Goethe hat gegendert

Goethe hat gegendert

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) kannte sich offenbar aus mit geschlechtersensibler Sprache. Anders kann ich einen Satz von ihm, den ich gerade gelesen habe, nicht interpretieren. Aber das ist natürlich Unfug.

In meiner Bibliothek befinden sich ein paar schöne Bände mit Klassikern, die ich in den 70er-Jahren von meiner Brieffreundin in der DDR geschenkt bekommen habe. Es sind allesamt Bücher aus der „Bibliothek Deutscher Klassiker“ aus dem Aufbau-Verlag, in Leinen gebunden und mit in Gold geprägten Namen der Autoren auf dem Titel. Unter anderem besitze ich den Band mit Werken von Brentano und Arnim, eine Ausgabe, die den zwei Dichtern Clemens Brentano (1778-1842) und Ludwig Achim von Arnim (1781-1831) gewidmet ist. In diesem Band habe ich mal wieder gelesen. Im Vorwort stand er dann, der Satz von Goethe:

„In Göttingen bei der ,Krone‘ eingekehrt, bemerkt ich, als eben die Dämmerung einbrach, einige Bewegung auf der Straße; Studierende kamen und gingen, verloren sich in Seitengäßchen und traten in bewegten Massen wieder vor.“

Studierende? 1801, als diese von Goethe beschriebene Szene spielte? Hat da jemand nachträglich Goethe gegendert, aus dem generischen Maskulinum „Studenten“ die heute üblichen „Studierenden“ gemacht? Nun, das Vorwort zu den Werken von Brentano und Arnim, das diese Satz enthält, ist recht klassenkämpferisch eingefärbt, so war das wohl damals in der DDR. Aber aus Studenten Studierende machen, das war in den 70er-Jahren noch nicht üblich. Ein bisschen Quellenstudium hat zutage gefördert: Die Studierenden von Goethe stehen so im Original, einzig die Schreibweise ist angepasst, Goethe schrieb „Studirende“.

Über seine Motivation, dieses Wort zu wählen, ist natürlich nichts bekannt. Und studiert haben diese Studierenden sicher nicht, als sie sich in Seitengäßchen verloren und in bewegten Massen wieder vor traten. Also, so meine Schlussfolgerung: Goethe hat gegendert, ohne dass er wusste, was das ist.

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Goethe hat gegendert

2 Kommentare

    1. Danke für den Link. Natürlich war mir klar, dass Goethe seine Studierenden nicht wegen er Gleichberechtigung so genannt hat. Aber hängen geblieben bin ich doch an der Stelle und die Überschrift drängte sich förmlich auf.

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