Spazieren gehen: Wie ein harmloser Begriff diskreditiert wird

Die Schere im Kopf kann so stark sein. Und jemand anderes kann sie so schnell öffnen und schneiden lassen. Das zeigt sich gerade am Wort spazieren gehen. Die Corona-Leugner und Impfgegner haben es für sich okkupiert. Und schon wird aus etwas völlig Harmlosen etwas, was man nicht mehr sagen mag. Oder wir leisten Widerstand dagegen.

Ich habe in der Silvesternacht gearbeitet und den Liveblog auf LN-Online mit Beiträgen aus Scharbeutz und Timmendorfer Strand versorgt. Ich habe beobachtet, wie Menschen den Silvesterabend verbringen, wenn alle Clubs geschlossen und große Feiern nicht möglich oder ihnen zu gefährlich sind. Viele, vor allem Paare und Familien, sind angesichts der milden Temperaturen in der Nacht spazieren gegangen. Sie sind über die Promenaden geschlendert und haben das trotz Böllerverkaufsverbot stattfindende Feuerwerk vom Strand aus beobachtet.

Innerlich zusammenzucken beim Begriff spazieren gehen

Dass viele spazieren gehen, habe ich auch für einen Beitrag im Liveblog formulieren wollen. Und bin in dem Moment, in dem ich es ins Handy tippen wollte, zusammengezuckt. Darf man Menschen überhaupt noch zuschreiben, spazieren zu gehen? Zumal es selbst in der Silvesternacht in unserer Region die sogenannten “Spaziergänge” der Querdenker gab. Die sind nichts anderes als unangemeldete Demonstrationen, die lediglich als Spaziergänge verbrämt werden.

Wie negativ der Begriff bereits nach wenigen Tagen des exzessiven “Spazierengehens” der Corona-Leugner besetzt ist, lese ich heute unter anderem bei Twitter. So mancher hat überlegt, ob er noch schreiben soll, dass er heute einen ausgedehnten Neujahrsspaziergang machen will. Oder ob es nicht besser sei zu sagen, man gehe an die frische Luft.

Die Schere aus dem eigenen Kopf lassen

Also bitte, wo kommen wir dahin, wenn wir uns die Wortwahl dieser Leute aufzwingen lassen? Da muss ich mich vor allem selbst zur Ordnung rufen. Ich werde den Begriff nicht vermeiden, hoffend, meine Leser werden schon wissen, was gemeint ist. Andere formulieren den Widerstand deutlich. Sie haben recht damit.

Als passionierte Spaziergängerin habe ich schon vor einigen Tagen angekündigt, nur noch Promenadologie zu betreiben, weil der Begriff spazieren gehen inzwischen so belastet ist. Aber das Wort ist ersten sperrig und zweitens stimme ich Nicola zu: Warum sollen wir uns eine Wortbedeutung aufdrücken lassen, nur weil andere glauben, unter diesem Deckmäntelchen den Staat an der Nase herumführen zu können. Sie gehen nicht spazieren. Oder anders ausgedrückt:

Wehren wir uns also, indem wir einfach so weiter so von spazieren gehen schreiben oder reden, wie es ist: völlig normal. Es ist etwas, das viele gerne tun, ohne damit etwas im Schilde zu führen. Die Gegenbewegung auf Twitter formiert sich unter dem Hashtag #reclaimspaziergang. Sie ist allerdings noch etwas schwach auf der Brust. Die dpa schreibt die Corona-“Spaziergänger” jetzt übrigens in Anführungsstrichen. Auch wenn ich sonst ein Gegner von Ironietüddelchen bin, finde ich das in diesem Fall gut. Überlassen wir den “Spaziergängern” nicht unsere harmlosen Spaziergänge.

Ein Kommentar

  1. In der Tat. Volle Zustimmung! Ich las heute Morgen diese Klassifizierung, die ich dir unbedingt zukommen lassen muss:

    Bei diesen “Spaziergängen” bekommt “dumm gelaufen” eine völlig neue Bedeutung!

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