Marginalisierte: Was genau soll das sein?

Nicht nur die Corona-Krise hat uns allerlei neue Wörter beschert, sondern auch die Debatten um Rassismus, die das vergangene Jahr bestimmten. Eines dieser Wörter ist immer wieder aufgetaucht: Marginalisierte. Aber was soll das genau sein?

Zunächst: Natürlich gab es dieses Wort schon immer. Aber es hat in den vergangenen Monaten nach meinem Eindruck eine steile Karriere hingelegt. Immer wieder war die Rede davon. Etwa in diesem schönen Satz, den ich bei Twitter gefunden habe: „Frauen können als marginalsierte Gruppe Frauen gar nicht marginalisieren.“

Mal abgesehen davon, dass Marginalisierte ein sperriges Wort ist, kommt es in zweierlei Gestalt daher, als Substantiv und als Verb. Da sind die Marginalisierten, eine Gruppe, die, so die wörtliche Übersetzung, ins Abseits geschoben wurde. Marginalisierung bedeutet Abschiebung ins Abseits. Wem das passiert, der ist ein Marginalisierter. Andererseits wird es als Adjektiv benutzt, beispielsweise bei marginalisierten Menschen oder marginalisierten Gruppen. Sie haben eine sogenannte marginalisierte Stimme, die gehört werden sollte.

Mehr Schlagwort als konkrete Bezeichnung

Abgesehen von der Sperrigkeit stört mich an dem Wort vor allem das Unkonkrete. Wer ist marginalisiert? Wer darf diesen Begriff für sich in Anspruch nehmen oder wem wird er – vielleicht sogar ungewollt – umgehängt? Darunter können sich nur die etwas vorstellen, die das Wort immer wieder im Munde führen. Die meisten Menschen werden nicht wissen, wer damit gemeint ist.

In der Sozialarbeit, aus der der Begriff kommt, sind damit vor allem Obdachlose, Prostituierte, psychisch Kranke, Strafgefangene und Immigranten bezeichnet worden. Manche nennen Marginalisierte inzwischen in einem Atemzug mit Frauen und Nicht-Cis-Menschen, andere sortieren die Opfer von Rechtsterrorismus unter dem Oberbegriff Marginalsierte ein. Dann werden mitunter auch anders Marginalsierte angeführt oder auch mehrfach Marginalisierte. Übrigens sind auch Frauen marginalisiert, zumal, wenn sie Künstlerinnen sind. Das ist dann marginalisierte Kunst.

Einfach sagen, was gemeint ist

Ich weiß, was mit marginalsiert gemeint ist. Aber ich finde es zu unkonkret. Warum nicht sagen, worum es geht? Wenn Menschen rassistisch beleidigt werden, sind sie Opfer von Rassismus. Dass sie damit ins Abseits gedrängt werden, versteht sich von selbst, aber wer das hört, weiß, was damit gemeint ist. Wenn Obdachlose am Rand der Gesellschaft stehen, kann sich jeder etwas darunter vorstellen.

Wobei, so mein Eindruck, diejenigen, die jetzt immer die Marginalsierten und ihre Stimmen anführen, offenbar weder Obdachlose noch Strafgefangene im Sinn haben. Es ist zum politischen Begriff für angeblich oder tatsächlich ins Abseits gedrängt gesellschaftliche Gruppen geworden, die jedoch mitten in der Gesellschaft leben.

Ich wünsche mir, dass wir weniger mit Schlagworten wie Marginalisierte um uns werfen und konkret darüber sprechen, wer diskriminiert wird und warum. Dann ist das Reden darüber weniger Lippenbekenntnis als klares Benennen der Probleme. Nur so lassen sie sich lösen. Vom Wort Marginalisierte wünsche ich mir, dass es bald wieder in der Versenkung verschwindet.

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