Cossebaude, Gohlis, Schellerhau, Langhennersdorf: Vier Tage in Sachsen

Es war eine sehr schöne Reise. Mein Vater und ich sind im Oktober für vier Tage nach Cossebaude (Ortsteil von Dresden) gefahren, zurück in seine Kindheit und meine Jugend. Wir haben Orte in Sachsen aufgesucht, an denen er viel erlebt und erlitten hat und an die ich mich an Fahrten mit meinen Eltern vor mehr als 40 Jahren erinnern kann.

Zunächst ging es an die Elbe. Die fließt ganz in der Nähe von Cossebaude, dem Heimatort meines Vaters. Genauer: im heutigen Dresdner Ortsteil Gohlis. Am Ufer folgte das, was wohl alle Kinder an großen Flüssen machen: Steine werfen, so dass sie übers Wasser hüpfen. Was einem damals elfjährigen Jungen Spaß gemacht hat, reizt natürlich auch einen 86-jährigen Mann. Er kann es noch, wenn es auch mangels flacher Steine nicht immer klappte. Meine Vermutung, dass an dieser Stelle der Elbe wegen der Rampen auf jeder Seite einst eine Fähre fuhr, widerlegte mein Vater. Keine Fähre, eine Panzerbrücke, erst bei den Nazis, dann bei der NVA.

Die Elbe bei Gohlis: Keine Fähre, sondern eine Panzerbrücke gab es hier einst.

Im Rücken, zwischen der nach 2002 gebauten Flutmauer und der Elbe, erstreckt sich eine Streuobstwiese. Dort, berichtete mein Vater, habe er als Junge Kühe gehütet. Die kamen vom Hof gleich hinter der Flutmauer. Ein Dreiseithof, wie sie in dieser Region typisch sind. Ohne zu zögern marschierte mein Vater auf den Hof. Dort trafen wir auf den heutigen Besitzer und kamen ins Gespräch.

Erinnerungen an die Elbflut 2002

Der alte Hofbesitzer von vor 75 Jahren ist natürlich längst nicht mehr da. Er sei, heißt es, Nazi gewesen und sofort nach Kriegsende enteignet worden. Der jetzige Besitzer kommt aus der Gegend, hat den Hof von der Treuhand gekauft und Wohnungen in die alten Gebäude gebaut. Es lief gut, bis ins Jahr 2002. Da kam die große Elbeflut und zerstörte das Erdgeschoss. Heute ist alles wieder aufgebaut. Ja, die zugesagten Hilfen seien angekommen, berichtet der Mann. An der Außenmauer des dreiseitigen Hofes kündet eine Hochwassermarke davon, wie weit das Wasser gestiegen war.

Die Hochwassermarke erinnert an den großen Elbestrom von 2002.

Unsere nächste Station auf unserer Reise durch Sachsen führte uns in den Stadtteil Oberwartha. Hoch ging es hinauf, und steil. Oben lag einer der drei Gärten der Familie meines Vaters, und als Junge musste er mit dem Handwagen den Berg erklimmen, mit Bauchgrimmen. Es war die schlechte Zeit, es gab kaum etwas zu essen in der Stadt Dresden. Und so versuchten alle, selbst etwas anzubauen. Was muss der arme, hungernde Junge damals geschuftet haben.

Das Traumhaus wiedergefunden

Am Hang von Oberwartha haben wir das Haus mit dem Turmzimmer gesucht. Ich wollte es unbedingt finden, denn ich bin mit meinem Vater etwa 1974 den Hang hinab spaziert und an diesem Haus vorbeigekommen. Es war schon damals mein Traumhaus. Es lag hinter verwilderten Hecken, und am Eingang gab es ein markantes Tor. Nach kurzer vergeblicher Suche gab uns eine Passantin den entscheidenden Hinweis. Im Gnomenstieg, auf dem Weg zum Bismarckturm, fanden wir das Haus.

Das Haus Kaffeemühle, schon als Kind war es wegen des Türmchens mein Traumhaus

Beim Blick über den Gartenzaun ertappte uns der Besitzer – und hatte sofort Zeit für einen ausgiebigen Plausch. Joachim hat das Haus kurz nach unserem damaligen Besuch gekauft, den Garten entwildert, neue Fenster eingebaut, etliches renoviert. Das Waschhaus hat seine reichen Reliefs behalten, sie wurden wieder hergerichtet. Das einstige Sommerhaus, das heute seiner Tochter gehört, ist für Joachim zum festen Wohnort geworden. Es trägt den schönen Beinamen Kaffeemühle aus gutem Grund und hat eine interessante Geschichte.

Wer war Emil Schäfer?

Erbaut wurde es von einem Bildhauer namens Schäfer, vermutlich Emil mit Vornamen. Darüber gibt es zwar eine Urkunde, die Joachim besitzt, aber die Sütterlin-Schrift ist so schwer zu entziffern, dass der Vorname nicht ganz klar ist. Tatsächlich gab es einen Bildhauer namens Emil Schäfer, der in den 1890er Jahren Lehrer für Bildhauerei an der Kunstgewerbeschule Dresden war. Offenbar war er aber nicht so bedeutend, dass ihm etwa die Wikipedia einen Eintrag gönnt. Er ist dort lediglich als Lehrer des Bildhauers Alexander Höfer aufgeführt. Außerdem soll Schäfer eine Skulpturengruppe für die Nicolaikirche in Löbau entworfen und 1882 den Watteau-Saal im Bergpalais von Schloss Pillnitz im Neurokokostil ausgestaltet haben. Mehr ist dem Internet über ihn nicht zu entnehmen. Joachim weiß aber, dass sich dieser Bilderhauer vor allem mit Reliefs einen Namen gemacht hat, von denen einige an Häusern in der Nachbarschaft der Kaffeemühle und eines an deren Waschhaus hängen.

Ein Relief ziert auch das Waschhaus der „Kaffeemühle“. Hier zeigt sich die Handschrift von Emil Schäfer

Das Haus zeichnet nicht nur sein Turmzimmer aus, das mich damals schon fasziniert hat. Leider konnten wir diesen Raum nicht besuchen. Aber der Hausherr bat uns auf den umlaufenden Holzbalkon, von dem aus man einen weiten Blick über das Elbtal hat. Das Haus ebenso wie das markante Tor präsentieren sich heute in sehr gutem Zustand. Es war schön, mit Joachim zu plaudern und das Haus wiederzusehen.

Eine Pension im Erzgebirge

Ein anderes Haus – mittlerweile 350 Jahre alt – aus der Kindheit meines Vaters haben wir ebenfalls besucht. Es steht in Schellerhau, einem Wintersportort im Erzgebirge. Dort waren die Kinder meiner Großeltern, also mein Vater und meine Tante, im Winter zum Skifahren. Sie übernachteten damals in einer Privatpension einer Familie Kuhnat. Von denen lebt natürlich längst niemand mehr. Vor einigen Jahren haben Norbert Günther und seine Familie das Haus gekauft.

Die einstige Pension Kunath in Schellerhau.

Günther ist in vierter Generation Fotograf, wie er erzählt. Er ist weit herumgekommen, hat einige Jahre in Neuseeland gelebt und ist jetzt in seine Heimat Sachsen zurückgekehrt. Natürlich ist das Haus im Inneren längst nicht mehr so wie vor 75 Jahren. Die kleinen Kammern wurden zu großen Räumen zusammengelegt. Aber es gibt noch den Schober, den ehemaligen Ziegenstall darunter und eine Laube.

Hier wird die kreative Hand von Günther überdeutlich. Er ist nicht nur Fotograf, sondern malt auch, ist offenbar ein eifriger Sammler und gestaltet seine Umgebung sehr kreativ. Mit Tochter Greta auf dem Arm berichtet Günther von seiner Arbeit, vom Haus, warum er eine Giebelfront mit rot-weißem Schachbrettmuster verkleidet hat – das breche die große, fensterlose Fläche auf – und dass er wieder das Schild mit dem angestammten Namen „Waldblick“ anbringen will. Früher hatten die Häuser in Schellerhau und in anderen Orten im Erzgebirge keine Hausnummern, sondern Namen.

Norbert Günther und seine Tochter Greta in der Laube. Das Glasfenster hat er gestaltet.

Reitende Russen im Park

Die nächste Station unserer Reise ist das Dorf Langhennersdorf in der Nähe von Freiberg. Auf der Fahrt dorthin und durch die Stadt erzählt Vater von den Russen, die er durch den Park reiten sah, als er nach dem Krieg zu Fuß die sechs Kilometer von Freiberg nach Langhennersdorf, zum Bauernhof einer entfernten Verwandten, lief. Die „Russen oder Mongolen“, erzählt er, seien mit ihren Pferden immer die große Freitreppe im Stadtpark hinunter geritten.

Langhennersdorf macht seinem Namen alle Ehre. Es ist ein sehr langes Dorf, und wir haben eine Weile gesucht, bis wir den ehemaligen Hof gefunden haben. Zwei alte Damen mit Rollatoren – eine kam 1948 in Langhennersdorf in Stellung und konnte sich an die „Butze Hedwig“ erinnern – und ein etwas jüngerer Mann gaben uns den entscheidenden Tipp. Der Hof steht noch, sogar das alte Wohnhaus, aber es wird längst nicht mehr genutzt. Die Hausherrin berichtete, das neue Haus sei um 2000 herum errichtet worden. Das alte Wohnhaus stehe unter Denkmalschutz, es werde aber nichts daran getan. Zu teuer. So stehe es eben vor sich hin.

Das Wohnhaus der Familie Butze in Langhennersdorf steht heute leer.

Der Name Butze, der entfernten Verwandten meines Vaters, sagt ihr nichts. Sie weiß auch nichts von dem Drama, dem der Bauer Karl Butze zum Opfer gefallen ist. Er war unter den Nazis Bauernführer von Langhennersdorf, und als die Russen kamen, warf er Waffen in den aufgestauten Dorfbach vor seinem Hof, anstatt sie abzugeben. Er wurde, so Vaters Erinnerungen, verhaftet und kam nie zurück. Was aus ihm geworden ist, wusste niemand, zumindest hat es niemand dem damals elfjährigen Jungen erzählt. Den Dorfbach gibt es noch, das Stauwehr ist aber verschwunden, nur zwei geschlitzte Betonrampen rechts und links weisen noch darauf hin, wo das Wasser einst aufgestaut worden war.

Im Langhennersdorf gibt es noch heute Familien mit dem Namen Butze. Ein Anruf dort hat mich auf der Suche nach den damaligen Butzes aber nicht weitergebracht. Die Familien von damals und von heute sind nicht miteinander verwandt. Der Name ist nicht so selten in Sachsen.

An der Ohlsche

Zwischendurch haben wir noch einen Ausflug nach Wachwitz unternommen. Dorthin, wo einst die Tante meines Vaters, Tante Lotte, mit ihrem Mann Victor lebte. Die Straße ist die „Ohlsche“, wenn man das überhaupt eine Straße nennen kann. Ein steiles Sträßchen, das sich in seinem Verlauf zu einem Fußweg verengt. An dessen Ende lag das Grundstück der Böhmerts. Dort standen auf dem steilen Hanggrundstück das Haus sowie diverse Lauben, darunter ganz oben die Liebeslaube. Der alte Eingang ist längst verfallen, die Lauben ebenso.

Das Wohnhaus der Familie Böhmert hinter großen Bäumen. Es ist inzwischen abgerissen.

An die Stelle des Hauses der Böhmerts ist ein Neubau getreten, ein schlichter Bau mit einer riesigen Fensterfront Richtung Elbtal. Ein Rätsel bleibt, wie das Baumaterial dorthin geschafft wurde. Jedenfalls nicht durch die Ohlsche. Die Bewohner haben auch keine Autozufahrt zu ihrem Grundstück. An dessen Fuße führt der Viktor-Böhmert-Weg steil hinab ins Tal. Die unterschiedliche Schreibweise ist durchaus berechtigt, es gab Viktor den Vater und Victor den Sohn.

Victor und Lotte Böhmert an der Liebeslaube.

Der Eingang zum Haus an der Ohlsche mit einer der Lauben darüber. Beides ist verfallen.

So haben wir auf unserer Tour durch Sachsen die Orte unserer Kindheit und Jugend gefunden, aber natürlich nicht mehr die Menschen, die damals eine Rolle spielten. Kein Wunder, sind doch bis zu 75 Jahre ins Land gegangen. Natürlich hat sich in dieser langen Zeit viel verändert, aber die Häuser, die sind geblieben.

Zur Familiengeschichte gehört auch die Mission Trossin.

2 Kommentare

  1. Schön geschrieben und berührend – vielen Dank. Ich wollte mit meinen 83jährigen Vater eine ähnliche Reise durch Brandenburg unternehmen und hatte alles gebucht und vorbereitet. Leider wollte mein alter Herr nicht auf die Reise gehen. Er wollte sich trotz anfänglicher Begeisterung nicht auf die Spuren seiner Jugend begehen. Ich finde es toll, was du mit deinem Papa gemacht hast und uns daran teilnehmen lässt. Danke.

    1. Lieber Matthias
      bei mir ging der Wunsch von meinem Vater aus und ich habe ihn gerne erfüllt. Zumal ich sowieso mal wieder nach Dresden wollte, meine letzte Reise dorthin war mehr als 20 Jahre her. So habe ich ihm den Wunsch gern erfüllt und hatte eine schöne Zeit mit ihm.

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