Abgestaubt: In zarte Frauenhand

Es ist wunderschön: Ein Lyrikband von 1892, mit Goldschnitt und „mit vielen Illustrationen in Holzschnitt und Lichtdruck“, so ist es vorne vermerkt, sowie einem kunstvoll geprägten Einband. Ich habe dieses prachtvolle Buch mit dem Titel „In zarte Frauenhand“ vor dem Container und der Mülldeponie bewahrt. Abgestaubt, bevor ein Hausstand aufgelöst wird.

So ist das, wenn ein ganzes Leben entsorgt werden muss. Es ist ein entfernter Freund der Familie, der vor einigen Woche in hohem Alter gestorben ist und dessen Erben nun den Hausstand auflösen, um das Haus zu verkaufen. Interesse haben sie nicht an den vielen Dingen, die der Mann im Laufe seines Lebens zusammengetragen hat. „Kommt alles in den Container“, lautet die knappe Ansage. Ja,manches gehört da auch hin. Aber die vielen, vielen Bücher?

Ein kunstvolles Buch

Der Aufforderung, mitzunehmen, was immer ich habe möchte, bin ich nur zögerlich gefolgt. Ganze drei Bände sind es geworden, darunter die zarte Frauenhand. An diesem Buch konnte ich nicht vorbeigehen. Es ist so wunderschön gestaltet, enthält auf einem Vorsatzblatt eine gedruckte Widmung: „Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Prinzessin Wilhlem von Württemberg in tiefster Ehrfurcht gewidmet von den Verlegern“.

Der goldgeprägte Einband des Buches.

Das Buch enthält Gedichte von allen großen deutschen Dichtern. Sie sind geordnet nach Jahreszeiten mit jeweiligen Zwischentiteln, beim Sommer etwa „Reifes Alter und Thatkraft“, beim Herbst „Ernte des Lebens“. Die Texte sind ergänzt mit zahlreichen, teils ganzseitigen Illustrationen. Dass einige Seiten etwas stockfleckig sind, tut meiner Freude an diesem Band keinen Abbruch.

Typisch für die Zeit: Eine der vielen Illustrationen in der „zarten Frauenhand“.

Nicht alle Bücher im großen Bücherregal dieses Hauses sind so schön, so beeindruckend. Es ist vieles darunter, was niemand mehr braucht, weil es längst überholt ist (Autoatlanten aus den 1970er Jahren) oder weil es Massenware war (Lesering-Romane). Das ist aber nicht der einzige Grund, warum ich nicht beherzter zugegriffen habe, als ich mir etwas aussuchen durfte.

Nicht noch mehr Bücher

Es ist die Tatsache, dass ich selbst viel zu viele Bücher im Haus habe. Bücher, an denen mein Herz hängt. Die mich faszinieren, die irgendwann in meinem Leben mal eine Bedeutung hatten oder die ich immer wieder zur Hand nehme. Alte Bücher, neue Bücher. Ab und zu kommen wieder welche hinzu, aber ich halte mich möglichst zurück und bin stattdessen gute Kundin einer Leihbibliothek.

Irgendwann wird der Moment kommen, an dem meine Erben meinen Hausstand auflösen müssen. Welche meiner Bücher werden sie zu schätzen wissen? Wahrscheinlich nicht viele. Ich fürchte, auch meine geliebte Privatbibliothek wird zu großen Teilen im Altpapier oder im Container verschwinden, so wie viele andere Dinge auch, an denen mein Herz hängt. Vielleicht kommt aber auch jemand daher und rettet das eine oder andere Buch. Vielleicht die „zarte Frauenhand“? Sie hätte es verdient.

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