Pressegespräch: Wann es wirklich sinnvoll ist

Das Pressegespräch ist die kleine Schwester der Pressekonferenz. Laien stellen sich Pressekonferenzen immer so vor wie die Bundespressekonferenz im Fernsehen. In Wahrheit ist die große Masse der Pressekonferenzen vor allem im Lokalen ein Pressegespräch. Warum die immer seltener von Journalisten besucht werden und warum Kaffee und Kekse nicht ausreichen.

Als Corona kam, gingen die Pressegespräche. Die sogenannten Termine, zu denen Lokal- und Regionalredaktionen ein paar Mal die Woche eingeladen werden, endeten abrupt. Jetzt kommen die ersten dieser Einladungen wieder in die Redaktionen. Und damit kehrt auch eine Unsitte zurück, auf die ich unten weiter eingehen werde. Vor allem aber soll es hier darum gehen, warum die meisten dieser Pressegespräche kaum noch Redakteure hinterm Ofen hervorlocken und was die Veranstalter besser machen können.

Welche Pressegespräche überflüssig sind

Jede Volkshochschule stellt ihr Frühjahrs- und ihr Herbstprogramm bei einem Pressegespräch vor. Veranstalter laden ein, um ihre Veranstaltung vorzustellen. Vereine wollen verkünden, was sie Neues zu bieten haben. Bevorzugt am Freitagnachmittag, wenn alle außer den Redakteuren bereits im Wochenende sind. Während in den Zeitungsredaktionen zwei Ausgaben – die für Sonnabend und die für Sonntag/Montag – produziert werden. Ein Pressegespräch also zur völlig falschen Zeit. Profis wählen dafür den Vormittag in der Woche.

Vor allem aber sind es Pressegespräche mit völlig falschem Inhalt. Das sind alles Mitteilungen, die mit einer ordentlich verfassten Pressemitteilung per Mail ebenfalls an die richtige Adresse kommen, verstanden und verarbeitet werden. Wie ich in meinem kleinen ABC der lokalen Pressearbeit bereits schrieb, haben Redakteure keine Zeit, sich Zettel abzuholen, die auch per Mail versendet werden können.

Journalisten lassen sich nicht mit Brötchen locken

Ich habe mein Unverständnis darüber mal in einen Tweet gegossen: „Mal so grundsätzlich: Journalisten haben keine Zeit und keine Lust, sich bei Kaffee und Keksen Pressemitteilungen abzuholen, die per Mail geschickt werden können. Und bei Fragen gibt es das Telefon. Kaum ist Corona aus den Köpfen, geht das wieder los.“ Eine Antwort darauf belegt mal wieder den schlechten Ruf, den wir Journalisten haben.

Dass man Journalisten mit belegten Brötchen ködern kann, ist lange vorbei. Es erinnert mich an meine Zeiten als freie Journalistin während des Studiums. Damals haben wir noch Feuerwehr-Jahresversammlungen besucht. Da Anfang des Jahres an Freitagabenden und Sonnabendabenden mehrere gleichzeitig stattfanden und ich drei bis fünf an einem Abend besuchen musste, kam ich unweigerlich bei einer der Versammlungen an, wenn gerade das Essen aufgetragen wurde. Kommentar eines Wehrführers: Ach, die Presse ist auch schon da, pünktlich zum Essen. Coram publico natürlich, übers Mikrofon.

Warum Vereine die Presse nicht mehr brauchen

Erstens: Wir sind nicht verfressen. Zweitens: Wir Journalisten haben heute keine Zeit mehr, uns bei Terminen Brötchen oder Kekse kredenzen zu lassen. Und drittens, das gilt jedenfalls für mich und meine Kollegen: Wir stecken keine Zeit in banale Texte nach Pressegesprächen, wenn wir in derselben Zeit Artikel recherchieren und schreiben können, die die Mehrheit unserer Leser wirklich interessiert. Und viertens: Feuerwehren, Vereine und Veranstalter haben im Internetzeitalter viel mehr Möglichkeiten, in ihrem Interesse zu kommunizieren. Dazu brauchen sie die Presse nicht mehr. Weshalb zum Beispiel die Berichterstattung über die Wahlen und Ehrungen der Freiwilligen Feuerwehren oder bei Schützenvereinen mittlerweile weitgehend auf deren Facebook-Seiten stattfindet.

Aber wie und zu welcher Gelegenheit ist ein Pressegespräch sinnvoll und wie lockt man Journalisten dorthin? Zunächst sollten sich die Veranstalter überlegen, was sie zu sagen haben. Ist es so komplex, interessant oder bahnbrechend, dass sie eine Einladung aussprechen sollten? Ist es ein Thema, das zu vielen Nachfragen und weiteren Erläuterungen animiert? Wird etwas vorgeführt oder präsentiert, das fotografiert oder gefilmt werden muss?

Wann ein Pressegespräch wirklich sinnvoll ist

Sinnvoll ist ein Pressegespräch vor allem immer dann, wenn zu erwarten ist, dass es zu einem Thema viele Fragen gibt. Statt die alle nach und nach am Telefon zu beantworten, ist es besser, interessierte Journalisten einzuladen. Dann profitieren auch die Kollegen von den Fragen der anderen und nicht alle müssen dasselbe fragen. Ein Pressegespräch ist auch dann angebracht, wenn besondere Gäste da sind. Solche, die Redakteure sonst kaum mal zu Gesicht kriegen oder befragen können. Die Friedrich-Naumann-Stiftung hat im Mai zu einem Pressegespräch mit der regimekritischen russischen Punkband Pussy Riot eingeladen.

Eine Pressekonferenz sollte auch immer dann angesetzt werden, wenn ein schreckliches Ereignis, eine Katastrophe oder irgendetwas, das Schlagzeilen macht, passiert ist und das Informationsbedürfnis sehr groß ist. Solche Veranstaltungen sind ein Fall für Profis: Wer soll Fragen beantworten? Sind die Gesprächspartner auch auf kritische Fragen vorbereitet? Gibt es Namensschilder mit Funktionsbezeichnung für jeden Redner? Auch wenn wichtige Leute das glauben: Nicht jeder kennt sie. Sind die wichtigsten Punkte auf einem Waschzettel aufgeführt? Sind genug Kopien davon da? Gibt es Platz für Mikrofone und Kameras der Radio- und Fernsehkollegen? Bleibt hinterher Zeit für Nachfragen und für O-Töne? Das alles muss jemand organisieren.

Warum keine Anmeldungen für Pressegespräche

Klar ist also: Ein Pressegespräch sollte einen guten Grund haben, der über Kekse, Kaffee und Brötchen hinausgeht. Nun zur zweiten Unsitte: Bereits vor Corona wollten viele Veranstalter von Pressegesprächen vorher eine Anmeldung haben, möglichst noch mit dem Namen des Kollegen, der kommen wird. Nachdem Präsenzveranstaltungen nach Corona langsam wieder begonnen hatten, verstärkte sich dieser Wunsch noch. Diesmal wegen der Kontaktnachverfolgung. Dafür hätte man auch eine Liste auslegen können. Mittlerweile meint beinahe jeder, eine Anmeldung erwarten zu können.

Warum ich solche Anmeldewünsche generell ablehne, hat zwei Gründe. Zum einen habe ich Besseres zu tun, als dauernd Mails mit Ab- und Zusagen zu schreiben. Und zum anderen weiß ich bis kurz vor einem Pressegespräch gar nicht, ob ich es wirklich wahrnehmen kann. Was ist, wenn eine halbe Stunde vorher ein Großbrand ausbricht, sich ein Zugunglück ereignet hat oder der Bürgermeister zurücktritt? Dann muss ich mich sofort darum kümmern. Dann müssen die Kekse halt trocken und der Kaffee kalt werden.

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