Das Gendersternchen, der Glottisschlag und der Irrtum

Der "Journalist"-Titel zur geschlechtergerechten Sprache.

Gerade kocht wieder die Diskussion um das Gendern und das Gendersternchen hoch, diesmal in der gesprochenen Sprache. Anlass ist die Talkshow von Anne Will, die seit einigen Wochen das Gendersternchen mit dem Glottisschlag markiert. Gerade hat sie aus dem Bund der Steuerzahler den Steuerzahler*innen-Bund gemacht.

Abgesehen davon, ob es legitim ist, Eigennamen wie den des Steuerzahlerbundes kurzerhand gendermäßig abzuändern, ist das gesprochene Gendersternchen eine Zumutung. Bisher hat sie es ziemlich weggenuschelt. Ob es mein Tweet von vor einer Woche war, der Anne Will an diesem Sonntag dazu bewegt hat, es mal ganz deutlich zu machen?

Wie auch immer, sofort brach in den sozialen Medien wieder die Diskussion um diese Art des Sprechens los. Mich nervt es, ich finde es äußerst störend, schon beim Lesen, viel mehr noch beim Zuhören. Andere verteidigen es, feiern es sogar, dass jetzt in den viel gesehenen Fernseh- und Rundfunkprogrammen das Sternchen mitgesprochen wird. Ich habe es auch schon in den Tagesthemen und im Deutschlandfunk gehört.

Generische Männer und singuläre Frauen

Vor allem aber sitzen die, die es feiern, gegenüber den Kritikern einem Irrtum auf. Sie übertragen oft das Eintreten für das generische Maskulinum auf Einzelpersonen. Ihr Credo: Wer Steuerzahler Steuerzahler nennt, nennt auch eine einzelne Steuerzahlerin Steuerzahler. Das ist Quatsch. Natürlich ist eine Frau eine Chemikerin, Reporterin, Lehrerin oder Steuerzahlerin.

Es käme aber niemand auf die Idee, beim Begriff Steuerzahler nur an zahlende Männer zu denken. Es wäre schön, wenn es beim Finanzamt so wäre, das würde uns Steuerzahlerinnen freuen. Aber natürlich sind wir mitgemeint. Und zahlen. Im übrigen finde ich, dass die Debatte ums Gendern und das Sternchen dazu führen, dass wir uns dauernd mit dem Geschlecht beschäftigen, dabei geht es doch um Menschen, egal, ob Frau oder Mann.

Der unbekannte Glottisschlag

Bei all dem Gendern kommt mir noch ein anderer Gedanke. Ich möchte nicht wissen, wie viele Leute irritiert vor dem Fernseher sitzen, wenn Anne Wille ihren Glottisschlag, das kurze Schlucken fürs Sternchen, anbringt. Die Debatte übers Gendern ist immer noch eine sehr akademische, die da draußen, in der echten Welt, eine eher geringe Rolle spielt. Zum Glück. Ich hoffe sehr, dass die eifrigen Bemühungen von ARD und Deutschlandfunk, das zu ändern, nichts fruchten. Abgesehen davon dürften 90 Prozent der Menschen beim Wort Glottisschlag irritiert und ratlos gucken. Ob es die deutsche Bezeichnung Knacklaut besser macht?

Überhaupt, die Wörter, neudeutsch das Wording, in den Fernsehtalk-Runden nerven gewaltigt. Am Sonntag habe ich gefühlt 100 Mal das Wort Narrativ gehört, erst im Presseclub, dann bei Anne Will. Ich wette, etliche Fernzuschauer können nicht genau sagen, was ein Narrativ ist. Vielleicht sollten wir es ins Schaufenster stellen. Diese Redewendung ist angesichts der Diskussion über die Milliarden, die gerade für die Corona-Folgen ausgegeben werden, ebenfalls oft zu hören. Diese Krise bringt schon seltsame Wörter zum Vorschein.

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