Die Freuden einer Lokalreporterin

Meine Klage über die Leiden einer Lokalredakteurin hat einen jungen Menschen verschreckt. „Das macht meine Berufswahl nicht einfacher . . . teilte er mir nach dem Lesen meiner Litanei mit. Nun denn, dem Manne kann geholfen werden: Es gibt auch die Freuden einer Lokalredakteurin. Und die überwiegen bei weitem. Eine Lobpreisung.

Abwechslungsreich wie kein anderer Job

Jüngst hatte ich mal wieder einen Praktikanten im Schlepptau. Erstes Semester „was mit Medien“ und noch ziemlich grün hinter den Ohren, dabei aber schon leicht hochnäsig. Nein, stellte er während der fünften Autofahrt zu einem Termin fest, dieser Lokaljournalismus, das sei nichts für ihn. Viel zu langweilig. Er wolle später lieber für die großen Blätter schreiben, über die großen Themen. Einspruch! Der Junge hat ja keine Ahnung. Reporterin sein, ob lokal oder regional, ist der abwechslungsreichste aller Berufe. In mittlerweile über 30 Berufsjahren habe ich mich in mehr verschiedene Themenfelder eingearbeitet als andere Menschen es in 300 Jahren schaffen würden. In meinen ersten Jahren als Redakteurin hat niemand gewusst, wie man Photovoltaik schreibt und was Biogasanlagen sind. Heute gibt es Jungredakteure, die noch nie das Wort Zonenrandförderung geschrieben haben. Themen kommen, Themen gehen, und deshalb wird die Reportiererei auch nie langweilig. Und wenn doch mal ein Tag ohne Spannung dahindümpelt, passiert garantiert etwas, was schnelles Handeln erfordert. Manchmal kurz vor Feierabend. Das belebt ungemein.

Reportern bildet

Aus der Themenvielfalt in immer neuer Zusammensetzung folgt zwangsläufig, dass die Journalisterei ungemein bildet. Denn was man seinen Lesern verständlich vermitteln will, muss man erst einmal selbst verstehen. Und so wird jeder Tag zum kleinen Weiterbildungsprogramm. Manchmal auch ungewollt. Wie oft habe ich darüber gestöhnt, mir noch dieses oder jenes anhören oder angucken zu müssen. wo ich doch viel lieber zu Hause auf dem Sofa gelegen und gelesen hätte. Aber hinterher war ich dann doch froh, dass ich da hin musste. Weil es einfach anregend, aufregend, informativ war oder ich ungewöhnliche oder einfach nur nette Menschen getroffen habe. Manchmal muss mal halt zu seinem Glück gezwungen werden. Und von jedem Termin nimmt man etwas mit fürs Allgemeinwissen. Geht nicht allzu tief, und deshalb zitiere ich immer gern diesen Spruch: „Journalistisches Halbwissen: Groß wie der Ozean, aber gerade mal 30 Zentimeter tief.“

Immer in der ersten Reihe

Wo immer der Reporter hinkommt, sitzt er entweder in der ersten Reihe oder irgendwo auf den besten Plätzen. Kein Veranstalter will es sich mit dem Berichterstatter verderben, und wenn doch, dann beharrt der Reporter darauf, er brauche einen guten Platz, um schnell für Fotos am Ort des Geschehens zu sein. Wahlweise: um alles richtig mitbekommen zu können. Das hat natürlich überhaupt nichts mit Egoismus zu tun, sondern dient ganz allein der umfassenden Berichterstattung. Aber schön ist es doch.

Professionelle Schaulustige

Ich bin ein ungemein neugieriger Mensch. Aber ich würde nie, nie, nie einfach so als Schaulustige an Unfallorten anhalten oder bei Bränden zuschauen. Muss ich ja auch nicht. Denn ich soll ja dabei sein, das ist mein Beruf. Absperrungen sind für andere da, gesperrte Straßen interessieren mich nicht und fragen darf und muss ich, um zu berichten, was passiert ist und welche Folgen es hatte. Dass auch an Orten von Katastrophen gewisse Spielregeln gelten, legen nicht nur die Verhaltensgrundsätze für Presse/Rundfunk und Polizei fest, das wissen Profi-Journalisten auch ganz genau. Profi-Polizisten und Profi-Feuerwehrleute übrigens auch. Was nicht ausschließt, dass doch mal einer den Reporter anmault. Das muss der aushalten und trotzdem seinen Job machen.

Die Lust am Schreiben

Dem einen ist es Lust, dem anderen Last. Nach jeder spannenden, interessanten, manchmal auch langweiligen Recherche muss noch geschrieben werden. Der Umgang mit Sprache, die Suche und vor allem das Finden des richtigen Begriffes, des treffenden Wortes, des passenden Stils, auch das macht das Reporterleben bunt. Schreiben ist Arbeit, kein Zweifel. Aber eine, die Spaß macht. Punkt um.

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Ein Kommentar

  1. So, jetzt kommentiere ich hier auch noch drunter, wenn ich schon im Artikel genannt werde… ;)

    Danke für den tollen Einblick in dein Berufsfeld, zusammen mit den „Leiden einer Lokalreporterin“ kann ich mich jetzt ein ganz gutes Bild machen, das von „dieser Lokaljournalismus, das sei nichts für ihn. Viel zu langweilig.“ abweicht. :)

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