Mit inbrünstiger Begeisterung: Musik und ihre Interpretationsangaben

Musik ist etwas fürs Gemüt. Je nachdem, was der Komponist ausdrücken wollte, löst sie Gefühle in den Menschen aus. Das erfordert aber auch eine richtige Interpretation. Meistens reichen dafür die Tempo- und Dynamikangaben aus, manchmal aber gibt es auch weiterführende Angaben. Und die haben durchaus ihren Reiz über das Musikalische hinaus.
Musiktexte

Das Beispiel oben stammt auf einem wunderbaren Stück für vierstimmigen Chor und Orgel von Théodore Dubois (1837-1924): „Cantate Domino“. Es trägt gleich oben über der ersten Zeile die Angabe „avec une fervente et religieuse allégresse“ übersetzt „mit inbrünstigem und religiösem Jubel“.  Dubois hat diesen Jubel in Musik umgesetzt. Leider kann ich das hier nicht vorführen, da es kein vernünftiges Video von diesem Stück auf Youtube gibt, wo sich sonst doch immer alles findet.

Angesichts der Angaben von Dubois habe ich mich auf die Suche nach ähnlichen Angaben in der Musik gemacht. Auslöser war ein Tweet von Klaus Lorch alias @Reticulum, meinem Twitterfreund im Geiste der klassischen Musik.

Die Noten zeigen eine Romanze von Robert Schumann. Sieht kompliziert aus, ist es aber laut Klaus nicht. Und wer genau hinschaut, sieht es auf den ersten Blick. Steht ja „Einfach“ drüber.

Das „Einfach“ bezieht sich natürlich nicht auf das Spiel, sondern die Interpretation. Nicht überall wo einfach drauf steht, ist auch einfach drin.

Ein Meister der Interpretationsangaben war Hugo Distler (1908-1942). In seiner kleinen Choralmotette spart er nicht mit solchen Angaben. „Ruhig, doch ja nicht langsam“ gibt er am Anfang an.  „Bewegter“. „Fließend“, „Rasch“ und „Ruhiger“, immer groß geschrieben, sind weitere häufige Angaben in Distlers Noten. Manchmal geht er mit Angaben wie „Breite Viertel, doch nicht so langsam“ noch mehr ins Detail. Außerdem setzt Distler Atemzeichen, für Chornoten sonst absolut unüblich. Alte Lübecker Choristinnen, die noch unter ihm sangen, sollen gesagt haben, Distler habe stets darauf beharrt, dass die Atemzeichen ausgeführt werden, wie er sie angegeben hat.

„With breadth and not so slow“ überschreibt Charles Villier Stanfort (1852-1924) sein Te Deum in B-Flat. „Full“ befiehlt er in Takt 72, wo der Text „The holy church“ beginnt. Auf dass die heilige Kirche immer voll sei. Auf Youtube gibt es sogar eine Karaoke-Version des Stückes.

Ein paar nette Angaben hat auch Carl Loewe (1796-1869) in sein Oratorium „Das Sühnopfer des neuen Bundes“ hineingeschrieben. „Sanft und milde“ heißt es an einer Stelle, an einer anderen „mit vollem Ton getragen“. Dass das Urheberrecht schon damals eine Rolle spielt, beweist eine weitere Anmerkung in den Noten. „Melodie vom Verfasser“ steht da. Seltsame Angabe. Ich dachte, Loewe hätte das ganze Stück komponiert.

Ach ja, und dann gibt es noch die Angaben, die Choristen in die Noten geschrieben haben. Mein Messias-Klavierauszug ist schon durch viele Hände gegangen, und so mancher Sänger hat da seine Bemerkungen hineingeschrieben. An der Stelle „Denn es ist uns ein Kind gegeben, uns zum Heil ein Sohn geboren“ hat jemand die Worte „schlanker Sohn“ notiert. Ist ja klar, was das bedeuten soll. An einer solistischen Stelle hat der Scherzbold angemerkt „Jetzt sollen mal die 4 Solisten zur Kindsgeburt kommen“. „Kernig – aber nicht fett“ hat wohl der Chorleiter an anderer Stelle angemerkt, jedenfalls steht es so mit feinen Bleistiftbuchstaben über den Stimmen notiert.

Das alles beweist das, was ich immer sage: Musik machen ist etwas für alle Sinne. Sogar für das Sprachempfinden und für den Humor.

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