Zur Causa von Rönne: Von Verkrustungen und Filter-Bläschen

Ich bin gut abgehangen, altersmäßig. Aber manchmal bin ich immer noch ein bisschen blauäugig. Oder nennt es ahnungslos. Wenn ich einen Text lese, der mir gefällt, dann gefällt er mir, egal, mit wie viel Häme und mehr er im Netz überzogen wird. Ich vertraue lieber auf meine eigene Einschätzung. Als ich den Text „Warum mich der Feminismus anekelt“ von Ronja von Rönne gelesen habe, war meine erste Reaktion: Sie schreibt, was ich nie so gut hätte formulieren können. Erst nachträglich habe ich gelesen, welche Reaktionen dieser Text hervorgerufen hat.

Ich wollte hier nichts mehr über Feminismus schreiben, das habe ich schon hier, hier und hier getan. Häufig mit demselben Tenor: etwas mehr Gelassenheit bitte und lasst jede Frau für sich selbst entscheiden, wie sie sich fühlt. Aber die Von-Rönne-Debatte fordert doch Widerspruch heraus. Dass die Debattenunkultur im Netz dabei wieder mal aus dem Ruder gelaufen ist – geschenkt. Darüber lohnt das Klagen nicht mehr. Ich will auf etwas anderes hinaus.

Was hat Ronja von Rönne Schlimmes getan? Nichts. Sie hat erstens ihre Meinungsfreiheit genutzt, wie es die Gegner ihrer Positionen ebenfalls tun. Sie hat es mit deutlich mehr stilistischer Eleganz getan. Sie hat ihre Meinung zum Feminismus und speziell zum Netzfeminismus aufgeschrieben, aus Sicht einer Frau ihres Alters. Der Text war klar als „Meinung“ gekennzeichnet. Sie hat diese Meinung sogar begründet. Wie, das mag einem passen oder nicht, aber es ist zumindest nachvollziehbar. Und sie hat noch etwas getan: Sie hat eine Diskussion angestoßen, die von der Mehrheit der Kommentatoren ihres Textes leider nicht geführt wird. Verdient es eine mittlerweile mehr als 40 Jahre alte gesellschaftliche Strömungen wie der Feminismus nicht, immer wieder neu justiert zu werden? Die Welt dreht sich weiter, die Ismen müssen sich mitdrehen, wollen sie zeitgemäß bleiben. Gerade der Feminismus kommt mir verkrusteter vor als jede andere Ideologie, hat eine Empörungskultur zementiert, die den Blick auf alles andere verstellt. Wer die Verkrustungen aufzubrechen wagt, bezieht verbale Prügel. Ist der Feminismus unantastbar? Nichts ist unantastbar.

Außerdem hat Ronja von Rönne offenbar eine Fähigkeit, die vielen Autoren und Autorinnen, die über feministische Thesen schreiben (oder ranten) völlig abgeht: eine ordentliche Portion Bodenhaftung. Liebe Netzfeministinnen, den Leuten da draußen auf der Straße, in der Wirtschaft, im ganz normalen Leben, geht die Aufregung um Cis-Männer, Equal Pay und Trigger-Warnungen an der Südtangente vorbei. Wenn sie überhaupt wissen, was damit gemeint ist. Und nein, das sind nicht nur ein paar Unwissende da draußen, das ist die große Mehrheit. Die feministische Filterblase ist ein Bläschen, und, das deren Aktivistinnen zum Trost, die Masku-Bubble ist kein Stückchen größer. Was Feminismus ist, wissen die meisten Menschen, zumindest irgendwie. Maskulismus oder Maskulinismus – das Wort haben viele noch nie gehört.

Was es da draußen jenseits von Twitter und Blogs sehr wohl gibt, ist es Gefühl für Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, ganz ohne künstliche Aufgeregtheit. Dass es eine Frauenquote geben soll/wird/muss, kann jeder nachvollziehen oder hat eine Meinung dazu. Dass Vergewaltigung in der Ehe nun strafbar, das Rechtsmittel der Wegweisung gegen schlagende Partner im Gesetz verankert ist, all das sind Verdienste des Feminismus, die gar nicht hoch genug bewertet werden können.

Abgesehen vom etwas unglücklichen formulierten Titel – eklig ist Feminismus nun wirklich nicht – hat Ronja von Rönne ein paar wertvolle Denkanstöße gegeben. Schade, dass darüber so wenig nachgedacht wird.

Über die fragwürdigen Argumentationstechniken in der Causa von Rönne hat Annette Baumkreuz gebloggt.

Der Ressortleiter Feuilleton der Welt, Adrian Rosenfelder, hat sehr lesenswert über die Bedeutung der Sprechakte geschrieben.

Wer sich die Kommentare zu über von Rönne ansehen will, der wühle sich hier durch.

3 Kommentare

  1. Hallo Susanne,

    ich glaube nicht, dass es die Frage Feminismus/Antifeminismus allein ist, die in der „Causa von Rönne“ so sehr polarisiert. Es war ja nicht der erste Text, den sie für die Welt geschrieben hat, und das Problem ist, dass Arroganz gegenüber Schwächeren der eigentliche Kern ihrer Artikel ist. Es gab diesen Text über psychische Krankheiten, in dem sie Depressionen u.ä. zu einer persönlichen Strategie von Betroffenen erklärt, um sich dem Alltag zu entziehen. Der Anti-Feminismus-Text ist nach demselben Muster gestrickt: Sie bezeichnet die Solidarität unter Frauen als „Charityaktion“ für „sozial Unterpivilegierte“ und sich selbst als „Egoistin“. Nun verkörpert Frau von Rönne einen Typus Frau, der alles andere als „unterprivilegiert“ ist. Sie spricht nicht, wie Du schreibst, „aus der Sicht einer Frau ihres Alters“, sondern aus der Sicht einer jungen, hübschen Akademikerin, die vermutlich in materiell gesicherten Verhältnissen groß geworden ist und damit eine Menge Glück im Leben hatte. Ob Menschen erfolgreich sind, hat nicht nur mit ihren eigenen Fähigkeiten zu tun. Wir leben nicht in einer Welt, in der jeder die gleichen Chancen hat; es gibt strukturelle Ungerechtigkeiten. Frau Rönne erklärt Benachteiligung zur Privatsache und offenbart dabei eine erschreckend antihumanistische Grundhaltung: Wer nicht mithalten kann, ist selbst Schuld und fällt halt durchs Raster. Egoismus statt gesellschaftlicher Solidarität ist aber ein Motto, das nicht jeden begeistert.

    Wir müssen nicht darüber reden, dass die Debatte aus dem Ruder gelaufen ist. Dass sich aber angesichts der Argumentationsmuster von Frau Rönne irgendwann eine Empörungswelle im Netz auftun würde, war absolut vorhersehbar, zumal sich bereits von dem Text über psychische Krankheiten viele Menschen persönlich angegriffen fühlten. Es gab dazu einige Tweeds und Blogbeiträge, damals in noch sehr gesittetem Tonfall. Ich glaube, zumindest seitens der Welt war es ein halbwegs kalkulierter Tabubruch.

    Grüße

    1. Hallo Winnie,
      wie ich oben geschrieben habe, habe ich den Text gut gefunden, ohne mich viel um die Vorgeschichte zu scheren. Zunächst: Man muss einen Autoren nicht zunächst googeln und sein Leben und seine Veröffentlichungen durchforsten, um sich über einen seiner Texte zu äußern. Ein Text steht für mich zunächst für sich selbst. Und in vielem habe ich meine Haltung wiedererkannt. Beileibe nicht in allem, aber in manchem muss ich von Rönne einfach Recht geben. Das hat mein Blogpost deutlich machen wollen.
      Inzwischen habe ich auch den von Dir genannten Text zu psychischen Erkrankungen gelesen und kann die Kritik, von Rönne pflege Arroganz gegenüber Schwächeren, nicht in allen Punkten nachvollziehen. Aus dem Text spricht auch eine Menge Verständnis für die Patienten und Kritik an denen, die die Diagnosen stellen. Natürlich gibt es strukturelle Ungerechtigkeiten, die bekämpft gehören. Aber genauso gibt es genug Leute, die sich ungeniert angebliche Erkrankungen – ob psychisch oder nicht – oder dieser Ungerechtigkeiten bedienen, um sich eigene Vorteile zu sichern. So etwas hat wohl jeder von uns schon erlebt. Muss das verschwiegen werden? Sollen die, die es täglich ausbaden müssen, einfach still sein und sich beugen?
      Ronja von Rönne ihre eigene Lebensgeschichte vorzuwerfen, ist ungerecht. Dass sie Glück im Leben hatte, kreide ich ihr ebenso wenig an wie ich denen, die weniger Glück hatten, das ankreide. Das würde im Umkehrschluss heißen, dass sich die auf der Sonnenseite des Lebens gar nicht zu sozialen oder strukturellen Schwierigkeiten äußern dürfen.
      Wir alle sind aufgerufen, strukturelle Probleme anzugehen, sie lösen zu helfen. Mit Blick auf die vergangenen Jahrzehnte ist es meines Erachtens schon recht gut gelungen. Und es geht weiter. Zum Glück.

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