Die Filterblase und das Gebiss

Ich lebe in sehr verschiedenen Filterblasen. Früher nannte man das einfach Kreise oder Gruppen oder von mir aus auch hochtrabend Lebenswelten. Jeder weiß, was gemeint ist. Ich bewege mich also im Laufe der Woche unter verschiedenen Menschen, die nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun haben. Die nicht einmal die selbe Sprache sprechen, wie mir gerade das Gebiss bewiesen hat.

Kandaren-Gebiss im Maul eines Friesen.
Kandaren-Gebiss im Maul eines Friesen.

Im beruflichen Umfeld ist das normal. Wir leben etwa acht Stunden pro Wochentag in einer mehr oder weniger großen Gruppe, die Fachwörter oder berufsspezifische Ausdrücke benutzt, die andere nicht verstehen oder falsch verstehen. Wenn ich in meiner Redaktion von Beinen spreche, meine ich nicht die Gehextremitäten, sondern die Spalten eines Artikels in der Printausgabe. Eine tragende Optik ist kein von mir getragenes Fernglas oder Objektiv, sondern das große, die Seite bestimmende Bild. So weit, so normal.

Anders sieht es bei Hobbys oder in der Freizeit aus. Ich zum Beispiel bewege mich im Laufe der Woche in Gruppen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und die sich, würden sie miteinander sprechen, mitunter völlig falsch verstehen würden.

Mein Chor redet von Fermaten, Kadenzen und Hilfslinien, im Stall ist die Rede von Fesseln, Kandaren und Hilfen (ohne Linien). In Fotografen-Kreisen dagegen ist die Rede von Fokus, Kontrast und Histogramm. Ganz andere Begriffe, und wenn sie verständlich erscheinen, haben sie vielleicht ganz andere Bedeutungen.

Wie sehr das zu Missverständnissen führen kann, habe ich gerade erlebt. Gefragt war ein Foto von mir von einem Gebiss, gedacht für einen Katalog für Pferdegebisse. Als ich darüber mit einem Fotofreund und Fotoprofi chattete, verstand der falsch, worum es geht. „Der Halter geht zum Tierarzt und sagt, er will dem Pferd neue Zähne spendieren. Und sucht sich dann was aus dem Katalog aus?“

Erst da habe ich bemerkt, dass das Wort Gebiss, das ich seit Kindesbeinen an im Munde führe, gar nicht das ist, was die meisten Menschen darunter verstehen. Vor allem solche, die überhaupt nichts mit Pferden zu tun haben. Jeder denkt beim Gebiss zunächst an das vom Menschen und dessen Ersatz, wenn die Zähne wackelig werden. Das ein Pferdegebiss natürlich zum einen die Zähne, zum anderen aber das Metallstück ist, dass das Pferd zwischen die Zähne geschoben bekommen, ist wahrscheinlich den allermeisten Menschen völlig unbekannt.

Da bekommt das Wort von der Filterblase doch gleich einen ganz anderen Klang. Es ist für mich kein Ausgrenzen von Ahnungslosen. Ganz im Gegenteil. Ich freue mich darüber, mich in so vielen unterschiedlichen Welten mit so unterschiedlichen Worten zu bewegen. Es macht mein Leben reich und bunt. Ich erhebe mich nicht über Menschen, die nicht wissen, was das Gebiss beim Pferd ist. Ich frage mich stattdessen, bei welchen Worten ich das völlig Falsche verstehen würden. Ich wette, es sind viel, viel mehr, als ein Pferdegebiss Zähne hat.

Ein Kommentar

  1. Schön beschrieben das Missverständnis

    Und ich bin mir sicher, wenn man richtig auf die Suche geht, findet man viele ähnliche Begriffe die zur Verwirrungen führen. Das wäre fast eine eigene satirische Kolumne wert …

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