C’est kwitsch! Die Kitsch-Freiheit der Hobbyfotografen

Mein französischer Schwager weiß nach mehreren Spaziergängen mit mir in Deutschland ziemlich genau, was Kitsch ist. Jean-Marie hat einen Blick dafür entwickelt und kommentiert annähernd oder eindeutig kitschige Artefakte vom Gartenzwerg bis zu Glitzerschuhen gerne mit dem empörten Ausruf „C’est kwitsch!“ So viel zu seinen Deutschkenntnissen. Bei Durchsicht der für später gesicherten Blogtexte in meinem Feedreader bin ich auf einen Artikel des Fotografiemagazins fokussiert.com gestoßen, der für die Fotografie die Frage stellt „Was ist Kitsch – und wer entscheidet das?“

Landschaft im Abendlicht - ein typisches Kitsch-Motiv?
Landschaft im Abendlicht – ein typisches Kitsch-Motiv?

Eine gute Frage. Eine, auf die es keine einfache und vielleicht nicht mal eine gute Antwort gibt. Und deshalb ergänzt die Fokussiert-Autorin Sofie Dittmann die Frage noch um „überfotografierte und damit abgeliebte“ Fotomotive. Die sind sicher etwas einfacher zu definieren als Kitsch in der Fotografie. Aber beides ist es wert, einmal genauer bedacht zu werden.

Zunächst: Mit Fotomotiven ist es wie mit Tönen. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl davon. Zugegeben, die Zahl der Fotomotive ist deutlich höher als die der Töne einer Tonleiter. Aber bei beiden gilt: Es lassen sich Schlager daraus komponieren und Symphonien, schlichte Liedchen oder wahrhaft große Musik. Um bei der Fotografie zu bleiben: Das Motiv allein ist noch kein Kitsch, entscheidend ist, was der Fotograf daraus macht. Und selbst überfotografierten oder abgeliebten Motiven lässt sich mit Kreativität und Überlegung noch ein neuer Blickwinkel abgewinnen. Auch wenn es nicht ganz leicht ist.

Aber muss das überhaupt sein? Ich gehe die Frage mal von einer anderen Seite an. Wer fotografiert? Da sind zum einen die Profifotografen, die Kundenaufträge erfüllen. Da stellt sich die Frage nach dem eigenen Geschmack und dem Kitsch gar nicht. Was der Kunde will, das bekommt König Kunde, denn der Fotograf muss leben. Die wenigen künstlerischen Fotografen, deren Bilder in Galerien und Museen gezeigt werden, lasse ich mal außen vor.

Die Hobbyfotografen haben dagegen alle Freiheit (und der Profi, der privat fotografiert, ist in dem Moment nichts anderes als ein Hobbyfotograf). Die Freizeit-Fotografen sind niemandem verpflichtet, außer sich selbst. Es ist ihr Geschmack, den sie in ihren Fotos umsetzen. Vielleicht noch der, von dem sie glauben, dass er in Fotoforen besonders viel Zustimmung zu bekommt. Warum also sollen oder müssen Hobbyfotografen jedem Kitsch aus dem Weg gehen und abgeliebte und überfotografierte Motive meiden? Lasst sie doch, wenn sie Spaß daran haben.

Mit Fotos ist es wie mit der Musik. Wer Schlager machen will, soll doch bitte Schlager komponieren oder singen. Er wird sein Publikum finden. Wer Symphonien komponieren oder große Opern aufführen möchte, wird ebenfalls sein Publikum finden. Und dann gibt es noch das Phänomen „unser Lied“, das sich ebenfalls auf die Fotografie übertragen lässt. Fotos sind wie Musik Auslöser von Gefühlen und Erinnerungen. Warum nicht zum zehntausendsten Mal das Taj  Mahal in perfekter Symmetrie fotografieren, gerne noch im rosigen Licht des frühen Morgens, wenn damit die Erinnerung an ein besonderes Erlebnis verbunden ist. Und wem das so wie immer fotografierte Monument aufstößt, der kann einfach weggucken. Oder still und leise für sich alleine einen Stoßseufzer ausstoßen: C’est kwitsch!

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