Tremolo in cis-moll: Die Klagen der Radfem-Frauen

Cis ist ein Ton. Ein um einen halben Ton erhöhtes C. Ganz einfach. Dachte ich jedenfalls bisher. Aber denkste. Cis-Menschen sind Frauen und Männer, die sich als Frauen und Männer fühlen und sich dabei sogar wohlfühlen. Und das darf nicht sein, glaubt man den Radfems, was keine Frauen mit Rädern sind, sondern radikale Feminstinnen. Ihre Argumente sind atemberaubend, so sehr, dass ich hier darauf eingehen will. Und ich verspreche allen Lesern, es wird das letzte Mal sein, dass ich dieses Thema hier aufgreife. Aber es muss nun doch noch einmal sein. Twitter ist mal wieder schuld.

Dort tobten heute zwei Debatten. Beide endeten mit gegenseitigem Unverständnis. Wobei sich mir immer mehr der Eindruck aufdrängt, dass zumindest eine Seite, die der Radfems, nicht verstehen will. Die andere Seite, ihre Kritiker, redet und schreibt sich den Mund fusselig, gibt irgendwann entnervt auf und versteht die Welt nicht mehr. Wobei ich diese Seite nicht grundsätzlich für die bessere halte. Denn auch dort habe ich Beispiele einer Diskussionsunkultur gefunden, die unter die Gürtellinie und damit nicht in Ordnung geht. Bei aller unterschiedlichen Betrachtungsweise sollte niemand seine gute Kinderstube vergessen. Wer sachlich und höflich debattiert, stellt sich nicht ins Abseits.

Zurück zu den Radfems. Ich habe vor zehn, 15 Jahren viel und oft über Feministinnen und feministische Vereine, Selbsthilfeorganisationen, über Frauenhäuser und Beratungsstellen für vergewaltigte Frauen berichtet. Schon damals hatte ich das Gefühl, mit mir stimme etwas nicht. Mir fehlte völlig das Gefühl, ständig angegrabbelt, betatscht, auf Busen, Beine, Po reduziert oder anderweitig sexuell belästigt zu werden. Wo das doch angeblich jeder zweiten Frau – mindestens – fast tagtäglich passiert. Entweder ich bin völlig unsensibel und spüre diese Belästigung nicht, oder aber mein Umfeld ist wesentlich besser als der Rest der Menschheit. Meine Kollegen grabschen mich nicht an, meine Chefs schätzen meine Arbeit ohne Ansehen meines Geschlechts, meine Bekannten reißen keine sexistischen Witze über mich oder in meinem Beisein und mein Onkel oder sonst ein männliches Familienmitglied tätschelt weder herablassend meine Wange noch zufällig meinen Busen. Also: Was stimmt nicht mit mir?

Sicher gibt es Firmen, Sportvereine, Familien, Kneipen, in denen Männer zu finden sind, die sich daneben benehmen. Aber hat nicht jede Gruppe ihre Arschloch-Quote? Genau darunter würde ich solches Gehabe ablegen. Und ich spreche hier nicht von echter sexueller Nötigung oder Gewalt, wie sie das Strafrecht definiert. Sondern von dem Alltagssexismus, der halt immer wieder vorkommt. Aber eben doch nicht flächendeckend, wie uns die Radfems weismachen wollen. Frauen werden eben nicht überall klein gehalten, zur Wichsvorlage degradiert oder zur Mutti ernannt. Ganz und gar nicht. Ach ja, und noch etwas: Cis-Mensch zu sein, ist normal. Und das lasse ich mir auch nicht absprechen.

Was bedeutet Cis?  Wenn du dich mit dem Geschlecht mit dem du geboren und sozialisiert wurdest, identifizierst, nennt man das Cis-Frau/ Cis-Mann. Gesellschaftliche Strukturen sollen mit Hilfe der Erweiterung des Männer und Frauen-Begriffs verändert werden. Cis-Menschen sind nicht mehr die Norm, daraus folgt, Trans-Menschen sind nicht annormal ( oder gar krank ).

(aus: Feministisches Wörterbuch: CIS-Frau/Mann)

Wobei ich betonen muss: Ich halte Trans-Menschen nicht für annormal oder krank, ganz und gar nicht. Aber deshalb sind Cis-Menschen trotzdem noch die Norm, jedenfalls zahlenmäßig. In den vergangenen 15 Jahren hat sich nichts geändert. Radfems – blödes Wort übrigens – beharren noch immer darauf, Frauen zu erniedrigen sei Alltag und üblich und es gebe gar nichts anderes. Und zwar von Kindesbeinen an.

 

Der arme @naturalismus hat sich einen langen Schlagabtausch mit @SisterTrinity  geliefert und am Ende entnervt aufgegeben. Hier lässt sich ein großer Teil des Dialogs nachlesen. Genauso entnervt gebe ich es jetzt auf, mich weiter mit diesem Thema zu beschäftigten. Ich bin Cis-Frau, habe überhaupt kein Problem damit, in Feminität erzogen worden zu sein oder sie zu leben, fühle mich in meiner Rolle wohl und werde kein Tremolo darüber anstimmen, dass ich in dieser Rolle wer weiß wie benachteiligt bin. Bin ich nämlich nicht. Lasst mich mich doch fühlen, wie ich will. Und wenn ich mich nicht unterdrückt, sexuell belästigt, abgewertet oder was auch immer fühle, so ist das allein meine Entscheidung. Und sage mir bitte niemand, ich hätte das falsche Gefühl.

Nachtrag: Der @naturalismus hat diesen Blogpost via Twitter kommentiert. Diese Kommentare will ich hier nicht vorenthalten. Sie zeigen mir zweierlei. Er hat eine Diskussions- und Streitkultur wie ich sie mir von vielen Radikal-Feministinnen und -Feministen wünschen würde, sachlich und ohne persönliche Angriffe. Sehr angenehm. Und Radfems und „normale Menschen“ sind vielleicht doch zweierlei. Ich habe mich in diesem Blogpost auf die Dauerklage der Radfems beschränkt, die Debatte „terf vs intersektioneller Feminismus“ wollte ich hier nicht aufdröseln.

 

 

 

 

4 Kommentare

  1. Habe neulich zufällig deine Twitter-Diskussion über Belästigung auf der Straße mitgelesen und wollte dazu gern noch ein paar Anmerkungen machen.

    Wenn du diese Situationen nicht erlebst, heißt das noch lange nicht, dass andere sich das ausdenken, oder maßlos übertreiben. Es ist bloß so, dass ihre Häufigkeit sich sehr verschieden verteilt!
    Bei mir war’s nie so schlimm – ich denke da spielt u.a. mein Aussehen/Auftreten eine Rolle (für das ich mir im Gegenzug immer mal wieder Kritik anhören musste, „nicht weiblich genug“, etc). Und dass ich nach einigen Jahren Großstadt dann in eine kleinere Stadt gewechselt bin. Trotzdem sind mir einige besonders eklige Situationen im Gedächtnis geblieben. Andere unwesentliche Begebenheiten habe ich einfach gleich vergessen – während der Aufschrei-Diskussionen kam einiges davon wieder ins Bewusstsein. Seither habe ich mich mit anderen über ihre Erfahrungen ausgetauscht.

    Also es kommt erstmal sehr darauf an, wo du wohnst. Tendenziell: Großstadt: schlimmer, kleinere Stadt: besser, Land: noch besser. In den Städten kommt es auch drauf an, in welchen Gegenden du dich bewegst, und wie (Öffentliche Verkehrsmittel: schlimmer, alle Wege im Auto: easy, Fahrrad: so lala). Tageszeit (abends: schlimmer, mittags: besser).

    Dann natürlich wie du aussiehst. Es ist nicht so, dass die Idioten besonders wählerisch sind, wenn sie dieses Runtermach-Bedürfnis verspüren. Hauptsache Frau. Nur müssen sie dich natürlich erstmal überhaupt wahrnehmen, entweder positiv oder negativ! Alle deutlichen Signale „Weiblichkeit“ also: schlimmer. Sonstige Auffälligkeiten: schlimm.

    Ein ganz wichtiger Faktor ist dein Alter. Je jünger desto schlimmer. Je älter desto unsichtbar (kommt natürlich auch aufs Alter des Belästigers an).
    Mir ist irgendwann aufgefallen, dass ich ein viel freieres und selbstbewussteres Gefühl habe, wenn ich mich in der Öffentlichkeit bewege. Als ich darüber nachgedacht habe, fiel mir eben auf, dass ich mit den Jahren immer weniger Kommentare gesteckt bekommen habe, und es auch nicht mehr nötig finde, abends große Bögen um Jungsgruppen zu machen.
    (Wenn ich allerdings mit meiner 55jährigen Nachbarin – lange Beine, lange Haare, sportlich, offenbar ein Männertraum – hier durch die harmlose Gegend in der kleineren Stadt laufe, hui dann ist was los! Ich nehme an, sie kriegt reichlich schlimme Sprüche gesteckt. Alles ist relativ)

    Auch sonst habe ich wohl viel Glück gehabt und nur wenige „tätschelnde“ Menschen getroffen und v.a. gar keine gewalttätigen. Bei Freundinnen war das übrigens anders. Kommt halt immer auf die Angewohnheiten und Vorlieben deiner direkten Mitmenschen an, die suchst du dir ja oft nicht aus.

    Also, wenn du selbst Glück gehabt hast, ist das noch lange kein Grund, andere des Erfindens und Aufbauschens zu verdächtigen. Das wollte ich hiermit mitteilen.

    Guter Artikel zu dem Thema übrigens: http://www.vorspeisenplatte.de/speisen/2013/01/aufschrei-es-geht-nicht-um-mich.htm

    1. Ich will die Gefühle anderer Menschen keinesfalls als aufgebauscht oder übertrieben abtun. Was ich nur mit meinem Text ausdrücken wollte: Nicht alle Männer sind Schweine oder Grapscher oder Sexisten. Ich weigere mich einfach, sie unter Generalverdacht zu stellen und ich sehe auch nicht, dass Frauen flächendeckend in unserer Gesellschaft klein gehalten und zur Wichsvorlage degradiert werden. Es kommt vor, ja, bei der einen oder anderen öfter als bei anderen, aber es ist eben auch eine Frage, welches soziale Umfeld man als Frau hat und – auch das – wie hoch oder niedrig die Empfindlichkeitsschwelle liegt. Meine ist nun mal etwas höher.

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