Tour nostalgie d'Einbeck: Auf den Spuren meiner frühen Jahre

Tour nostalgie d’Einbeck: Auf den Spuren meiner frühen Jahre

Ich weiß  nicht, ob es am Alter liegt. Vielleicht. Jedenfalls habe ich in jüngster Zeit zwei Mal ausgiebig die Orte besucht, in denen ich die ersten 21 Jahre meines Lebens verbracht habe. Meine Heimatstadt Bad Gandersheim, über deren Besuch ich hier geschrieben habe, und jetzt Einbeck, wo ich von 1979 bis 1981 bei der Einbecker Morgenpost volontiert habe. Ergebnis dieses Besuchs: Es hat sich äußerlich fast nichts verändert, und es war ein sehr nostalgisches Gefühl, noch einmal durch die mittelalterlichen Gassen zu wandern. Los geht’s mit der Tour nostalgie d’Einbeck.

Er hieß Eckhard – Schreibweise weiß ich nicht mehr genau -, fiel mit seinen dunklen Haaren und dem dunklen Schnäuzer voll in mein Beuteschema und fuhr einen Porsche – damals Zeichen unerhörten Reichtums. Jeden Freitag traf er sich mit seinen Kumpels in  Einbeck zum Sport, anschließend landeten sie in einer Kneipe in der Münsterstraße. Hieß sie „Till Eulenspiegel“? Ich weiß es  nicht mehr, habe diesen verblassten Namen nur an der Tür gefunden, hinter der sich jetzt eine andere Art von Lokal verbirgt. Ich habe diesen Eckhard mit großen Augen angeguckt, wir haben uns auch unterhalten, aber zu meinem großen Bedauern sind wir uns nicht näher gekommen. Geblieben ist mir außer der Erinnerung ein Foto von ihm und seinen Sportkumpeln auf dem Sportplatz. Wie ich daran gekommen bin? Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht habe ich es sogar selbst gemacht.

Die Kneipe in der Münsterstraße. Hieß sie damals "Till Eulenspiegel"?
Die Kneipe in der Münsterstraße. Hieß sie damals „Till Eulenspiegel“?

Angesagtes Getränk in der Kneipe war übrigens Pernod-Cola. Da man mich mit Anis jagen kann, war das für mich nun wirklich kein Getränk. Meine Zeit für Kneipenbesuche war sowieso begrenzt. Denn ich war in Einbeck, um dort mein Zeitungsvolontariat zu machen. Bei der Einbecker Morgenpost. Ich kann mich noch genau an die Redaktionsräume im ersten Stock erinnern. Zwei vollgestopfte Büros, in denen im Winter jeden Morgen eine Frau Ölöfen entzündete. Eine Toilette, die am Ende eines schlauchartigen Raumes auf einem Thron montiert war und über drei Stufen zu erreichen war. Zuerst noch diese hohen schwarzen Schreibmaschinen, an denen ich mir in den ersten Tagen Muskelkater in den Fingern holte. Ich kann mich übrigens noch genau an meine erste Meldung erinnern, die ich geschrieben habe. Schlagzeile: Schildkröte entlaufen.

Das Gebäude der Einbecker Morgenpost ist noch genauso prächtig wie damals.
Das Gebäude der Einbecker Morgenpost ist noch genauso prächtig wie damals.

Das Volontariat bedeutete viel  Arbeit – die Fünf-Tage-Woche für Redakteure wurde erst 1981 eingeführt -, ungeliebte Aufgaben wie die Sportberichterstattung, aber auch für ein 19-jähriges Mädchen wie mich damals ganz außergewöhnliche Aufgaben. Autos testen etwa. Jedes Mal wenn ein neues Modell auf den Markt kam, stellten es die örtlichen Autohäuser für ein paar Tage der Redaktion zur Verfügung. Einer der Kollegen, öfter auch ich, durfte es drei Tage lang fahren und hat dann einen freundlichen Artikel darüber geschrieben. So war das eben damals in der Provinz. Mein heißestes Gefährt war übrigens ein Renault 5 Turbo, ein Auto, das nur in geringer Stückzahl gebaut wurde und das etliche seiner Besitzer das Leben kostete, weil es eine fürchterliche Rakete mit Heckantrieb war. Ich habe meine drei Testtage mit dem Auto lebend überstanden.

Der Renault 5 Turbo - Testfahrzeug für drei Tage.
Der Renault 5 Turbo – Testfahrzeug für drei Tage.

Wenn kein Auto zum Testen zur Verfügung stand,  musste gegen Kilometergeld das eigene genutzt werden. Damals gab es noch unterschiedliche Kilometergeldsätze, je nachdem, ob das Auto Normalbenzin oder Super brauchte. Ich glaube, der Satz lag bei 28 Pfennig für Normal und 32 für Super, ich kann mich aber auch täuschen. Mit einem Salär von 740 Mark netto war es gar nicht so einfach, ein eigenes Auto zu unterhalten. Ich hatte mir damals für 2000 Mark einen Simca 1000 Rallye 1 gekauft, ebenfalls mit Heckantrieb,  der zwar erst 80000 Kilometer runter hatte, aber schnell an die Grenzen seiner Lebensdauer kam. Später kaufte der Verleger einen Dienstwagen, der aber nur rein dienstliche benutzt werden durfte, was er mit nächtlichen Spaziergängen zu den Wohnadressen seiner Mitarbeiter kontrollierte.

Der Simca. Ähnlichkeiten mit dem Renault sind rein zufällig.
Der Simca. Ähnlichkeiten mit dem Renault sind rein zufällig.

Was gibt’s sonst noch vom Job zu berichten? Geschrieben werden musste alles, was anfiel. Einmal habe ich sogar ein Wort zum Sonntag verfasst, weil der Pastor, der laut Liste dran war,  nicht geliefert hatte. In Zeiten, in denen es weder Handys noch E-Mail oder Internet gab, musste dann eben einer aus der Redaktion einspringen. Fehlt heute das geistliche Wort, ziehen die Kollegen sich eines aus dem Netz.

Und dann gab es natürlich noch das wilde Privatleben, wie das mit 19 Jahren so ist. Auch wenn ich den Pernod-Cola wie jeden Alkohol verschmähte, habe ich mir doch oft genug die Nächte um die Ohren gehauen. Machte ja nichts, so jung wie ich war, konnte ich das lässig wegstecken. Als Lokalschreiberin und junge Frau kommt man auch mächtig herum in der Gastronomieszene einer Kleinstadt. Da war einmal Puzzel, der Wirt der Ur-Bock-Schänke, die eine Art Mittelpunkt des Stadtkerns darstellte. Die Kneipe gibt es immer noch.

Gehen wir zu Puzzel? Den Namen der Schänke nannte niemand, alle bezeichneten sie nach dem Wirt.
Gehen wir zu Puzzel? Den Namen der Schänke nannte niemand, alle bezeichneten sie nach dem Wirt.

Oft bin ich auch im Gasthaus „Der Schwan“ gewesen. Damals das beste Restaurant am Platze und heute offenbar auch noch. Die Wirtsleute pflegten eine gehobene Küche und überzeugten  mit dem liebevoll gestalteten Ambiente ihres Lokals, an das sich ein Hotel anschließt. Beim Vorübergehen sieht es so aus, als habe sich daran nichts geändert. Schließlich wird das Haus noch immer von Ute und Horst Wicke geführt, an die ich mich noch gut erinnern kann. Und an ihre leckere Küche. Ich habe mich im Schwan immer sehr wohl gefühlt.

Restaurant und  Hotel "Der Schwan" in der Tiedexer Straße.
Restaurant und Hotel „Der Schwan“ in der Tiedexer Straße.

So wie im Schwan hat sich offenbar in ganz Einbeck nicht viel verändert. Gut, Puzzel ist nicht mehr da, die eine oder andere Kneipe heißt jetzt anders, und mein Verleger von damals lebt auch nicht mehr. Die Politik ist eine andere, wie ich über das Einbecker Politikblog von Frank Bertram aus der Ferne verfolgte. Die Zeitung ist sich treu geblieben, große Veränderungen habe ich nicht entdeckt. Und ich? Ich bin eine andere geworden. Viel herum gekommen, viel dazugelernt, ein gutes Stück älter geworden. Ein Ausflug nach Einbeck, einst für zwei Jahre Mittelpunkt meines Lebens, ist für mich nun nur noch eine Tour nostalgie.

Tour nostalgie d'Einbeck: Auf den Spuren meiner frühen Jahre

2 Kommentare

  1. Der Beitrag erinnert mich dran, wie ich im Frühjahr 2013 mal nach Güsten fuhr, wo ich meine Kindheit bis zur Einschulung verbrachte. Vieles hatte sich seitdem nicht verändert, zumindest aus baulicher Sicht. Große Ausnahme der Bahnhof, der nur noch ein Schatten seiner selbst ist.

    Bei mir im Blog findest auch einen Artikel dazu, einfach über die Suche dort nach Güsten suchen. ;)

    Solche Besuche in der Kindheit finde ich schon toll.

    1. Hallo Torsten,
      vielen Dank für Deinen Kommentar.
      Ich habe ja immer meine Zweifel, ob andere Leute überhaupt interessiert, was früher bei mir los war. Aber offenbar gibt es doch ein Interesse daran, wie Du gerade mit Deinem Kommentar bestätigt hast.
      LG, Susanne

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