Buchsouvenir: Die Vielgeliebte – Roman voller schräger Vögel

Es gibt Bücher, die gehen einem nicht mehr aus dem Kopf, selbst wenn man sie schon vor Jahrzehnten gelesen hat. So geht es mir mit dem Roman Die Vielgeliebte von Jörg Mauthe. Er kam 1979 heraus, wurde mir von irgendjemandem empfohlen und liegt mir bis heute am Herzen. Gerade habe ich das Buch wieder mal gelesen und war erneut begeistert.

Die Vielgeliebte ist eine Frau, die die Männer in Scharen anzieht. Nicht wegen ihrer Schönheit, obwohl sie durchaus attraktiv ist. So genau führt der Autor das nicht aus. Vor allem aber ist sie ein Wesen, das in Wien und seiner Heurigen-Kultur fest verwurzelt ist. Schon von daher hat die Frau, deren Namen der Leser nie erfährt, viele Kontakte in dieser Stadt. Hinzu kommt ihre herzerwärmende Art, aber auch ihr Durchsetzungsvermögen und die Tatsache, dass sie offenbar vor nichts und niemandem Angst hat. Sie ist immer offen, sagt, was sie denkt.

Die Matratze der Sehnsucht

Außerdem hat sie ihren Wohnungsschlüssel so deponiert, dass jeder, der weiß wo, in ihre Wohnung kann. Und so finden sich dort all diejenigen regelmäßig ein, die um sie kreisen wie Planeten um die Sonne. Sie kommen, um der Angebeteten riesige Blumensträuße zu bringen und um das mühe Haupt auf einer Matratze in ihrem Wohnzimmer zu betten. Und weil die Kunde vom Schlüssel bald die Runde macht, finden sich nach und nach auch Menschen dort ein, von denen die Vielgeliebte gar nicht weiß, wer sie sind. Wie der asiatische Mönch, der drei Tage auf der Matratze meditiert.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht eines Ich-Erzählers, des Heiligen. Er ist der Chef und engste Vertraute der Vielgeliebten und ein genauer Beobachter des Netzes, das sich um sie spannt. Das Netz, das sind nicht nur die Männer, die von ihr angezogen werden, sondern die gesamte Nachbarschaft und die ganze typisch wienerische Gesellschaft. Dieses Netz macht alles möglich, was gebraucht wird.

Die Welt der Heurigen-Sänger

Und so kommt es, dass er Ich-Erzähler viele wunderbare Geschichten zu berichten hat. In deren Mittelpunkt stehen die Verehrer der Vielgeliebten: der Silberne (eine Unterweltgröße), der Fürst (alter österreichischer Adel), der Medizinalrat, das Genie (der ein Kunstwerk auf einer Müllhalde erschafft und dort lebt), der Legationsrat (ein hoher Politiker) und schließlich der Geschiedene. Etwas außerhalb dieser Planetenbahn kreisen die Heurigen-Sänger um die Vielgeliebte und ihre Entourage. Allen voran der Brettschneider-Ferdi.

Jeder von diesen hat seine eigene Geschichte, manche davon traurig, andere abstrus, aber immer erzählt mit viel Wiener Schmäh. So als der Silberne von der Suche nach dem Mörder seiner Frau berichtet, die ein ihm noch Unbekannter übel zugerichtet hat. Einer der Verdächtigen kann es nicht gewesen sein, denn der würde zwar eine Frau einfach so abstechen, sie aber nicht so zurichten. Bei Mauthe klingt das so: „Denn so schlecht er auch war, fürs Ästhetische hat er ein G’fühl g’habt: hat seine Mäderln immer so g’haut, daß man nix g’sehn hat danach.“

Geschrieben in einem speziellen Stil

Rund um die Vielgeliebte lässt Jörg Mauthe ein Panoptikum an unterschiedlichen Gestalten mit wunderbaren Geschichten entstehen. Sie sind teils traurig, teils witzig, aber immer liebevoll erzählt. Mauthe schreibt lange, verschachtelte Sätze, bedient sich einer recht blumigen Sprache. Die Dialoge sind oft im Dialekt verfasst. Und dennoch ist dieser Roman gut zu lesen, lässt einen mitunter auflachen und ist immer recht unterhaltsam. Nur manchmal lässt der Autor den Ich-Erzähler in lange Gedankengänge versinken, die den Leser etwas ratlos zurücklassen.

Die Vielgeliebte* ist ein zeitloses Buch. So namenlos wie die meisten Protagonisten ist die Handlung in fast jeder Zeit vorstellbar. Ob nun beim Erscheinen des Romans vor nunmehr 40 Jahren oder heute. Die Vielgeliebte ist und bleibt eines meiner Lieblingsbücher.

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