Der Flaschensammler von der Autobahn

Es war eine Begegnung von wenigen Minuten. Bei einer kurzen Ruhepause auf einem Rastplatz am Rande des Ruhrgebiets trafen wir einen Flaschensammler. Etwa 70 Jahre alt, verwittertes Gesicht, kariertes Hemd, einen heruntergekommenen Hackenporsche und einen Greifstock als Handwerkszeug. Wir kamen ins Gespräch und hörten eine Geschichte wider alle Klischees.

„Lohnt sich das?“, frage ich ihn, als er im Mülleimer hinter uns zu wühlen beginnt. Er setzte sich zu uns, zündete sich eine Zigarette an und beginnt zu erzählen. Ja, es lohne sich. Er mache nur diese Raststätte und deren Gegenstück auf der anderen Autobahnseite, weil er in er Nähe wohne. Ich solle mal schätzen, wie viel im Monat zusammenkomme. Ich sage: etwa 800 Euro. Damit liege ich nicht ganz falsch, sagt er und redet weiter. Am Anfang habe er sich geschämt, vor aller Augen in den Mülleimern herumzuwühlen, aber heute sei das für ihn völlig normal. „Da kann ein Bus halten und alle aussteigen, es interessiert mich nicht, ich mache einfach weiter.“

Alles für die Hühner

Er erzählt und erzählt. Das Geld brauche er, um seine Hühner auf Ausstellungen zu zeigen. 50 Jahre habe er in die Rentenkasse eingezahlt, er müsse nicht Flaschen sammeln, um über die Runden zu kommen. Aber für sein Hobby reiche die Rente eben nicht, da er dafür durch ganz Deutschland fahre. Das koste ihn hier 200, da 150 Euro, und dann noch das Startgeld bei den Ausstellungen. Das alles ermögliche ihm das Flaschensammeln. Dass er dafür seine Rente angreife, da sei auch seine Frau vor.

Und für seine Hühner falle noch einiges Fressbares ab. „Ihr glaubt ja gar nicht, was die Leute alles wegschmeißen.“ Oft noch frische Lebensmittel. Einmal habe er sogar einen Parfümflakon aus dem Müll gezogen, der sei 70 Euro wert gewesen. Das habe seine Enkelin für ihn im Internet festgestellt.

Guter Platz

Ich kann mir gut vorstellen, dass der Rastplatz ein guter Ort für Flaschensammler ist. Ich sehe immer noch meine französische Verwandtschaft vor mir, wie sie ihre Wasserflaschen von der Fahrt in Deutschland in die Mülleimer wirft. Nicht wissend, das jede 25 Cent Pfand wert ist. Andere Länder kennen kein Pfand, also kommen die Reisenden gar nicht auf die Idee, die Flaschen wieder abzugeben.

Deshalb dürfte eine Raststätte ein besserer Ort sein als ein großes Stadion oder die Innenstadt. „Da“, winkt unser Flaschensammler ab, „habe einer wie er keine Chance“. Da sei alles aufgeteilt, das sei eine Mafia, da komme keiner rein.

Wir fahren zurück auf die Autobahn und lassen den Flaschensammler hinter uns. Ein kurzes Hupen noch, ein Winken, dann sind wir weg. In Gedanken wünsche ich seinen Hühnern viel Erfolg bei der nächsten großen Ausstellung.

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