Ich mach‘ mir meine Fotowelt, wie sie mir gefällt

Der Streit ist fast so alt wie die Fotografie selbst: Dürfen Fotos bearbeitet werden oder sollen sie so gezeigt werden, wie sie aus der Kamera kommen? Zeigen die Fotos die Welt so, wie sie ist, oder so, wie sie sein soll oder gar so, wie sie schöner ist als das Original?

Um diese Frage zu beantworten, muss erst einmal eine andere beantwortet werden. Was soll Fotografie leisten? Viel und viel verschiedenes. Das eine Foto und die eine Aufgabe der Fotografie gibt es nicht. Über die dokumentarische Fotografie habe ich hier bereits geschrieben, heute geht es mir im weitesten Sinne um Hobbyfotografie. Anders als Zeitungsfotografie oder Auftragsfotografie, bei der das Medium und seine Regeln oder der Kunde die Vorgaben machen, ist der Hobbyfotograf (im weitesten Sinne, dazu zähle ich auch den Profi, der zum Spaß fotografiert) frei. Diese Freiheit spiegelt sich in den Fotos wieder. Man klicke sich nur mal durch Online-Fotoforen.

Emanzipation von der Wirklichkeit

Was soll also Fotografie leisten? Die Welt so abbilden, wie sie ist? Das ist letztlich Geschmackssache des jeweiligen Fotografen. Meiner Meinung nach kann sich die Fotografie von der Wirklichkeit emanzipieren, ja, sie muss es sogar. So wie sich die Malerei spätestens seit Francisco de Goya von der Abbildung der Wirklichkeit emanzipiert hat, darf es auch die Fotografie tun – um des Ausdrucks und der Bildwirkung willen.

Ein Beispiel: Ich habe auf Island eine Küstenlandschaft mit roter Scheune fotografiert. Ein ziemlich langweiliges Bild, oder?

Island, Scheune, Küste, Landschaft, unbearbeitetes Foto
Die rote Scheune im Original: schief und mit flauen Farben.

Nachdem ich das Foto durch die Mangel der Bildbearbeitung gedreht habe, sieht es ganz anders aus. Zugegeben, hier habe ich mich mal richtig ausgetobt. Man muss es nicht mögen, aber mir gefällt’s.

Island, Scheune, Küste, Landschaft, bearbeitetes Foto
Die rote Scheune nach der Bearbeitung: eine dramatische Landschaft.

Eins ist klar: So wie auf dem Foto hat sich mir die Landschaft beim direkten Ansehen nicht dargeboten. Aber eben auch nicht so wie auf dem Original. Wie wir die Landschaft wahrnehmen, zeigt ein Foto in den meisten Fällen gerade nicht. Daher rührt oft die Enttäuschung beim Betrachten von Fotos, vor allem von Urlaubsfotos. Ich kann den Geschmack der Luft, das Gefühl der Freiheit, das Schreien der Möwen wie in diesem Fall und das ganze gefühlsmäßige Drumherum nicht mit meiner Kamera abbilden. Aber ich kann dem Foto etwas – oder wie hier etwas mehr – von der Würze geben, die die Reise für mich gehabt hat.

Gedanken zur Bildbearbeitung

„Foto war eigentlich Schrott“ hat Sylvi in ihrem Blog bei einem Post zum Thema Bildbearbeitung als Zwischenzeile geschrieben. Recht hat sie, wenn wir an die Enttäuschung beim Ansehen unserer Fotos denken. Wer dann noch in RAW fotografiert, muss sowieso noch eine Menge aus dem Bild herauskitzeln. Warum dann nicht an bisschen mehr an den Reglern drehen?

Auf die Stimmung, die Fotos vermitteln sollen, hebt auch Thomas vom Natur-Photocamp in seinem Beitrag mit dem Titel „Realität oder Schönheit“ ab. Er wirft aber noch eine andere Frage auf, die auch bei mir in diesem Text schon angeklungen ist: „Was ist Wirklichkeit?“ Liegt sie nicht immer im Auge des Betrachters? Und kann das Auge überhaupt die Realität abbilden. Thomas nähert sich dieser Frage naturwissenschaftlich, vergleicht Auge und Fotoapparat. Ich sehe es eher psychologisch. Erscheint uns die Realität nicht immer anders, je nachdem, wie wir gestimmt sind?

Die Freiheit des eigenen Geschmacks

Irgendwo dazwischen, zwischen Wirklichkeit, Gefühl, Erinnerung, bewegt sich die Fotografie. Vor allem aber ist sie eine Tätigkeit, die uns die Freiheit gibt, mit den Bildern so umzugehen, wie wir es möchten. Am Ende ist alles Geschmackssache.

Ein Kommentar

  1. Hallo Susanne,

    der letzte Absatz bringt es schließlich auf den Punkt. Ich persönlich kann noch nicht einmal sagen, ob ich lieber knackig-bunte, entsättigte oder Schwarzweiß-Bilder bevorzuge.
    Bei meiner Bearbeitung spielen meist Emotionen eine große Rolle (was habe ich vor Ort bei dem Motiv empfunden), die ich dann gerne transportieren möchte. Und um diese zu transportieren, ist vielleicht manchmal eine übertriebene Bearbeitung notwendig.
    Und ich gebe Dir recht, dass die Realität unheimlich von der Stimmung abhängt. In welcher Stimmung ich mich befinde, merke ich daran, dass es Tage gibt, da springen mir zig Motive ins Auge – mögen sie auf den ersten Blick auch noch so banal sein, an anderen Tagen hole ich die Kamera erst gar nicht heraus. :-)

    Danke für die Erwähnung und liebe Grüße
    Sylvi

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