Der Kuhstall: Klischee und Wirklichkeit

Die Kühe im Großstall sehen gepflegt und wohlgenährt aus.
Die Kühe im Großstall sehen gepflegt und wohlgenährt aus.

Ich habe gerade einen der größten Kuhställe Deutschlands besucht. Auf dem ehemaligen DDR-Staatsgut in Nordsachsen werden zurzeit 1600 Milchkühe gehalten. Zu DDR-Zeiten waren es bereits 2000, und demnächst sollen es 3200 werden. Eine Milchfabrik also, etwas ganz schreckliches? Nein, auch wenn das viele anders sehen.

Ich habe kurz auf Facebook über den Betrieb und meinen Besuch dort berichtet. Die Reaktionen war erwartbar und harsch. Das sei ein Albtraum, keine Spur von artgerechter Haltung. Eine Kommentatorin meint: „Ich erinnere mich gern an den Kuhstall auf dem Bauernhof, auf dem wir wohnten, als ich ein Kind war. Wir kannten jede Kuh mit Namen … Ich finde diese „Fabriken“ irgendwie tierunwürdig …“

Finde ich ganz und gar nicht. Ich kann mich nämlich auch noch an die Kuhställe meiner Kindheit erinnern. Abgesehen davon, dass die Kühe Alma, Frieda oder Berta hießen und nicht nur eine Nummer waren – wer denkt sich 1600 Namen aus? – ging es ihnen nicht gerade gut. In meiner Erinnerung standen die Milchkühe den ganzen Tag über angebunden in einem dunklen Stall mit wenig Tageslicht, konnten sich gerade mal hinlegen, aber sonst nicht bewegen und wurden stets von Fliegenschwärmen umschwirrt. Eine Weide haben sie ihr Lebtag lang nicht gesehen. Kein schönes Leben. Daran ändern auch verklärte Erinnerungen nichts.

Laut Bauernverband leben noch 25 Prozent der deutschen Milchkühe in Anbindehaltung. Ein Wert, der zurückgehe. Standard ist heute die Laufstallhaltung mit Kuh-Wellness, sprich zum Beispiel rotierenden Bürsten für Massagen. Die 1600 Kühe auf dem Großbetrieb leben in solchen Laufställen, können sich frei bewegen, sich zu Herden zusammenschließen und im Sommer sogar ins Grüne sehen. Die Laufställe sind an den Seiten offen, also nur ein Dach auf Ständern, und im Winter können Faltwände hochgezogen werden, um die Tiere vor Wind, Regen und Schnee zu schützen. Der Stall wurde 2012 für seine vorbildliche Tierhaltung ausgezeichnet. Auch das Problem Gülle wurde gelöst: Sie wird in der betriebseigenen Biogasanlage verarbeitet.

Natürlich ist das noch keine artgerechte Haltung. Die ist nur möglich, wenn die Tiere tatsächlich etliche Tage – nach holländischen Gesetz mindestens an 120 Tagen im Jahr für sechs Stunden – auf der Weide sind. Das setzt aber wiederum voraus, dass genug Weiden rund um die Ställe zur Verfügung stehen, denn zum Melken fährt heute kein Bauer mehr aufs Land. Das Melken auf der Weide gehört mit wenigen Ausnahmen der Vergangenheit an. Angesichts der Tatsache, dass sich Milchviehhaltung heute nur noch ab etwa 100 Kühen lohnt, ist das mobile Melken nicht mehr praktikabel. Hinzu kommt, dass nicht überall, wo Weidemilch drauf steht, Weidemilch drin ist. Das lässt sich anhand der Inhaltsstoffe der Milch feststellen. Laut Öko-Test wurde gut 70 Prozent der Milchproben – nicht ausschließlich von Weidemilch – als „wiesenfern“ entlarvt.

Die Mehrzahl der 4,2 Millionen deutscher Kühe muss sich also mit einem Leben im Stall zufrieden geben. Da sind mir die licht- und luftdurchfluteten Ställe des Großbetriebes in Nordsachsen allemal lieber als die kleinen Klitschen aus Opas Zeiten. Ich wette, den Kühen geht es auch so.

Im riesigen Stall - es gibt mehrere davon - können sich die Kühe frei bewegen.
Im riesigen Stall – es gibt mehrere davon – können sich die Kühe frei bewegen.

Zu ihrem Wohlbefinden gehört zwingend dazu, dass sie regelmäßig gemolken werden. Im Großbetrieb, berichtet der Leiter des Melkstandes, wird jede Kuh dreimal täglich gemolken, das bedeutet 18 Stunden Melkzeit pro Tag. Die restlichen Stunden werden gebraucht, um den Melkstand zu reinigen. Der ist mit 40 Melkgeschirren je Seite ausgestattet und sieht richtig toll aus. Da hat mein Fotografenherz jubiliert.

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2 Kommentare

  1. Früher war eben nicht alles besser nur anders. Schöner Bericht. Ich finde ja, wenn man sich einen Betrieb anschauen kann, der Lebensmittel produziert, kann der Verbraucher sich selbst ein Bild machen wie weit er an der Wirklichkeit noch dran ist

    1. Liebe Ulrike,
      ja, selbst gucken ist immer am besten. Leider können das wenigsten. Es war auch nur einem Zufall zu verdanken, dass ich mal von der Tür aus in den Betrieb gucken durfte. Wegen der Angst, dass irgendjemand etwas einschleppt, ist das Betreten streng untersagt.
      LG, Susanne

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