„Bauer sucht Frau“: Fremdschämen und Imageschaden

Weiße Ledercouch, dunkles Sideboard, weißer Teppich auf Echtholzparkett – so sieht ein bäuerliches Wohnzimmer in meinem Dorf aus. Junger Bauer, junge Frau, stilvolle Einrichtung, mit der Nagelschere gepflegter Garten. Im Stall über 100 ebenso gepflegte Milchkühe, in der Maschinenhalle landwirtschaftliche Großgeräte in Reihe. Und was präsentiert uns RTL bei „Bauer sucht Frau“? Leopardenbettwäsche unter weiß-lila gehäkelter Tagesdecke und dunkles Plastikholz an den Wohnzimmerwänden. Bauernhäuser, die dringend mal eine neuen Anstrich gebrauchen könnten. Kälberboxen wie anno dazumal und Mistforken statt moderner Entmistungsanlagen. Auch alles andere an diesem Format ist weiß Gott keine Werbung für die deutsche Landwirtschaft. Aber es ist wie fast immer im Fernsehen. Die Realität ist eine andere.

Bei der gestrigen Doppelfolge von „Bauer sucht Frau“ habe ich die Twitter-Timeline verfolgt, mich königlich amüsiert, selbst kräftig gelästert und bin dabei doch ins Grübeln gekommen. Was sagt all das über uns und über unsere Landwirte aus? Erst einmal: Twitter ist kein Ponyhof und auch kein Bauernhof, sondern eine Lästerbude ersten Ranges, die aber durchaus Wahrheiten verbreitet. In all der Häme, die sich über die Bauern und über deren Möchtegern-Bräute ausgoss, steckt doch viel Wahrheit. Oder um es mit der FAZ zu sagen: RTL führt uns „Dorftrottel für die bessere Quote“ vor.

 

 

Markenzeichen von Bauer sucht Frau ist die Alliterationssucht bei der Moderation von Inka Bause. Dieser Tweet vereinigt beides, Fremdschämen über die Bauern und ihre potentiellen Bräute und diese Alliterationssucht.

Die Inneneinrichtung der gezeigten Bauernhöfe spielt natürlich auch eine Rolle.

  Und noch einer mit Häme, der sich auf die Korpulenz der Brautbewerberinnen bezieht:

Bleibt die entscheidende Frage:

 

Warum also tun sich die Bauern und die Bewerberinnen das an? Meine These lautet: Die denken nicht nach. Die machen sich nicht klar, was auf sie zukommt, wie sie von RTL rübergebracht, ja vorgeführt werden. Dabei kann es jeder wissen, der auch nur einmal eine Sendung gesehen hat. Vielleicht lassen sich die Kandidaten von den schönen Landschaftsbildern blenden. Vielleicht sind sie aber auch einfach zu dusselig, um sich klar zu machen, auf was sie sich einlassen. Das gilt auch für die Möchtegern-Bräute. Ohne Stil aufgebrezelt, bar jeder Beratung, präsentieren sie sich auf eine Art, dass man nur mit dem Kopf schütteln kann. Da platzt die Verzweiflung über Einsamkeit und Alleinsein aus jedem Knopfloch. Sie können einem Leid tun, die Bauern und ihre Brautbewerberinnen. Andererseits sind sie alle erwachsene Menschen, die für sich selbst verantwortlich sind. Mein Mitleid hält sich deshalb also in Grenzen.

Viel schlimmer ist der Image-Schaden, den RTL anrichtet. Landwirtschaft ist eine Wissenschaft und eine hohe Kunst. Der Landwirt von heute ist kein tumber Bauer, sondern ein Unternehmer, der sich auf vielen Gebieten exzellent auskennen muss, um erfolgreich zu sein. Nur wer groß und klug genug ist, seinen Beruf beherrscht und stets auf der Höhe der Zeit ist, kann von diesem Beruf leben und  mit seinem Hof überleben. Von der Kunst, Pflanzengifte richtig zu dosieren, an internationalen Börsen den besten Getreidepreis herauszufinden und für sich zu nutzen oder erfolgreich seine Milch zu erzeugen oder zu vermarkten, zeigt RTL nichts. Wer genau hinhört und sich ein bisschen mit Landwirtschaft auskennt, merkt schnell, dass die RTL-Bauern gar keine richtigen Landwirte sind. Da ist von drei oder fünf Hektar die Rede – Höfe brauchen heute ein paar hundert Hektar, um ertragreich ackern zu können. Und was sind zehn oder 20 Milchkühe? Nichts. Die Rentabilitätsgrenze liegt bei 100 Milchkühen. Die RTL-Landwirtschaft ist und kann kaum mehr sein, als ein Hobby oder ein Nebenerwerb. Im Gegensatz zu früheren Staffeln merkt RTL das hin und wieder verschämt an. Einzig der Kuhstall von Bauer Guy aus Luxemburg sieht so aus, wie Kuhställe heute sein müssen. Guy verfügt über 180 Hektar Land, das ist eine Größenordnung für Vollerwerbsbauern. In die Kategorie fällt auch Bäuerin Lena, die 135 Hektar Land bewirtschaftet und deren Rinderbestand nach einem ordentlichen Bauernhof aussieht.

Bauer sucht Frau ist also ein Image-Gau für die Landwirtschaft. Unsere Bauern sind nicht so. Klar, jede Berufsgruppe hat ihre Quote an schrägen Typen. Aber die ist bei Bauern nicht höher als bei anderen Berufen.

Und so kann ich hier nur uneingeschränkt zustimmen:

 

Nächsten Montag schalte ich trotzdem wieder ein. Seien wir ehrlich: Fremdschämen macht irgendwie Spaß. Außerdem ist nichts so unterhaltsam wie eine Twitter-Timeline, wenn „Bauer sucht Frau“ läuft. Einfach Hashtag #bsf eingeben und mitlachen.

Ein Kommentar

  1. Aus einer ehemals recht charmanten Reihe ist über die Jahre ein rechter Schmarrn geworden. Klar, dass die sich Locations suchen, die vollständig das Klischee bedienen. Das heutzutage nur noch hochorganisierte Bauern überleben, ist nicht malerisch genug.
    LG
    Sabienes

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