Sonntagsausflug in den Knast

Ich geb’s offen zu: Ich war schon mal im Gefängnis. Sogar öfter als nur einmal. Ich war sogar in verschiedenen Gefängnissen. Nicht, dass ich dort eingesessen hätte. Aber durch meinen Beruf als Journalistin komme ich eben an Orte, an die andere nicht oder nicht freiwillig kommen. Wer mag, kann aber am jetzigen Sonntag (8. September 2013) einen Ausflug hinter schwedische Gardinen unternehmen.

Sonntag ist Denkmaltag. Genauer: Tag des offenen Denkmals. An jedem zweiten Sonntag im September findet dieser Aktionstag statt, und er hat immer ein anderes Motto. Dieses Jahr lautet es „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?“ Und da sind dann eben auch solche Objekte wie Gefängnisse dabei. Wobei die Gefängnisarchitektur durchaus interessant ist. Fachleute sprechen von Kammbauweise und Kreuzbauweise, da kann sich sicher jeder etwas darunter vorstellen. Dass Gefängnisse, die übrigens heute offiziell Justizvollzugsanstalten (JVA) heißen, von Mauern und Zäunen umgeben sind, versteht sich von selbst.

Warum aber sind Gefängnisse Denkmale? Weil sie davon künden, wie sich der Gedanke der Läuterung und Besserung in Architektur niederschlägt und weil viele Gefängnisse heute noch historische Kernbauten haben. So wie die JVA Neumünster, deren 1902 bis 1905 erbauter Kern die ehemalige Gefängniskirche ist. Damals das größte Gebäude innerhalb der Gefängnismauern. Die Kirche ist heute Besucherraum und Sporthalle, ihre ursprüngliche Bedeutung ist aber nicht zuletzt an den kirchentypischen Fenstern noch deutlich sichtbar. Ebenfalls vorhanden ist noch der kreuzförmig angelegte viergeschossiger Hauptbau mit Zentraltrakten.

Das Gefängnis ist am Tag des Denkmals ein – na ja, eingeschränkt – offenes Denkmal. Ab 14.30 Uhr führen Anstaltsleitung und Denkmalpflege durch die Anstalt. Wer dabei sein will, muss seinen Personalausweis mitbringen. Das Fotografieren ist nur vor dem Pfortengebäude erlaubt, Handys und Fotoapparate dürfen nicht mit hinein genommen werden. Dafür gibt es für die Teilnehmer der Gruppenführung die Sicherheit, dass sie hinterher wieder postwendend aus dem Knast entlassen werden.

Noch ein Gefängnis öffnet Sonntag seine Pforten für Besucher. Die JVA Glasmoor in Norderstedt. Glasmoor dient dem offenen Vollzug. Die Anlage hat einen vierflügeligen Kern aus den 1920er-Jahren und einen Wirtschaftshof, der unter den Nazis angebaut wurde. Die Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Es gibt am Sonntag Führungen, an denen man allerdings nur nach Anmeldung teilnehmen darf. Die Anmeldefrist ist inzwischen verstrichen.

Es gibt noch einige wenige weitere Gefängnisse und ehemalige Gefängnisse in anderen Bundesländern, die am Tag des offenen Denkmals geöffnet sind. Alle geöffnete Denkmale und weitere Informationen stehen auf der Seite zum Denkmaltag.

Die Sache mit den Gefängnissen trifft für mich die Idee des offenen Denkmals sehr gut. An diesem Tag haben immer viele Kirchen und andere historische Gebäude geöffnet, die sowieso der Öffentlichkeit offen stehen. Der Reiz ist für mich aber, an solchen Tagen an Orte zu kommen, an die Otto Normalbürger und Frau Schnickenfittich sonst nicht kommen.

2005 widmete sich der Tag des offenen Denkmals dem Thema Parks und Gärten. Da waren welche offen, die sonst privat sind, etwa Gärten von Schlössern und Gütern. Ich war an diesem Tag, übrigens auch ein wunderschöner Spätsommertag, auf Gut Wensin im Kreis Segeberg. Der Besitzer hatte seinen Park und das gesamte Gutsgelände rund ums Herrenhaus für Besucher geöffnet, sein Sohn bot Führungen an. Auf dem Schild vor dem Haupteingang zum Herrenhaus stand nicht, wie ich zunächst vermutet hatte, dass es dort nicht weitergeht. Sondern es lud freundlich ein, auch den Hausgarten der Familie zu besichtigen und ruhig rund ums Herrenhaus herumzuspazieren. So muss der Tag des offenen Denkmals sein. Und weil natürlich auch ich bei meinen diversen Gefängnisbesuchen nicht fotografieren durfte, gibt es hier ein paar Bilder vom Tag des offenen Denkmals im Wensiner Gutspark.

Das doppelgieblige Herrenhaus von Gut Wensin.
Das doppelgieblige Herrenhaus von Gut Wensin.
Führung durch den Gutspark.
Führung durch den Gutspark.
Sonst vor den Augen der Öffentlichkeit verborgener Einblick im Gutspark.
Sonst vor den Augen der Öffentlichkeit verborgener Einblick im Gutspark.

Ob ich dieses Jahr ins Gefängnis gehe oder mir Denkmale ganz anderer Art angucke, weiß ich noch nicht. Da wären nämlich auch noch die Denkmale auf vier Hufen, die mich sehr reizen. Jeden zweiten Sonntag im September sind auch diese Denkmale zu bewundern.

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