Dorf-DSL: Notizen aus dem schwarzen Internet-Loch

Die Bundesregierung hat die „Digitale Agenda“ vorgestellt. Das Versprechen darin: Bis 2018, also in vier Jahren, sollen auch die Landbewohner über schnelles Internet verfügen. Dorf-DSL soll der Vergangenheit angehören. Zu schön, um wahr zu sein. Ich kann es nicht glauben. Falls es aber doch kommt, beschreibe ich einfach mal mein Internet im Jahr 2014, um mich später an diese schrecklichen Zeiten erinnern zu können.

2003 haben wir unser Haus gekauft. Es steht in einer sogenannten Splittersiedlung – nicht mehr als zwei Häuser in der Landschaft – in einer holsteinischen Gemeinde. Bis zur nächsten Großstadt, nämlich Lübeck, sind es 25 Kilometer. Als wir eingezogen sind, hatten wir Internet über ISDN. Das reichte nicht mal, um Bilder bei Ebay hochzuladen.

Wenige Jahre später die gute Nachricht von der Telekom: Es gibt jetzt DSL. 1000er-DSL. Das ist heute immer noch so. Mehr ist nicht drin, und das auch nur auf dem Papier. Ich bezahle 1000er-DSL. Tatsächlich, das kann ich am Rechner ablesen, betragen Up- und Downstream oder wie immer das heißen mag nur zwischen 400 und 600 kbit/s.

Geduld ist in Sachen Internet meine vorherrschende Eigenschaft. Viel Geduld. Das Zeichen, das ich auf dem Bildschirm von PC, Tablet, Smartphone am häufigsten und längsten sehe, ist die Eieruhr. Oder irgendein anderes Symbol, etwa beim Abrufen von Mails auf dem Smartphone (abends per W-Lan), das dreht und dreht und dreht, bis endlich etwas passiert.

Ein Magazin hat Fotos bei mir bestellt: Bitte hochauflösend liefern. Ich schicke sie per E-Mail, am Sonntagabend. Als der „Tatort“ beginnt, klicke ich auf senden. Als der „Tatort“ vorbei ist, ist die Mail raus. Es gibt hier übrigens Fotografen, die regelmäßig im Auto auf Supermarktparkplätzen in der nächsten Stadt stehen, um von dort aus übers mobile Netz ihre Fotos zu verschicken.

Ich klicke mich abends auf dem Tablet durch die Fotos, die tagsüber auf 500px oder Flickr eingelaufen sind. Das heißt, ich versuche es. Alle unscharf. Dauert halt, bis sie sich vollständig aufgebaut haben. Nach 30 oder 40 Minuten klicken und warten gebe ich entnervt auf. Zumal das Kind gerade ebenfalls über W-Lan aufs Internet zugreift und sich die Wartezeit pro Foto verdoppelt.

Ich schicke einem Freund Bilder. Er sagt: Lass es bitte, ich kann sie nicht herunterladen. Wir haben nur ISDN. Und schick bitte auf gar keinen Fall ein Video oder ein Link zu einem Video. Das ist hoffnungslos.

Meine Fotos habe ich auf zwei externen Festplatten gespeichert, die ich regelmäßig spiegele. Sicher ist sicher. Den Vorschlag, eine Cloud zu nutzen, habe ich schnell in den Wind geschlagen. Wie lange soll es dauern, dorthin tausende von Fotos hochzuladen? Ich bringe ja gerade mal in annehmbarer Zeit ein Foto bei Facebook oder Flickr unter. Natürlich nur eines, dass ich vorher verkleinert habe.

Ich suche etwas bei Google. Fasziniert beobachte ich zunächst, wie sich auf dem mit W-Lan verbundenen Smartphone der kleine Balken aufbaut, der signalisiert, wie weit die Seite bereits geladen ist. Das geht noch ziemlich flott. Dann aber finde ich eine Seite, die ich aufrufen will. Viele Fotos drauf. Das kann dauern. Bis die Seite verfügbar ist, lege ich das Telefon auf den Tisch und hole mir etwas zu trinken. Als ich wiederkomme, fehlt immer noch etwas vom Inhalt.

Unterwegs in den Frankreich-Urlaub. Auf einem Rastplatz bei Köln setze ich einen Tweet mit einem Foto ab. Schwupps, ist er hochgeladen. Das mobile Netz ist offenbar in Ballungsräumen deutlich mobiler als bei uns auf dem Land und am Rande der Republik. Zu Hause kommen auf einen mit Foto hochgeladenen Tweet drei, die mit der Nachricht „Fehler beim Hochladen des Tweets“ enden.

Ein Großfeuer in einem Dorf der Holsteinischen Schweiz. Die Online-Kollegen warten auf erste Fotos vom Brandort. Dafür sind wir extra mit I-Phones ausgestattet worden. Dumm nur, dass die Bilder auch nach mehreren Versuchen nicht in der Redaktion ankommen. Dauern bricht die Internetverbindung weg. Die 2G-Verbindung wohlgemerkt. 3G bleibt jenseits der Stadtgrenzen ein Traum.

So ist die Lage. Aber ich muss mich ja nur noch vier Jahre in Geduld üben, dann flutscht das Internet bei uns auf dem Dorf nur so. Ob mobil oder Zuhause. Die Bundesregierung hat’s versprochen. Und wir wissen doch alle, dass sie ihre Versprechen immer hält.

Übrigens ist LTE keine Alternative für uns. Da in der Familie zwei Leute ziemlich oft im Netz unterwegs sind, dürfte das schnelle Volumen fix aufgebraucht sein. Zumal mit einem Youtube-Teenager im Haus.

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