journalisten diejenigen, die sie befragen, duzen. In der Fußball-Berichterstattung scheint das zum Beispiel mittlerweile fast üblich geworden zu sein. Finde ich hochproblematisch. Oder wie meine Mutter immer sagt: Sie dummer Esel klingt immer noch besser als du dummer Esel. Womit ich nicht sagen will, dass Sportreporter Fußballer als Esel bezeichnen sollten. Aber harte Fragen klingen, per Sie vorgetragen, doch besser und glaubwürdiger.

Weil das Duzen doch eine gewisse Nähe symbolisiert, sollten sich Journalisten die Distanz mittels des Sie erhalten. Aus diesem Grund habe ich als Redakteurin bereits mehrmals Angebote zum Duzen abgelehnt, nämlich immer dann, wenn sie von Politikern oder Verwaltungsspitzen wie Bürgermeistern kamen. Wie sieht das aus, wenn ich in einem Pressegespräch das Mitglied einer Fraktion per Du frage, während die Opposition ebenfalls dabei ist? Was sollen Menschen, die von mir kritische Nachfragen erwarten, davon halten, wenn ich die, die ich streng befrage, duze?

Zunehmend wird jedoch in den Nachrichten-Sendungen im Fernsehen geduzt. Vor allem dann, wenn der Sprecher oder Moderator zu einem Korrespondenten nach draußen schaltet. Das gefällt nicht jedem.

Tatsächlich gibt es so etwas wie das journalistische Du. Treffen sich zwei Journalisten, wird in den allermeisten Fällen nicht gesiezt. Das ist auch bei anderen Berufsgruppen so, wie ich bei Polizisten, Feuerwehrleuten (auch freiwilligen) und bei manchen Schulen – nicht bei allen – unter Lehrern beobachten konnte. Warum also sollten sich Fernsehjournalisten bei Schalten das Duzen verbieten und krampfhaft zum Sie übergehen, wenn sie auf Sendung sind?

Niemals zurück zum Sie

Das lässt sich auch bei anderen Fernseh-Formaten beobachten, dass Menschen sich plötzlich siezen, die sonst per Du sind. Besonders peinlich ist es, wenn sie sich dabei noch verhaspeln und plötzlich ins Du zurückfallen. Da finde ich es ehrlicher, wie manche Moderatoren es handhaben. Sie weisen zu Beginn eines Gesprächs darauf hin, dass die Beteiligten sich sonst auch duzen und es deshalb beibehalten. Das finde ich auch dem Zuschauer gegenüber in Ordnung. Klar, das kann man auch anders sehen.

In solchen Debatten gibt es dann noch die Verfechter regionaler Varianten, etwa des Hamburger Sie. „Heinz-Günther, könnten Sie mir mal das Wasser reichen?“ Das gilt als distanziert, versiert und verbindlich. Ja, das wäre eine gute Lösung in Umfeldern, in denen traditionell gesiezt wird. Mir viele auch noch das holsteinische, vielleicht gar das norddeutsche Euch/Ihr ein. Wenn Menschen angesprochen werden, mit denen der Sprecher nicht per Du ist, weicht er ins Unverbindliche aus. „Sach mal Herr Müller, habt Ihr schon den Roggen gedroschen?“

Sonderfall Supermarkt-Du

Was auch vorkommt, ist das Supermarkt-Du. Ich habe es selbst oft gehört. „Frau Meier, weißt Du, was das hier kostet, da ist kein Preis dran?“ Im Supermarkt der Möbel und Deko-Teilchen, also bei Ikea, werden alle geduzt, ob Mitarbeiter oder Kunde. Das ist immer der Moment, an dem ich innerlich zusammenzucke. Ich mag das nicht, von mir wildfremden Menschen geduzt werden. Was ich auch manchmal beobachte und nie tun würde: Menschen mit Behinderung einfach zu duzen. Es sei denn, sie sind erst zehn Jahre alt.

Die Sache ist also komplex. Ich bin eher ein Verfechter des Sie. Aber nicht mehr so streng wie noch vor einigen Jahren. Bei Facebook oder Twitter komme ich schnell zum Du, da ist es weitgehend üblich. Und da ich vielen Menschen folge, die aus meiner Region kommen und die ich öfter treffe, bleibt es dann auch im realen Leben beim Duzen. Dann gibt es Menschen in meinem beruflichen Umfeld außerhalb der Redaktion, von denen ich mir gut vorstellen könnte, zum Du überzugehen. Das verkneife ich mir aber aus den oben genannten Gründen. Dann kommt der Moment, wo der eine oder andere in den Ruhestand geht oder den Job wechselt, und dann ist der Weg frei zum Du. Ist doch ganz einfach.

Bei aller Lockerheit gelten also immer noch gewisse Regeln zum Duzen und zum Siezen. Wer könnte da besser weiterhelfen, als der gute alte Herr Knigge. Der hat die ganze Sache zeitgemäß bis ins Detail aufgedröselt.

2 Kommentare

  1. Ich war als junger Mann mal in Cannes bei den Festspielen. Dort lernte ich ein altes französisches Ehepaar kennen, dass sich gegenseitig gesiezt hat. Sie haben mich jungen Spund auf einen Kaffee eingeladen und wollten so wohl die deutsch-französische Freundschaft feiern. Ich war schwer erstaunt über das Sie unter Eheleuten

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