Konzert für Mähdrescher und Streicher

Mähdrescher bei der Ernte

Sommerzeit ist Erntezeit. Und Sommerzeit ist Festivalzeit. Gerne auch auf dem Lande, wie beim Schleswig-Holstein Musik-Festival, bei dem es seit Jahrzehnten gute Tradition ist, im Sommer in Scheunen und auf Gutshöfen zu musizieren. So mancher Hof- und Gutsbesitzer hat Veranstaltungen als zweites Standbein für seinen einst rein landwirtschaftlichen Betrieb entdeckt. Aber nicht immer ergeben Konzerte und Ernte eine harmonische Einheit.

Zugegeben, so ein großes Gut nur mit Landwirtschaft zu erhalten, ist ein Kunststück, das nicht gelingen kann. Und seien die Flächen noch so groß, die Erträge noch so gut, die EU-Zuschüsse noch so üppig. Und so haben viele Gutsbesitzer in den vergangenen Jahren neue Standbeine gefunden. Ehemalige Tierställe werden zu Räumen für Hochzeiten, Ausstellungen oder eben für Konzerte umgebaut und zur Verfügung gestellt. Aus Torhäusern werden Hotels, aus Tagelöhner-Katen Ferienwohnungen. Mit dem Erlös werden – und das ist auch gut so – marode Gebäude saniert und Hofanlagen aufpoliert. Nur so lassen sich die oft denkmalgeschützten historischen Gebäude erhalten. Wo alles groß ist, sind auch die Kosten für die Erhaltung groß und wollen mit Phantasie und Weitblick aufgebracht werden.

Dem kommt die Festival-Kultur entgegen. Im Sommer ziehen Musiker und Zuschauer gerne aufs Land, auf Gutshöfe und in Schlösser, aber auch auf Freilichtbühnen. Unter blauem Himmel und an lauen Sommernächten werden Musik und Theater im Freien oder in eigentlich nicht als Konzertsälen gedachten Gebäuden genossen. Ist es warm, werden Scheunentore und Fenster geöffnet. Und da sitzt dann das Publikum, lauscht den zarten Klängen der Kammermusik – und dann haut das Fortissimo eines 390-PS-Fendt – kleine Jungen wissen, wovon ich rede – oder eines New-Holland-Mähdreschers ins feinste Pianissimo. Musik weg, gute Laune weg. „Bei allem Verständnis für die Landwirtschaft müsste an so einem Abend eine Pause von einer Stunde möglich sein“, stellten verärgerte Konzertbesucher soeben nach einem solchen Quartett für Mähdrescher und Streicher fest.

Tja, und genau das ist der springende Punkt in diesem norddeutschen Sommer. Die wenigen Tage, manchmal nur Stunden, in denen das Wetter das Dreschen zulässt, müssen unbedingt genutzt werden. Bei sechs bis neun Stundenkilometern Tempo eines Mähdreschers beim Dreschen und einer Schnittbreite von neun bis zwölf Meter bei den Riesen unter den Dreschern kann sich jeder selbst ausrechnen, wie viel Acker in einer Stunde abgeerntet werden kann. An Tagen, an denen die Maschinen bis tief in die Nacht ununterbrochen laufen, weil schon wieder der nächste Regen droht, ist jede Stunde bares Geld. „Die Landwirtschaft verdient das Geld für die kulturelle Nutzung“, argumentierte denn auch ein Gutsbesitzer. Und: Wer aufs Land geht, um Kultur zu genießen, muss die Geräusche des Landlebens hinnehmen.

Jeder für sich, Konzertbesucher wie Landwirt, hat gute Argumente für seinen Standpunkt. Der Konflikt ist unauflöslich. Die einen bezahlen viel Geld dafür, Musik zu genießen. Die anderen verdienen das Geld für ihre Existenz und die Existenz ihrer Güter und Höfe auch und vor allem aus der Landwirtschaft. Jedem gerecht zu werden, ist unmöglich. Einer muss Abstriche machen. Die Landwirte werden es nicht sein.

 

 

 

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