Sachkack und Caffè Latte: Notizen von der Schreibtischunterlage
Auf meinem Schreibtisch liegt eine Unterlage aus Papier. Ein guter Platz, um dort Wörter zu verewigen, die ich nicht vergessen will: Sachkack, Caffè Latte und Mot juste.
Es sind nur ein paar Stichworte, die ich auf meiner Schreibtischunterlage notiert habe. Meistens Wörter aus dem Journalismus. Solche, die intern in Redaktionen benutzt werden oder die ich einfach treffend für verbreitete Phänomene halte. Beispiel: Wie ich immer sage, gibt es im Job einer Reporterin Schwarzbrot und Sahnetorte. Schwarzbrot, das sind der Besuch von Ausschusssitzungen und Stadtvertretungen, nach denen der Journalist trockenes Verwaltungsdeutsch in Texte übersetzen muss, die im Idealfall den Lesern sagen, was Entscheidungen für sie bedeuten.
Sachkack als abfällige Bezeichnung
Es sind Termine, bei denen Papiere – mittlerweile meistens digital – gewälzt werden müssen. Bei denen Kommunalpolitiker oft so argumentieren, dass man als Zuhörer mit der Faust auf den Tisch hauen möchte. Sachkack eben, wie das intern ebenfalls heißt. Der Begriff wird auch als abfällige Bezeichnung für faktenbasierten, trockenen Journalismus verwendet. Dabei dürfte es trockenen Journalismus gar nicht geben. Ist es doch Aufgabe von Redakteuren und Reportern, sperrige Themen verständlich und spannend aufzuschreiben.
Und dann die Sahnetorte. Das waren für mich meistens Reportagen, bei denen es um große Maschinen ging. Buhnenbau an der Ostsee, Abriss von riesigen Silos. Oder um interessante Menschen. Um Orte, an die Hans und Franz üblicherweise nicht hinkommt, etwa die Ausnüchterungszellen der Polizei. Das ist, um noch mal ein Klischee zu bemühen, das Salz in der Reportersuppe.
Um nochmal auf den Sachkack zurückzukommen: Das Schwarzbrot im Reporterleben hat noch einen anderen Namen. Brot-und-Butter-Journalismus. Auch das ein Wort, das auf meiner Schreibtischunterlage steht, damit ich es nicht vergesse.
Café-Latte zum Einstieg in den Text
Ein weiterer Begriff, den ich notiert habe, ist der Café-Latte-Einstieg. Kein besonders etablierter Begriff. Was damit gemeint ist, lässt sich aber oft beobachten. Ein Text beginnt nicht mit den harten Fakten, der Nachricht, dem Lead, sondern hat eine erzählerische, atmosphärische oder anekdotische Einleitung. Kino für den Kopf sozusagen.
Der szenische Einstieg ist gerade bei Reportagen sehr beliebt. Solche Einstiege habe ich selbst oft geschrieben, etwa in kleiner Form bei meinem Besuch deutscher Truppen in Afghanistan 2006: „Eine Frau blickt aus einem Haus und winkt den vorbeifahrenden Männern zu. Für Afghanistan ist das eine Revolution. Sie ist auch ein Verdienst der Männer im Jeep. Es sind Soldaten aus Deutschland.“ Und wie bei jedem Text ist es wichtig, das Mot juste, das richtige Wort an der richtigen Stelle zu schreiben. Auch Mot juste steht auf meiner Schreibtischunterlage.
Zurück zur Schreibtischunterlage. Dort steht noch ein anderer Begriff, nämlich „haptische Produkte“. Im Fachjargon der Werbeindustrie Hapticals genannt. Gemeint sind Werbeartikel wie Kugelschreiber, Zollstöcke, neuerdings gerne auch Powerbanks oder – habe selbst schon bekommen – kleine Insektenhotels oder Thermobecher. Also alles Dinge, die man anfassen kann. In Zeiten zunehmender Digitalität offenbar immer noch ein wichtiges Segment. Mir ist der Begriff in einem anderen Zusammenhang untergekommen. Nämlich im Sinn von „wir verkaufen keine haptischen Produkte mehr“. Sprich: Hier gibt es nur noch digitale Angebote.
Beispiele sind etwa Hörbücher, Streamingdienste, Online-Kurse. Lieferung und Bezahlung erfolgen ausschließlich online. Kennt jeder. Aber die Hapticals zeigen uns, dass Menschen oft doch lieber etwas anfassen möchten. Und sei es nur ein Zollstock mit Baumarktwerbung.



