Großes Konzerterlebnis: Die 3. Sinfonie von Gustav Mahler, von Laien gespielt
Die 3. Sinfonie von Gustav Mahler ist eine Herausforderung. Zwei Stunden anspruchsvolle Musik für Spieler und Zuhörer. Ich habe sie in der Hamburger Laeiszhalle gehört. Ein besonderes Erlebnis.
Dieses Erlebnis ist schon deshalb so besonders, weil im Orchester 92 Laienmusiker sitzen. Es ist ein Projekt des Landesverbands norddeutscher Liebhaberorchester (BDLO), das sich die mit mehr als eineinhalb Stunden Spielzeit längste jemals komponierte Sinfonie vorgenommen hat. Dabei liegt die Herausforderung für Dirigent Wolf Tobias Maximilian Müller nicht nur in der Größe des Werkes und der Tatsache, dass hier Laienmusiker im Orchester sitzen. Es ist auch seine große Aufgabe, die Musiker, die aus verschiedenen Orchestern kommen, zu einer Einheit zusammenzufassen. Hinzu kommen noch zwei Chöre und eine Altistin.
Eine Sinfonie wie ein Gemälde
„Es ist ein Geschenk, dazuzugehören“, sagt Nick Vogler, Redakteur und Cellist aus Lübeck. Er hat bereits 2024 mitgespielt, als das Lübecker Kammerorchester unter anderem die Sinfonie Nr. 5 von Dmitri Schostakowitsch aufgeführt hat. Die Mahler-Sinfonie sei noch viel schwieriger, technisch, musikalisch, und manchmal sei auch schwer zu hören, was im Orchester vor sich geht. Wie er das Konzert und das Werk empfunden hat? „Das ganze Werk ist wie ein großes Gemälde, und jeder hat seine Farbe beizusteuern“, beschreibt Vogler sein Gefühl.

Farbenreich ist die 3. Sinfonie wirklich. Und sie zeigt deutlich, dass Gustav Mahler ein Faible für tiefe Bläser hatte. Das wird gleich im Anfangsmotiv des 1. Satzes deutlich, den Posaunen, Hörner und Tuba zu spielen haben. Satter Klang, Töne ohne Fehl und Tadel, dazu die wunderbare Akustik der Laeiszhalle: Schon nach wenigen Takten war klar, welches Klangerlebnis die Zuhörer erwarten durften. Mahler mochte die Bläser, schrieb ihnen immer wieder und nicht nur den tiefen wie Fagott oder Tuba Solopartien in seine Sinfonie. Da konnten sie glänzen, etwa die Oboen, ebenso wie die Schlagzeuger, die einen der schwierigsten Parts bei solchen Werken haben.
Je mehr Streicher, desto mehr piano
Etwas, was den Streichern so nicht vergönnt ist. Sie spielten ihr ganzes Können bei den großen Tutti-Passagen aus. Vor allem im letzten Satz, überschrieben „langsam ruhevoll empfunden“, bewiesen die Geiger, Bratschistinnen, Cellisten und Bassisten, dass sie trotz ihrer Masse in elfengleichem Piano zu spielen verstehen. Etwas mehr Zurückhaltung des Orchesters wäre dagegen im vierten und fünften Satz schön gewesen. Die Altistin Dorothee Bienert hatte zeitweise Mühe, sich gegen die machtvollen Instrumentalisten durchzusetzen. Da ging es dem Frauenchor und dem im oberen Rang platzierten Kinderchor etwas besser. Vor allem der Kinderchor mit seinem unprätentiösen und etwas rauen Bimm-Bamm-Bimm sang sich in die Herzen der Zuhörer.
Der Rang war auch die Bühne für Posthorn-Solistin Antonia Efinger. Für viele nicht sichtbar, aber hörbar, weshalb sich etliche Köpfe nach hinten-oben drehten. Efinger spielte ihren Part hinreißend schön, ein winziger Tonwackler fiel da nicht ins Gewicht.
Mahler verlang Könner
Die Ausschreibung des BDLO Nord für die Laienmusiker verlangte für die Mahler-Sinfonie „sehr fortgeschrittene Instrumentalisten“, was angesichts der Schwierigkeit des Werks kein Wunder ist. Umso mehr Hochachtung verdient die Leistung der Musiker und Musikerinnen, die allesamt keine Profis sind, aber nahe an deren Können heranreichen. Da geht es nicht nur um Töne, sondern natürlich auch um ein gelungenes Zusammenspiel, um Dynamik und Tempi, und darum, Mahlers überbordende Spielanweisungen umzusetzen. So enthält allein der erste Satz für die Bratsche an die 500 Eintragungen. Nick Vogler berichtet aus den Proben, dass Dirigent Müller darauf hingewirkt habe, alles so zu spielen, wie Mahlers Anweisungen lauten.
Obendrein musste Müller den Haufen zusammenhalten, um es flapsig auszudrücken. Keine leichte Aufgabe, wenn die Ausführenden aus so vielen Ecken, sprich Laienorchestern, kommen. Mit vollem Körpereinsatz und straffem Dirigat meisterte der Dirigent seine Aufgabe bestens. Jedenfalls habe ich in der ganzen langen Aufführung kein merkliches Klappern gehört. Eventuelle Fehler dürften höchstens exzellenten Kennern des Werks aufgefallen sein.
Furioses Finale nach eineinhalb Stunden
Ein musikalischer Hochgenuss endete mit dem furiosen Finale des sechsten Satzes mit hämmernden Paukenschlägen, viel Blech und tanzenden Geigenbögen. Danach hätte ich mir noch ein paar Sekunden andächtige Stille gewünscht. Einen Moment, um diese wunderbare Musik in mir nachhallen zu lassen. Leider hat ein Bravo-Brüller rechts hinter mir diesen Moment kaputt gemacht. Sehr schade. Aber diese Leute sind offenbar nicht auszurotten.



