Im Arbeitstempo Gender marsch? Die Sache mit dem Mit-gemeint-sein

Es gibt Orte, an denen das so oft verdammte generische Maskulinum in Stein gemeißelt ist. Reithallen und Reitplätze gehören dazu. Dort wird mit Stentorstimme kommandiert: „Im Arbeitstempo Galopp marsch!“ Ab und zu wird beim Abteilungsreiten – also dem Reiten in der Gruppe – die Gruppe geteilt. Dann heißt das Kommando aber nicht: „Die ersten drei Reiter und Reiterinnen im Arbeitstempo Galopp marsch!“ Nicht mal dann, wenn alle drei Reiter Frauen sind.

Die meisten Reiter sind weiblich, dennoch spricht beim Reiten niemand von Reiterinnen. Foto: George Roy
Die meisten Reiter sind weiblich, dennoch spricht beim Reiten niemand von Reiterinnen. Foto: George Roy

Ich bin Reiterin. Kommt das Kommando mit den ersten drei Reitern und ich bin am Anfang der Abteilung, dann gebe ich natürlich die Galopphilfe und galoppiere an. Ich bin gemeint und fühle mich gemeint. Denn erstens würde sonst das Chaos bis hin zu ausschlagenden Pferden ausbrechen – beim „Auffahrunfall“ reagieren sie nicht passiv – und zweitens bin ich damit beim Thema.

Gegner des generischen Maskulinums führen immer wieder an, Frauen seien damit nur angeblich, aber nicht tatsächlich mitgemeint. Selbst Frauen, die sich mitgemeint fühlen, sprechen diese Gegner das Mit-gemeint-sein ab. Immer wenn ich beim Abteilungsreiten bin und das Kommando für die Reiter kommt, fällt mir diese Debatte ein, deshalb dieser Einstieg in diesen Text. Ich selbst habe mich oft gegen die gleichzeitige Nennung der männlichen und weiblichen Form ausgesprochen, aus sprachökonomischen Gründen. Aus inhaltlichen Gründen bin ich keine absolute Verfechterin des generischen Maskulinums. Mit Einschränkungen.

Ich möchte nicht bevormundet werden

Ich möchte mir nicht sagen lassen, dass ich nicht mitgemeint bin, wo ich mich mitgemeint fühle. Das bezieht sich auf die Verwendung des generischen Maskulinums von der Empfängerseite, also der der Frauen beziehungsweise von mir als Frau. Niemand kann von außen sehen, wie ich mich fühle und auch nicht, ob ich mich mitgemeint fühle. Wird nicht immer wieder gepredigt, was Diskriminierung oder Rassismus sei, werde von der Empfängerseite, also von den Betroffenen definiert? Warum gilt das bei der Debatte über das generische Maskulinum plötzlich nicht mehr? Frauen, die darauf bestehen, mit dem generischen Maskulinum kein Problem zu haben, müssen sich dagegen vorhalten lassen, dass das falsch sei.  Damit moderiert Antje Schrupp einen Beitrag zu Frauen und Sprache an. Und in der Antwort auf einen Kommentar stellt sie zum angeblichen Nicht-mitgemeint-sein fest: „Das ist kein Gefühl, sondern eine Tatsache.“

Die Form hängt vom Anlass ab

Die Debatte um generisches Femininum, Maskulinum und deren Verwendung ist zu großen Teilen immer noch eine akademische. Die explizite Bezeichnung von Frauen ist dagegen in die Alltagssprache übernommen worden, wo sie angemessen und angebracht ist. Die gesprochene Sprache geht unverkrampft mit den weiblichen und männlichen Sprachformen um. Wo nur Frauen angesprochen werden oder eine einzelne Frau, wird die weibliche Form verwendet, bei gemischten Gruppen meistens das generische Maskulinum. Und nein, damit sind die Frauen nicht unsichtbar. Es geht vielmehr darum, eine Gruppe aufgrund anderer Eigenschaften, Berufe oder ihres Status‘ zu benennen, bei denen das Geschlecht keine Rolle spielt: Leser, Schüler, Studenten, Reiter. Aber niemand käme auf die Idee, in einem Kindergarten ohne männliche Mitarbeiter die Erzieherinnen dort als Erzieher zu bezeichnen.

Bleibt eine Kategorie, bei der das Benennen beider Formen – der weiblichen wie der männlichen – für mich zwingend und in Ordnung ist: bei der direkten Ansprache, etwa der eigenen Kundinnen und Kunden. Nicht umsonst beginnen Kanzlerin und Bundespräsident ihre Ansprachen zu Weihnachten und Neujahr mit den lieben Mitbürgerinnen und Mitbürgern. Bei den Wählerinnen und Wählern, denen am Wahlabend gedankt wird, finde ich es dann schon wieder etwas mühsam. Zumal hier niemand direkt angesprochen und die Floskel in jedes gerade vorgehaltene Mikrophon gesagt wird.

Ich selbst würde mich natürlich immer mit der weiblichen Form bezeichnen, erwarte das auch, wenn über mich  und nur über mich gesprochen wird. Aber immer dann, wenn ich Mitglied einer Gruppe bin, habe ich kein Problem, mit dem generischen Maskulinum. Und wenn es wieder „Reiter marsch!“ heißt, bestehe ich nicht auf der weiblichen Bezeichnung. Nicht mal, wenn ich an der Tete reite und das Kommando lautet: „Der erste Reiter im Arbeitstempo Galopp marsch!“.

3 Kommentare

  1. Du schreibst „Gegner des generischen Maskulinums führen immer wieder an, Frauen seien damit nur angeblich, aber nicht tatsächlich mitgemeint.“

    Das stimmt nicht. Wir führen an, dass Frauen beim generischen Maskulinum manchmal mitgemeint sind – und manchmal nicht. Das Problem ist, dass die Sprache hier sehr uneindeutig ist und man sich den Sachverhalt erst implizit über den Kontext erschließen muss. Als Frau jedenfalls muss man sich das erschließen. Als Mann weiß man immer sofort, ob man gemeint ist – bei männlicher Form ja, bei weiblicher Form nein.

    1. An sich richtig, aber ich glaube, dieses aus dem Kontext erschließen ist nicht so schwierig, wie Du es vielleicht glaubst. Aus meiner Beobachtung funktioniert das im Alltag ziemlich gut, sonst gäbe es viel mehr Missverständnisse. Alles in allem denke ich, dass hier ein Problem definiert wird, was an sich keines ist.

  2. Dieses mit den Füßen aufstampfende „Das stimmt nicht“ ist ziemlich problematisch. Es blendet so vieles aus und reduziert die Fragestellung aufs gröbste.

    Denn es gibt immer zwei Seiten. Beim generischen Maskulinum bin ich als Mann zwar immer mitgemeint, es fehlt aber halt auch die einfache Bezeichnung für eine rein männliche Gruppe. Frau Schrupp schreibt in ihren eigenen Kommentaren von 25 Bloggern, die nach Ägypten fahren. Nun, im Gegensatz zu Frau Schrupp sehe ich die Welt nicht ausschließlich durch die Geschlechterbrille, mich interessiert das Geschlecht der Blogger eher weniger, die Personengruppe „Blogger“ ist da deutlich interessanter. Ich kann aber davon ausgehen, daß ziemlich wahrscheinlich eine gemischtgeschlechtliche Gruppe auf dem Weg ist.

    Wenn ich jedoch von 25 Bloggerinnen schreibe, so ist direkt allen klar, daß hier nur weibliche Personen auf dem Weg sind. So weit, so banal. Die entsprechend einfache Formulierung wenn es sich nur um männliche Blogger handelt, existiert jedoch nicht.

    Was man hieraus erkennen kann ist, daß hier Männer und eben nicht Frauen „unsichtbar“ gemacht werden. Ich habe damit kein Problem, ein Problem habe ich mit der unsinnigen Aussage, daß Frauen beim generischen Maskulinum unsichtbar gemacht werden. Tatsächlich finde ich es widersinnig, wenn in der heutigen Zeit in der Gleichberechtigung ein hohes Gut ist, immer wieder das Geschlecht betont wird und im falle von queeren Personen dann noch ein viel größerer Eiertanz anläuft.

    Unterschlagen beim „ist so!“ wird natürlich auch, warum die Gabel weiblich ist, der Plural auch und somit „Die Männer“ seltsamerweise kein Problem darstellt.

    Unsinnig ist die Behauptung, daß man sich einen Mann denkt. Klar denke ich bei den Schuhmachern eher an einen Mann. Bei den Reitern schon gar nicht und ebenso bei den Bundeskanzlern und den Zahnarzthelfern.

    Bei der persönlichen Anrede „Bürgerinnen und Bürger“ habe ich auch ein kleines Problem. Tatsächlich lautet die Anrede „Katzen und Tiere“. Besonders gleichberechtigt halte ich es nicht, wenn genau ein Geschlecht herausgehoben wird, und das, bzw ein Geschlecht besonders betont wird. Die entsprechend korrekte Anrede wäre also „Bürgerinnen und männliche Bürger“, denn wenn man versucht zu vermeiden, daß man die eine Hälfte der Bevölkerung bloss nicht nur mitmeint, so sollte man es auch mit der anderen Hälfte so machen, denn Gleichberechtigung ist das sonst nicht. Übrigens würde ich es für höflich erachten, wenn Frauen von „Bürgern und Bürgerinnen“ sprechen. Wenn schon, denn schon.

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