Gedenkstätte Bergen-Belsen: Mehr als die Erinnerung an Anne Frank

Gedenkstätte Bergen-Belsen: Mehr als die Erinnerung an Anne Frank

Die Gedenkstätte Bergen-Belsen erinnert an eines der fürchterlichsten Kapitel des Völkermordes der Nazis. Dort starben in den letzten Kriegsmonaten Anne und Margot Frank und mit ihnen mindestens 52 000 weitere Menschen. Selbst als das Lager befreit war, erlagen noch 14 000 ehemalige Häftlinge den Spätfolgen der unmenschlichen Lebensbedingungen im Lager. Das sind unvorstellbare Zahlen und Schicksale. Beim Besuch der Gedenkstätte ist das Grauen allgegenwärtig, obwohl es nicht mehr unmittelbar sichtbar ist.

Gedenkstätte Bergen-Belsen, Gedenkmauer mit dem Wort Gewaltherrschaft

Die Gedenkstätte ist ein internationaler Erinnerungsort. Er gliedert sich in ein Dokumentationszentrum mit Dauerausstellung, das ehemalige Lagergelände und ein Pädagogisches Zentrum plus Verwaltung. Für den Tagesbesucher sind Dauerausstellung und Lagergelände die Hauptanlaufstellen.

Direkt nach Kriegsende und über Jahrzehnte hielten vor allem die Überlebenden und die Angehörigen der Opfer die Erinnerung an das Grauen von Bergen-Belsen wach. Erst Ende der 1980er-Jahre wurde damit begonnen, die Gedenkstätte in ihrer heutigen Gestalt zu planen und zu bauen. Entstanden ist eine museumspädagogisch gut gestaltete Anlage.

Die Gedenkstätte macht das große Morden, die grauenhaften Schicksale der Häftlinge von 1941 bis 1945 persönlich. In Interviews schildern Überlebende und Bewohner der Umgebung, wie sie die Lagerzeit von Bergen-Belsen erlebt haben. Es sind eindrucksvolle Zeitzeugnisse, ebenso wie die Tagebucheinträge, Fotografien, Zeichnungen und Bodenfunde, die passend in Schaukästen in den Boden des Museums eingelassen sind. „Mehr als 400 ehemalige KZ-Häftlinge und etwa 50 ehemalige Kriegsgefangene haben die neue Ausstellung durch Leihgaben, Objektspenden oder Zeitzeugeninterviews unterstützt“, heißt es auf der Homepage der Gedenkstätte. Immer wieder werden zu einzelnen Opfern deren Lebensgeschichten erzählt. Anne Frank, die prominenteste Insassin des Lagers, ist dabei nur eine unter gleichen. Ob Insasse und/oder Opfer des Kriegsgefangenenlagers, des Konzentrationslagers oder des Displaced Persons Camps, allen wird gedacht, allen hat diese Dauerausstellung eine Stimme gegeben.

Das berührt, macht betroffen. Das Schicksal einzelner Menschen mit einem Namen, einer Geschichte, einer Familie, lassen die ganze Ungeheuerlichkeit dieses Ortes spürbar werden. So sehr, dass das dumpfe, fassungslose, traurige Gefühl auch beim Rundgang über das ehemalige Lagergelände nicht verschwindet. Vom einstigen Lager ist nicht mehr viel zu sehen. Nur noch ein paar Reste im Boden, mehr nicht. Gesteinsbrocken, ein ehemaliges Wasserreservoir. Auf manchen Stellen angebrachte Fotos aus den Tagen nach der Befreiung mit demselben Blick holen die schreckliche Vergangenheit zurück. Die fast leeren Flächen füllen sich mit Geschichte.

Als letztes bin ich bei meinem Besuch über den Friedhof gegangen. Der weite Platz mit 13 Massen-und 15 Einzelgräbern, die Massengräber jeweils eingefasst mit einer niedrigen Steinmauer und einem Gedenkstein, auf dem die Zahl der Bestatteten steht, macht noch trauriger als die anderen Teile der Gedenkstätte. Hier stehen einzelne Grabsteine, die an die wenigen identifizierten Toten erinnern, aber keine echten Gräber kennzeichnen. Nur etwas 10 000 der 52 000 Toten sind namentlich bekannt. Die Täter haben den Opfern nicht nur das Leben, sondern ihre Identität, ihre Würde und die Erinnerung an sie genommen. Die Gedenkstätte plant, noch einen „Ort der Namen“ zu schaffen für die Opfer, die identifiziert sind.

Auf dem Friedhof steht auch der Stein für Margot und Anne Frank. Der Obelisk, die Steinmauer, die Gedenksteine, das hölzerne Kreuz der polnischen Überlebenden, das knapp außerhalb des Gedenkstättengeländes gelegene, nach Entwürfen des Künstlerehepaars Ingema Reuter und Gerd Winner 2000 eröffnete Haus der Stille bilden einen eindrucksvollen Gedenkort, der verstummen lässt anhand des Grauens, das er dokumentiert.

Wer die Gedenkstätte besucht, sollte es nicht eilig haben. Die Dauerausstellung erfordert viel Zeit, um zu lesen und den auf Video festgehaltenen Aussagen der Zeitzeugen zuzuhören. Der Gang über das Gelände ist weit, der Friedhof groß, und ich musste immer wieder anhalten, um meinen Gedanken nachzuhängen oder dem Begreifen etwas Zeit zu geben. Diese Gedenkstätte kann nicht im Eiltempo besichtigt werden.

Obwohl das eigentliche Lager in Bergen-Belsen so gut wie nicht mehr erkennbar ist, dokumentiert dieser Ort eindrucksvoll die Verbrechen der Nazis, das Grauen des von ihnen begangenen Völkermordes und das Leid so vieler Menschen.

Die Homepage der Gedenkstätte Bergen-Belsen bietet umfangreiche Informationen zum Ort selbst und zum Besuch dort auf Deutsche und Englisch.

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