Die Kreisstraße, das unbekannte Wesen

Jeder von uns weiß, ob er in der X-Straße, der Y-Allee oder am Z-Platz wohnt. Aber wisst ihr auch, ob ihr über die K57 oder die L112 von einem Ort zum anderen, von zu Hause aus zur Arbeit fahrt? Die wenigstens dürften überhaupt mitbekommen, ob sie auf einer Kreis- (K) oder Landesstraße (L) unterwegs sind.

Als Polizeireporterin bin ich oft bei Unfällen. Die SMS-Nachricht der Einsatzleitstelle zeigt den Ort an, üblicherweise eine Stadt oder ein Dorf und eine Straßenbezeichnung. Liegt der Unfallort außerorts, und das ist häufiger der Fall als innerorts, wird als Straßenbezeichnung entweder ein A mit einer Ziffer (Autobahn), ein B mit Ziffer (Bundesstraße) oder eben L oder K plus Ziffer genannt. Das mit der Autobahn bekommen die meisten von uns problemlos hin, sogar die Bezeichnung BAB, also Bundesautobahn, ist einigermaßen geläufig. Wobei: eine LAB, Landesautobahn, gibt’s gar nicht, schon gar keine KAB, Kreisautobahn, also ist das B überflüssig und das zweite B an sich auch, so dass sich landläufig völlig zu Recht die Bezeichnung A für Autobahnen durchgesetzt hat. Kommt ja auch immer im Verkehrsfunk vor: A7 in Richtung Süden, fünf Kilometer Stau. Fachleute kennen dann noch die Rifa, die Richtungsfahrbahn, aber die wollen wir hier mal außer Acht lassen. Und auch die Bundesstraßen, die mit dem B vor der Nummer, sind den meisten Leuten zumindest in ihrer Umgebung geläufig.

Zurück zur L und zur K, der Landes- und der Kreisstraße. Wikipedia stellt so schön fest:

„Eine Landesstraße ist niederwertiger als eine Bundesstraße, aber höherwertiger als eine Kreisstraße.“

Ist ja klar, in der Hierarchie der Verwaltungseinheiten kommt ganz unten die Gemeinde, die ihre Gemeindestraßen hat, dann der Kreis, dann das Land, dann der Bund. Übrigens werden in den Freistaaten Sachsen und Bayern Landesstraßen folgerichtig Staatsstraßen genannt. Da steht der Staat unter dem Bund, was an sich schon merkwürdig ist.

Die Klassifizierung in Kreis- und Landesstraßen hat für die Kreise und das Land konkrete finanzielle Auswirkungen. Jeder ist für den Erhalt seiner Straße verantwortlich. Wird irgendwo eine Umgebung gebaut oder entsteht eine Autobahn, stuft das Land schon mal gegen den Willen des Kreises eine Straße herunter. Dann muss der Kreis sehen, wie er mit den Sanierungskosten hinkommt. Im Gegenzug stufen Kreise dann auch mal Kreisstraßen zu Gemeindestraßen herunter. Dann haben die Kommunen den schwarzen Peter.

Landes- und Kreisstraßen werden der Unterscheidung wegen durchnummeriert. In meinem Einzugsbereich erkenne ich die Landesstraßen anhand ihrer Nummern, bei den Kreisstraßen ist das schon unübersichtlicher und ich muss oft nachgucken, um welche es gerade geht. Das klappt mit Hilfe der Karten von Google-Maps ganz gut.

Aber wie erkennt der Autofahrer auf der Straße, welche er gerade unter den Rändern hat? Da hilft ein Blick auf die Begrenzungspfähle. Dort sind die Nummern vermerkt, auf der sogenannten Klassifizierungstafel.

Leitpfosten mit Klassifizierungstafel an der Kreisstraße 93 im Kreis Segeberg.
Leitpfosten mit Klassifizierungstafel an der Kreisstraße 93 im Kreis Segeberg.

Das zu entschlüsseln, ist einfach: Ich befinde mich auf der K 93, und in welchem Kreis ich mich bewege, dürfte den meisten Autofahrern klar sein. Sollten sie aber ortsfremd sein und sich nicht so gut auskennen, gibt die Vorderseite des Leitpfostens – oder die Rückseite, je nach Fahrtrichtung – Auskunft. Dort hängt das sogenannten Stationszeichen, das bei uns in Schleswig-Holstein 2005 eingeführt wurde. Ähnliche gibt es in anderen Bundesländern, die Angaben und die Gestaltung sind jedoch nicht bundeseinheitlich.

Stationierungstafel an einem Leitpfosten im Kreis Segeberg.
Stationierungstafel an einem Leitpfosten im Kreis Segeberg (Schleswig-Holstein).

Das Stationszeichen enthält eine ganze Reihe von Angaben. Zum einen die Kreisangabe, dann die Nummer des Abschnitts (hier die 10) und – jetzt wird’s bürokratisch – „den Abstand vom Abschnittsnullpunkt – dem Netzknoten – bis zum Standort (Station) der Tafel“.  Der Abschnittsnullpunkt oder Netzknoten ist die nächste Kreuzung, die hier 1,6 Kilometer entfernt ist. Der Pfeil zeigt die Stationierungsrichtung, also in welche Richtung gezählt wird. Mit diesen Angaben, heißt es, könne jeder Autofahrer im Falle eines Unfalls oder einer Panne genau sagen, wo er sich befindet. Wer über die Art der Beschriftung und Messung mehr wissen will, gucke hier, wie es der Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr ausführlich und anhand von Zeichnungen erklärt. Aber Achtung: Bürokratiewort-Alarm. Beispiel gefällig?

„Die Begrenzung eines Abschnittes erfolgt durch zwei Netzknoten, die als Verknüpfungspunkte des Straßennetzes i.d.R. in der Mitte von Kreuzungen oder Einmündungen liegen.“

Ehrlich gesagt: Bei meiner letzten Panne vor etwa zwei Jahren bin ich im Traum nicht darauf gekommen, auf die Stationsschilder zu gucken. Ich habe dem Hilfsdienst einfach gesagt, ich sei auf der Bundesstraße zwischen A-Dorf und B-Stadt auf Höhe der Försterei. Hat auch geklappt.

Und noch eines muss bedacht werden. Eine Landstraße ist nicht automatisch eine Landesstraße. Auch eine Kreisstraße kann eine Landstraße sein. Im Volksmund heißen alle Straßen außerhalb von Ortschaften Landstraßen. Das hat nun gar nichts mit ihrer Ordnung zwischen Gemeindestraße und Autobahn zu tun. Zugegeben, da kann man schon mal ins Schleudern kommen. Aber das ist gar nicht nötig. Denn so genau muss der Autofahrer das alles im Alltag gar nicht wissen, oder?

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