Buchsouvenir: Der Sprach-Brockhaus von 1940

In meinem Bücherschrank steht ein dickes Nachschlagewerk. Äußerlich macht es nicht viel her, ein graugrüner Buchrücken und ein ebensolcher Einband. Darauf das Brockhaus-Logo mit dem großen Vogel in altertümlicher Art. Der Inhalt ist dafür umso interessanter, denn es ist ein Sprach-Brockhaus von 1940, vierte, verbesserte Auflage.

So steht es vorne drin, unter dem Untertitel „Deutsches Bildwörterbuch für jedermann“. Ich weiß nicht, wie das Buch in meinen Besitz gekommen ist, vermutlich stammt es aus meinem Elternhaus. Es könnte ein Konfirmations- oder Geburtstagsgeschenk für meinen 1933 geborenen Vater oder eines seiner Geschwister gewesen sein.

Ich habe den Sprach-Brockhaus bereits seit meiner Kindheit. Weil bei mir keine Bücher wegkommen, ist er immer noch da. Aber nicht nur deshalb. Auch weil er durchaus spannend ist. Es ist nämlich ein Bildwörterbuch, und die Bilder darin sind für mich immer von Interesse gewesen. Sie zeigen eine Welt, die es so längst nicht mehr gibt.

Die Darstellung des Automobils im Sprach-Brockhaus von 1940 mit Beschriftung aller Einzelteile.
Der Kraftwagen anno 1940 mit Bezeichnung der einzelnen Teile.

Ein sehr schönes Beispiel dafür ist die Darstellung des Kraftwagens, wie Autos damals offenbar genannt wurden. Alle Teile sind beschriftet, wobei mir einige fremd sind. Was bitte ist „der Sucher“ am Auto? Den kenne ich nur von der Kamera. Auch der Flaggenstab ist bei heutigen Autos nicht mehr üblich.

Ein Brockhaus der Bilder

Das Buch ist eine schöne Mischung aus Texten und Bildern, mit denen viele der aufgeführten Schlagworte verdeutlicht werden. Jede der fein gezeichneten Darstellungen ist mit der Beschriftung der Einzelteile versehen. ob Hummer (das Tier), Laute oder Segelschiff. Manches ist zeitlos, wie die Einzelteile von Steinfrucht, Scheinfrucht und Beere (alles zu finden unter dem Stichwort „Frucht“), anderes ist sehr zeittypisch. Dazu gehören die Lichtbild-Geräte mit Rollfilm, Dunkelkammer-Lampe und Belichtungsmesser.

Ein gezeichnetes Schauspiel zeigt Herrenbekleidung.
Herrenbekleidung, wie sie im Erscheinungsjahr des Sprach-Brockhaus üblich war.

Zu meinen Lieblingsseiten gehören die mit der Kleidung, fein säuberlich unterteilt in Herrenkleidung, Frauenkleidung und Kinderkleidung. Das sind Seiten, die so typisch für die Zeit sind wie kaum eine andere. Immerhin weiß ich jetzt, dass das Herrenhalstuch auch Cachenez genannt wird.

Gleichgeschaltete Definitionen

Nicht aus dem Blick verliere ich bei all dem, in welchem Jahr dieser Sprach-Brockhaus erschienen ist. Und unter welchem Regime. In dieser Zeit hat so mancher Eintrag eine Veränderung seiner Bedeutung erfahren. Spätestens beim Eintrag zum Strichwort „Volk“ wird klar, dass die Nazis auch den Brockhaus gleichgeschaltet hatten. Dort heißt es als Definition für Volk: „die menschliche Gemeinschaft, die durch gleiche rassische Grundlage, gleiche Kultur und Sprache, gleiches Brauchtum, gemeinsamen Heimatboden und gleiches Schicksal verbunden ist.“

Ganz klar: Ein Brockhaus von 1940 ist inhaltlich an vielen Stellen nicht nur heutzutage nicht mehr relevant, sondern obendrein von Nazi-Gedankengut vergiftet. Deshalb sehe ich das dicke Buch als Zeitzeugnis, habe aber trotzdem Freude an den Bildern. Und deshalb bleibt der Sprach-Brockhaus in meinem Bücherregal.

2 Kommentare

  1. Das klingt ja äusserst spannend, dieses mittlerweile eher altertümlich erscheinende Buch. Es ist aber auch ein Zeitzeuge und historisch relevant, dünkt mich. Ich würde es auf jeden Fall behalten.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere

This Blog will give regular Commentators DoFollow Status. Implemented from IT Blögg