Kleider im Kontext von Smart Casual: Schwurbeldeutsch in der Schule

Kleider im Kontext von Smart Casual: Schwurbeldeutsch in der Schule

Was ist die Aufgabe von Schule? Bildung zu vermitteln, in einzelnen Fächern und als Allgemeinbildung. Zur Allgemeinbildung gehört für mich auch, gutes Deutsch sprechen und schreiben zu können. Das vermittelt man durch Unterricht, aber auch durch Vormachen und Vorleben. Wenn ich allerdings manche Texte lese, die Lehrer schreiben, wundere ich mich nur.

Zugegeben, in diesem Fall ist es kein Deutschlehrer, der den Elternbrief verfasst hat. Über den verschwurbelten, teils altertümlichen und komplizierten Stil habe ich mich dennoch gewundert. Der Lehrer teilt mit, dass unser Kind „in den Genuss kommt“, einem Theaterstück „beizuwohnen“. Die Aufführung werde „durch Schauspieler des Wiener Burgtheaters realisiert“.

Weiter geht es: „Der Kostenpunkt für eine Jugendkarte beträgt zehn Euro.“ Die Anreise „erfolgt individuell“, so dass „persönliche kulturelle Interessen im Vorfeld wahrgenommen werden können“.

Und dann kommt der Satz, der mich vollends verzweifeln lässt: „Entsprechend des Kontextes schlage ich vor, sich bei der Kleiderwahl an Smart Casual zu orientieren.“ Alles klar.

Als Redakteurin im Lokalen lasse ich jeden Tag Pressemitteilungen von Vereinspressewarten und Schriftwarten die Luft raus, schreibe verschwurbelte, substantivische oder von Floskeln strotzende Texte um. Nach der Lektüre des Elternbriefes würde ich das zu gern auch mal für Lehrertexte machen, gerne mit Erläuterungen, damit solche Schreiben nicht mehr verfasst werden. Und wer jetzt einwendet, es sei ein Brief an die Eltern, nicht an die Kinder gewesen: Ich kann mir schwer vorstellen, dass jemand, der so schreibt, es bei einem anderen Adressaten anders macht. Stil ist Stil, und vermutlich findet der Lehrer ihn sogar ganz in Ordnung.

Kleider im Kontext von Smart Casual: Schwurbeldeutsch in der Schule

Ein Kommentar

  1. Liebe Susanne, vielen Dank für diesen Text – Du triffst den Nagel genau zwischen die Augen. Vermutlich ahnt dieser Lehrer tatsächlich nicht, was er sich und den Lesern seines Briefs mit solch einem Technokratenschwulst antut. Er glaubt, seine eigentlich banale Information mit Beamtenlyrik aufwerten zu können, weil sie dadurch so schön wichtig und offiziell klingt. Fast wie die eines Behördensprechers, der „entsprechend“ ein paar smarte Businessfloskeln drauf hat und das bei jeder Gelegenheit beweisen muss. Tatsächlich unterwirft er sich aber freimütig einer normativen, vermeintlich korrekten Funktionssprache, mit der uns Juristen von allen Ebenen beschallen – Verwaltung Parteien, Verbände, Wirtschaft und viele mehr. Zweitrangig, ob sie noch verstanden werden – selbstverschuldete Unmündigkeit nennt man das wohl.

    Es ist zynisch, aber ganz sicher steckt hinter der Verschwurbelung auch Kalkül. Wer mit möglichst wenig Widerspruch „geeignete Maßnahmen durchführen“ will, tut gut daran, sich hinter Worthülsen zu verstecken. Eins ist aber sicher: Den Schaden am Funktions- und Floskeldeutsch nimmt unsere eigentlich reiche Sprache – und zwar weit mehr, als an Einwanderung und Jugendslang gemeinsam.

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