Trüffelschwein der Kirchenmusik: Der Notenverlag Dr. J. Butz

Gerade habe ich hier in Interview mit dem Komponisten Michael Porr aus Leverkusen veröffentlicht. Dabei stellte sich mir auch die Frage, wie ein Komponist von heute für seine Werke einen Notenverlag findet. Von dort aus war es kein weiter Weg zum Verlag Dr. J. Butz in Bonn. Warum also nicht dessen Chef auch noch ein paar Fragen zu diesem Thema stellen?. Verlagsleiter Hans-Peter Bähr (50) hat sie mir ausführlich beantwortet.

Hans-Peter Bähr, Organist, Musikwissenschaftler und Verlagsleiter.
Hans-Peter Bähr, Organist, Musikwissenschaftler und Verlagsleiter.

Erzählen Sie mir zunächst etwas über Ihren Notenverlag. Wie lange existiert er bereits, wie hat er sich entwickelt und wo setzt er seine Schwerpunkte?

Das ist schnell gemacht. Wir sind in der kleinen Nische der Kirchenmusik tätig und veröffentlichen seit 1924 Noten und seit zehn Jahren auch Bücher zum Thema. Wir decken die vokale Kirchenmusik für drei- und vierstimmig gemischte Chöre bis hin zu Kinderchören ab, daneben geistliche Sologesänge und schließlich den gesamten Bereich der Orgelmusik: Orgel solo, Orgel vierhändig, Orgel mit Soloinstrument(en) und als Krönung die Kombination Orgel und Orchester.

Wie viele Titel haben Sie im Programm und wo bekommen Sie neue Werke her, um sie zu veröffentlichen?

Im Moment umfasst das Programm ca. 2600 Titel. Sie kommen über verschiedene Kanäle zu uns. Der erste sind unaufgeforderte Einreichungen von Komponisten, aber auch von Herausgebern, etwa wenn jemand ein altes Musikmanuskript findet und uns zur Erstveröffentlichung anbietet. Der zweite ist: Wir suchen gezielt selber in Bibliotheken und Archiven, etwa in der Nationalbibliothek Paris. Dort liegen viele musikalische Nachlässe, die man einsehen kann. Und im süddeutschen Raum gibt es viele Klosterarchive wie etwa jene von Ottobeuren oder Einsiedeln in der Schweiz. Dort liegen unendlich viele bisher ungedruckte Kompositionen. Das ist echte Forschungsarbeit, die aber zu Zeiten des Internets erheblich einfacher geworden ist: Man kann bequem aus der Ferne recherchieren und sich sogar Noten per Scans zukommen lassen, während man früher noch selber in die Archive fahren musste. Die dritte Schiene ist, dass wir von uns aus Komponisten und Herausgeber ansprechen, ob sie etwas für uns schreiben bzw. herausgeben möchten. Das ist just passiert mit einem unserer englischen Komponisten: Mir fiel ein schöner Liedtext in die Hände und ich habe ihn spontan gebeten, diesen als vierstimmigen Chorsatz mit Orgelbegleitung zu vertonen.

Wie wählen Sie Werke aus?

Zunächst müssen die Werke in unser Programm passen. Es kommt vor, dass sich unter den genannten Einreichungen wunderbare Musik befindet, die aber stilistisch nicht für uns geeignet ist. Wenn wir die veröffentlichen würden, täten wir damit weder dem Komponisten noch dem Kunden einen Gefallen. Der Komponist würde unter Umständen viel mehr Erfolg haben, wenn er mit einem Verlag zusammenarbeitet, in dessen Programm seine Werke besser passen. Auf der anderen Seite stehen wir in einem Spagat: Einerseits möchten wir aufwendig gestaltete Editionen herausbringen, einen Komponisten fördern oder auch Rares publizieren, für das es mitunter nur ein kleines Publikum gibt. Auf der anderen Seite sind wir ein Wirtschaftsunternehmen, das auch die Zahlen im Blick behalten muss. Würden wir nur „Schöngeistiges“ in kleinen Auflagen publizieren, könnten wir in ein paar Jahren unsere Tätigkeit einstellen. Es geht kurz gesagt darum, die Balance zwischen Bestsellern und Ladenhütern zu wahren.

Als Laie fragt man sich: Sind historische Werke fest an einen Verlag gebunden oder kann jeder, der mag, noch einmal bekannte Werke wie das Weihnachtsoratorium von Bach oder den Messias von Händel herausbringen? Und was könnte einen dazu bewegen, es noch einmal zu tun?

Grundsätzlich gilt im Urheberrecht eine Schutzfrist, die 70 Jahre nach dem Tod eines Komponisten endet. Wir sind also gerade im Jahr 1946, das heißt alle Komponisten, die danach gestorben sind, sind in der Regel mit ihren Werken an den Verlag bzw. an die Verlage gebunden, mit dem sie einen Verlagsvertrag abgeschlossen haben. Wenn diese 70 Jahre abgelaufen sind, kann jeder Verlag weltweit über jedes Werk eines Komponisten frei verfügen. Das Gesagte gilt übrigens identisch auch für die Buchbranche. Zwei Gründe könnten dafür sprechen, ein Werk noch einmal zu veröffentlichen: Entweder man findet dazu eine neue Quelle, etwa eine spätere Umarbeitung durch den Komponisten oder eine zeitgenössische Abschrift des Werkes, die zu neuen Erkenntnissen führt, dann würde sich bei einem Stück wie etwa Bachs Weihnachtsoratorium jeder Verlag darauf stürzen, diese alternative Fassung exklusiv zu publizieren. Das andere ist eine Preisfrage, wenn ein Verlag mit einer eigenen Ausgabe eines etablierten Werkes die auf dem Markt existierenden Editionen preislich unterbieten möchte.

Lektoren der Buchbranche bekommen viele unaufgefordert eingesandte Manuskripte. Ist das in der Musikszene auch so? Was machen Sie damit? Wie bewerten Sie sie? Gibt es den Beruf des Musiklektors?

Diesen Beruf gibt es, allerdings nicht als Ausbildungsberuf. Es sind fast immer Quereinsteiger, die Lektorenstellen besetzen, in unserem Fall Musikwissenschaftler oder Kirchenmusiker, am besten eine Kombination aus beidem. Wir sind aktuell auf der Suche nach einem Lektor, es ist eine Kunst einen zu finden, der zu unserer spezifischen Ausrichtung passt. Alle musikalischen Einsendungen werden vom Lektor oder von mir gesichtet. Das endet bei mindestens 80 Prozent mit einer klaren Absage, 20 Prozent kommen in die engere Wahl, über die wird diskutiert und nach Abwägen verschiedenster Kriterien einvernehmlich entschieden. Bei schwierigen Fällen muss ich die letzte Entscheidung treffen, z.B. wenn Projekte mit einem hohen wirtschaftlichen Risiko verbunden sind.

Können Sie ungefähr angeben, wie viel Prozent der unaufgefordert eingesandten Werke von Ihnen verlegt werden?

Ca. fünf Prozent. Wir lehnen nicht nur aus stilistischen Gründen ab, sondern manchmal – schweren Herzens – auch aus Kapazitätsgründen. Zumeist möchten wir erheblich mehr publizieren, als es unsere begrenzten Kapazitäten zulassen. Schließlich sind wir ein relativ kleiner Verlag, aber mit durchschnittlich 80 Neuerscheinungen pro Jahr auch wieder vergleichsweise ziemlich produktiv.

Sie sind bekannt dafür, viel mit zeitgenössischen Komponisten zusammenzuarbeiten. Wie groß ist die Komponisten-Szene in Deutschland und wie behalten Sie den Überblick?

Die gesamte Komponisten-Szene in Deutschland ist im internationalen Vergleich gut aufgestellt. Für unsere Kirchenmusikszene kann ich sagen, dass es den freischaffenden Komponisten, der von seinen veröffentlichten Werken leben kann, praktisch nicht gibt. Bei uns sind es zumeist Kirchenmusiker, also Praktiker, die nebenbei komponieren. Unter den in der gesamten Musikbranche bekannten, freischaffenden Komponisten, etwa von Sinfonien oder Opern, gibt es auch solche, die ursprünglich aus der Kirchenmusik kommen und auch weiterhin für sie komponieren, wie etwa den insbesondere für seine preisgekrönten Filmmusiken international bekannten Münchener Professor Enjott Schneider, von dem wir auch Orgel- und Chorwerke im Programm haben.

Ist es Ihnen schon einmal gelungen, ein künftiges Genie zu entdecken?

Nein. Was wir hier aber seit einigen Jahren erfolgreich praktizieren ist, gute Komponisten auch aus dem Ausland für unser Programm zu gewinnen. So pflegen wir derzeit intensive Kontakte nach England. Ich bin ein großer Verehrer romantischer Musik, und es gibt insbesondere im Ausland nicht wenige Komponisten, die heute noch in einem im weitesten Sinne romantischen Stil komponieren. Solche Komponisten wollte ich schon länger in unserem Programm haben, aber aufgrund der stilistischen Entwicklungen in der deutschen Musik des 20. Jahrhunderts waren sie bis vor wenigen Jahren hierzulande nur sehr schwer zu finden. Bei uns herrschte jahrzehntelang der Wunsch vor, immer etwas Neues zu schaffen und vergangene Stilistiken tunlichst im eigenen Schaffen zu meiden. In anderen Ländern, etwa in Skandinavien oder eben in England, sind solche „neoromantischen“ Tendenzen vielfach und in unverkrampfter Klanglichkeit bis in die Gegenwart hinein zu finden.
Es ist uns gelungen, bisher drei englische Komponisten für unser Programm zu gewinnen. Einer von Ihnen, Christopher Tambling aus Wells, wurde binnen weniger Jahre zum erfolgreichsten Komponist der Unternehmensgeschichte. Leider ist er im vergangenen Jahr, kurz nachdem er sich entschlossen hatte, auch aufgrund seiner großen Erfolge in Deutschland, fortan als freischaffender Künstler zu leben, verstorben. Ihn für unser Haus gewonnen zu haben und unglaublich viele Sänger/innen und Instrumentalisten/innen (und deren Publikum!) mit seiner schönen Musik glücklich gemacht zu haben, ist etwas, worauf ich stolz bin.
In Deutschland zählen etwa die rheinischen Kirchenmusiker Klaus Wallrath und Michael Porr zu denjenigen Komponisten, die mit dieser romantischen Tradition unbefangen groß geworden sind und diese gekonnt in ihr kompositorisches Schaffen mit einfließen lassen. Wenn man ihre Kompositionen aufführt oder hört, spürt man etwas von diesem natürlichen und ungekünstelten Umgang mit dem Phänomen Wohlklang, der aber nicht Vergangenes starr aufgreift, sondern stets mit einer „zeitgenössischen Frische“ versieht.

Noch eine private Frage: Sie sind Musikwissenschaftler und Organist. Was hören Sie persönlich am liebsten?

Drei Schwerpunkte: Johann Sebastian Bach, für mich der größte Komponist aller Zeiten, die (Spät-) Romantik bis hin zu Richard Strauß und Rachmaninov sowie frühen Jazz, insbesondere Swing bis etwa um 1950.

Vielen Dank.

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