Praktikum in der Zeitungsredaktion – Herausforderung für beide Seiten

Die @99fotografen-Twitterin dieser Woche, @SaskiaSpreitzer, hat eine interessante Frage aufgeworfen. Wie gehen wir mit Praktikanten um und was erwarten Praktikanten von uns? Das bezog sich auf Fotografen, da kann ich nicht mitreden. Ich habe aber seit 30 Jahren mit Praktikanten in Zeitungsredaktionen zu tun und könnte mit Geschichten über sie ganze Abende füllen. Und wie es so ist: Wenn man lange Zeit mit einem Thema zu tun hat, gibt es Gutes und Schlechtes zu berichten.

Vorweg: Ich war selbst einmal Praktikantin. Beziehungsweise wollte es werden. Meine Praktikumsbewerbung bei der Braunschweiger Zeitung im Jahr 1978 endete jedoch damit, dass die das nicht richtig verstanden haben – oder ich mich nicht richtig ausgedrückt habe. Jedenfalls landete ich in der Buchhaltung und nicht in der Redaktion und durfte drei Wochen lang Postkarten mit Abbuchungsgenehmigungen der Abonnenten nach Alphabet sortieren. Das war kein Praktikum, das war ein Ferienjob. So bin ich selbst nie in den Genuss eines Redaktionspraktikums gekommen, sondern 1979 direkt ins Volontariat gestartet. Damals waren Schulpraktika noch unbekannt, vielleicht kam es deshalb zu dem Missverständnis in Braunschweig.

Heute gibt es zwei Sorten von Praktikanten. Schulpraktikanten und solche, die bereits über 18 Jahre alt sind und das Praktikum im Zuge ihres Studiums oder aus Interesse für den Beruf machen. Beide Gruppen unterscheiden sich stark voneinander und müssen auch in der Redaktion unterschiedlich behandelt werden.

Schulpraktikanten

In der 8. oder 9. Klassen stehen bei den meisten Schulen Betriebspraktika an. Dann sind die Kinder zwischen 15 und 16 Jahre alt. Da mag ein Praktikum in einer Schreinerei, bei einem Arzt als Sprechstundenhilfe oder zur Not auch noch in einer Anwaltskanzlei oder Bank angemessen sein. Für Zeitungsredaktionen sind diese Praktikanten einfach noch zu jung und zu schüchtern. So wie die Praktikantin, die am letzten Tag der zwei Wochen fragte, wo das Klo sei. Eine Geschichte, die ich nur von Erzählungen der Kollegen kenne. Seitdem mache ich am ersten Tag immer eine Führung durch alle Räume. Oder die Praktikantin, die bei der Organisatorin eines Seniorenkaffees, einer netten alten Dame, anrufen und eine fehlende Uhrzeit erfragen sollte. Bitte des Mädchens an mich: „Können Sie das nicht machen, ich trau mich nicht.“ Verständlich, aber ein Beweis dafür, dass diese Kinder einfach zu jung sind für ein Redaktionspraktikum.

Diese Mädchen und Jungen müssen sich den Praktikumsplatz selbst suchen. Da gibt es welche, die sind fix dabei und früh dran. Und dann gibt es die, die die Zeit vertrödeln, für die sogar die Eltern am Ende losziehen und wo die Kinder dann nehmen müssen, was noch übrig ist. Das Ergebnis: Desinteresse. So hat mal eine Ressortleiter-Kollegin von mir eine Praktikantin nach Hause geschickt und gesagt, sie müsse nicht mehr wieder kommen. Grund: Das Mädchen drehte den Kollegen während der morgendlichen Konferenzen permanent den Rücken zu und signalisierte auch sonst völliges Desinteresse. Oder die Praktikantin, die auf die Bitte, einen Text noch einmal zu überarbeiten und Fremdwörter zu übersetzen, recht unwillig reagierte. Was mich zu der Bemerkung hinriss: „Dafür werden wir hier bezahlt.“ Sie konterte: „Ich aber nicht.“ Oder der Praktikant im ersten Semester von „was mit Medien“, der während der Autofahrt zu einem Termin gegenüber mir als Lokalredakteurin anmerkte, er wolle später nur für die großen Blätter schreiben, die „Zeit“ oder die „Welt“. Dieser Lokaljournalismus sei doch total langweilig und nichts für die wirklich guten Leute. Na danke.

Zugegeben, das sind Einzelfälle. Die Mehrzahl der Schulpraktikanten absolviert die zwei Wochen geräuschlos bis unsichtbar, läuft brav überall hin mit, die ganz Mutigen stellen mal eine Frage. Wenn diese Schulpraktikanten am ersten Tag bei uns ankommen, erklären wir ihnen das Redaktionssystem und den Aufbau der Zeitung. Sie dürfen an den Konferenzen teilnehmen und hören, wie das Blatt thematisch zusammengeschnürt wird. Dann schreiben sie Meldungen, Ankündigungen von Veranstaltungen oder ähnliches. Dabei lernen sie die Schreibregeln und was sie sonst noch über Texte und deren Aufbau wissen müssen. Zwischen dem Schreiben von Meldungen laufen die Praktikanten im Reporter-Alltag mit. Sie gehen zu Terminen, schreiben mal parallel zu uns einen Text, machen vielleicht mal bei prima Lichtverhältnissen ein Foto. Selbst etwas zu tun beschränkt sich aber weitgehend auf das Schreiben von Meldungen.

Viel Zeit verbringt mancher Praktikant mit seinem Praktikumsbericht für die Schule. Der muss je nach Art des Praktikums unterschiedlich ausfallen. Geht es um ein Berufspraktikum, müssen die Schüler aufschreiben, was sie gemacht und gelernt haben. Davon zu unterscheiden ist das sogenannte Wirtschaftspraktikum. In den Berichten dafür sind Fragen zu beantworten nach Arbeitnehmervertretung, Ausbildungsplätzen und -berufen, Unternehmenszahlen und ähnliches. Unser Verlag bietet deshalb Schülerpraktikanten ein Gespräch mit der Personalabteilung an, bei dem diese Fragen beantwortet werden.

Ein spezielles Kapitel sind die Lehrer, die während solcher Schulpraktika ein Mal vorbeikommen und nach ihren Schützlingen sehen. Einige wollen nur mit dem Schüler sprechen, andere nur mit dem betreuenden Redakteur, andere mit beiden. Diese Lehrerbesuche sind für sich schon ein ganze Kapitel wert. Ich denke nur an die Lehrerin, die mich während der Kantinenöffnungzeit aufsuchte, mir damit die einzige Gelegenheit zum Mittagessen nahm, mich aber inquisitorisch fast eine Stunde lang ausfragte und belehrte, wie wir es in der Redaktion mit dem Umweltschutz hielten. Ob wir Recyclingpapier in den Druckern hätten, wie die leeren Druckerpatronen entsorgt würden, ob es gelbe Säcke gebe und welche Stromsparbemühungen das Haus zum Klimaschutz unternehme. Alles nicht meine Baustellen, aber Frau Lehrerin beharrte darauf, als umweltbewusster Mensch müsse ich das doch wissen und mich darüber informieren, so dass ich ihr Auskunft geben könne. Zugegeben, ein Einzelfall, aber so etwas kommt vor. Da sind dann die Lehrer, die sich für 7.30 Uhr in einer Redaktion ansagen, noch harmlos. Woher sollen sie auch wissen, dass wir erst um 10 Uhr mit der Arbeit beginnen? Meistens sind die Lehrer nach kurzen Erklärungen einsichtig. Ich bin aber auch schon für solche Lehrer zwei Stunden früher in die Redaktion gekommen, weil es bei ihnen angeblich gar nicht anders ging.

Genug geklagt. Jetzt singe ich ein Loblieb auf Praktikanten. Unter zehn Schülerpraktikanten ist ein guter dabei. Das sehe ich schon am ersten Text, den er oder sie schreibt. Ich kann Praktikanten auf den Kopf zusagen, ob sie viel lesen. Gerade bei den Mädchen erlebe ich oft, dass sie sprachlich auf der Höhe sind.  Außerdem sind alle Praktikanten, ob Schüler oder Studenten, fit am Computer, kennen sich mit Internetrecherche und sozialen Medien prima aus. Das war vor 15, 20 Jahren noch ganz anders. Und es gibt sie auch unter den Schülern, die Praktikanten, die immer sofort fragen, ob sie mit auf einen Termin dürfen. Die von selbst den Duden nehmen und auf ihre Rechtschreibung achten. Die uns immer wieder über die Schulter schauen. Die den Layouter mit Fragen zum Aufbau der Seite löchern. Es ist ein Vergnügen, ihnen alles ausführlich zu erklären.

„Große“ Praktikanten

Die zweite Gruppe der Praktikanten, bei uns Hospitanten genannt, sind die, die den Beruf ernsthaft kennenlernen wollen oder ihre Hospitanz im Rahmen ihres Studiums machen. Ihre Voraussetzungen sind viel besser als bei Schulpraktikanten. Da ist zunächst die Länge des Praktikums, meistens sechs bis acht Wochen oder sogar etwas länger. Bei diesen Hospitanten ist jedes Mal echtes Interesse da. Meistens über 20 Jahre alt, brauchen sie weder Hilfestellung beim Telefonieren noch Begleitung bei kleineren Terminen. Einmal mit einem einfachen Pressegespräch oder einer schlichten Spendenübergabe ausprobieren – mit dem Waschzettel als Rückversicherung – und wenn’s klappt, können sie allein losziehen. Diesen Praktikanten geben wir vorher mit auf den Weg, worauf es ankommt, sowohl beim Schreiben als auch beim Fotografieren. Ist etwas unklar, fragen sie. Entweder uns oder die Gesprächspartner auf dem Termin. Klappt der erste Versuch, und das ist fast immer der Fall, werden die Anforderungen nach und nach gesteigert. Umfragen, schwierigere Termine, Eigenrecherche. Immer mit Vor- und Nachbereitung. Worauf kommt es an? Was erwarten wir genau? Welche Information fehlt im Text? Stimmt der Textaufbau? Was soll auf dem Foto sein? Wenn das nicht klappt, was wäre eine denkbare Alternative? Nach ein bis zwei Wochen sind Hospitanten eine echte Hilfe in der Redaktion.

So mancher Hospitant hat sich bei uns nicht nur wacker geschlagen. Sondern einige sind als freie Mitarbeiter, später als feste Freie und sogar als Volontäre geblieben oder nach dem Ende des Studiums wiedergekommen. Gute Hospitanten versuchen, bei mehreren Zeitungen zu hospitieren, um mehr als einen Einblick zu bekommen. Oder sogar ein Praktikum bei Funk und Fernsehen einzuschieben.

Und wir?

Praktikanten sind willkommen in den Redaktionen. Je älter und je mehr Vorwissen, desto besser. Natürlich wollen wir jungen Menschen gerne unser Berufsbild vermitteln. Wir wollen uns ihnen in den Wochen bei uns widmen, sie an die Hand nehmen. Aber manchmal geht es eben nicht. Wenn Stress herrscht, der Redaktionsschluss drückt, die Onliner auf ihren Text warten oder eine Telefonkonferenz ansteht, müssen sich die Praktikanten eben mal selbst beschäftigen oder etwas länger darauf warten, dass jemand ihren Text mit ihnen durchgeht. Ich weiß, dass darüber von ihnen oft geklagt wird. Es gefällt uns nicht, aber es ist eben nicht zu ändern. Glaubt uns, liebe Praktikanten, wenn das so ist, drückt uns ein bisschen das schlechte Gewissen.

Hier findet sich ein ausführlicher Praktikumsbericht einer „großen“ Praktikantin meiner Zeitung, der Lübecker Nachrichten.

Informationen zu den zwei Praktika-Arten gibt der NDR hier und hier.

In diesem Forumsbeitrag auf journalismus.com geht es um Erwartungen einer Zeitungspraktikantin.

Da sich die Praktikumsfrage ursprünglich auf Fotografen-Praktika bezog, gibt es hier und hier noch Erfahrungsberichte aus diesem Bereich.

4 Kommentare

  1. Hi Susanne,

    ein schöner Artikel, in dem ich meine Arbeit mit Praktikanten wiederfinde. Und ich fühle mich motiviert, auch einen Artikel über die Arbeit meiner Praktikanten zu schreiben, und natürlich die fotografischen Resultate zu zeigen ;-) .

    Mit meinen Sommerpraktikanten aus dem letzten Sommer haben wir beschlossen, das Wort „Praktikant“ gegen „Fotografen-Berufsinteressierte“ auszutauschen. Irgendwie fand ich den ursprünglichen Begriff abwertend.

    Es gibt für die Schüler einen Ablaufplan mit Schwerpunkten und ein Abschlussthema. Hierbei begeben wir uns auch kurz auf das Berufsfeld der Journalisten. Es wird ein Interview mit mir geführt, während eine(r) die Szenerie fotografieren muss.

    Nun mache ich aber hier Schluss und bis bald

    Dieter

    1. Lieber Dieter,
      das würde mich freuen, wenn Du auch einen Artikel samt Fotos dazu schreibst. Bei Fotografen ist es sicher noch etwas anders als in Zeitungsredaktionen, in denen doch der Text im Mittelpunkt steht.
      LG, Susanne

  2. Hallo, ich kann da Vieles Bestätigen. In der Zeitungsredaktion war früher zudem wenig Zeit, weil die Terminlage sehr angespannt war. Da haben dann weder Praktikant noch Zeitung etwas davon.
    Mit dem Lokalblog hanseportal-korbach.de geben wir in diesen Wochen erstmals einem Schülerpraktikanten die Gelegenheit, sich einzubringen. Es ist ein voller Erfolg – was zum einen daran liegt, dass genug Zeit vorhanden ist. Zum anderen, dass der junge Mann interessiert und auffassungsbereit ist. Wir haben ihm eine eigene Ecke auf der Seite eingerichtet, wo er seinen Schülern oder Lehrern vom Praktikum berichten kann. Das wird sehr gut angenommen.

    http://hanseportal-korbach.de/index.php/meinung/redaktionsblog

    Zu guter Letzt ist auch der Vertrauenslehrer nett und nicht inquisitorisch. Bisher habe ich zumindest kein Mittagessen verpasst…
    Grüße aus Korbach
    Dennis Schmidt

  3. Hallo Dennis,
    das Zeitproblem besteht immer noch, oft bleibt kaum mal mehr als eine halbe Stunde, um sich den Praktikanten zu widmen.
    Euer Projekt auf dem Redaktionsblog klingt interessant, da ermöglicht online doch viele Möglichkeiten.
    LG, Susanne

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