Der Rachen des Löwen: Latein, eine lyrische Sprache

Latein steht in dem Ruf, eher etwas sperrig und im Gegenteil zu Italienisch oder Französisch nicht mit Sprachmelodie gesegnet zu sein. Ich habe nie Latein gelernt, kenne die Sprache nur aus kirchenmusikalischen Werken. In denen aber entfaltet sie eine Musik, wie ich es dieser Sprache nie zugetraut hätte. Beispiel gefällig: Libera de ore leonis. Frei übersetzt: Errette uns aus dem Rachen des Löwen. Wer weiter sucht, findet noch mehr schöne Beispiele.

Ein kirchenmusikalisches Konzert. Auf dem Programm steht eine Messe, ich weiß nicht mehr von wem. Ein älterer Herr neben mir im Publikum gibt hinterher seiner Begeisterung Ausdruck. Über die Musik, das Können der Sänger, den Chor. Und dann sagt er: „Und der Text. Ich bewundere es sehr, wie die Sänger diesen schwierigen lateinischen Text so perfekt können.“ Der Mann ist Laie. Was er nicht weiß: Kennst du einen Text einer Messe, kennst du den Text aller Messen. Der Text einer Messe ist immer gleich, wird von den Komponisten nur immer wieder in andere musikalische Formen gegossen. Hier zwei Beispiele, wie das Agnus Dei (Lamm Gottes) komponiert und interpretiert werden kann. Die zweite Aufnahme mit Herbert von Karajan im Petersdom rockt richtig.

Etwas anders als bei Messen ist die Sache mit dem Text beim Requiem, der lateinischen Totenmesse. Auch dort ist der Text weitgehend vorgegeben, wird aber mitunter abgewandelt oder es werden Teile weggelassen. Ich habe gerade das Vergnügen, noch einmal wie schon vor einem Jahr das Requiem von Luigi Cherubini zu singen, und wieder ist mir die lyrische Qualität des Textes aufgefallen. Nicht nur beim oben beschriebenen Löwen. Eine Textzeile, die man sich noch einmal auf der Zunge zergehen lassen muss: „Libera de ore leonis“. Eine Textzeile wie Musik. Sie kommt im Offortium vor (bei Minute 1.55). Auch eine Textzeile wie „ne cardant in obscurum“, die gleich danach folgt, klingt doch auch ohne Musik wie Musik, oder?

Die schönste Textzeile im Requiem nach dem Löwen ist für mich der Beginn des Dies irae (Tag des Zorns). Sage niemand, dieser Text habe keine lyrischen Qualitäten: „Dies irae, dies illa, solve saeclum, in favilla, teste David cum Sibylla.“  Hier vertont von Mozart im wohl berühmtesten Requiem überhaupt.

Es sei aber nicht verschwiegen, dass gerade der Requiem-Text auch eine Menge Fallstricke für Sänger bereithält. Diese Passage etwa ist der reinste Zungenbrecher: „Et gratia tua illis succurrente, mereantur evadere Judicium ultionis. Et lucis aeternae beatitudine perfrui.“ Das will erst einmal fehlerfrei nicht nur ausgesprochen, sondern auch gesungen werden.

In einem Schülerlexikon habe ich eine umfassende Darstellung über das Requiem an sich gefunden. Der komplette Text des Cherubini-Requiems samt Übersetzung steht hier.

Ein Kommentar

  1. Liebe Susanne
    einen sehr schönen parallelen Löwentext verwendet der Dichter Bachs in seiner Kantate, die wir am 24. 11. 17 Uhr in unserer St. Johannes-Kirche-Kücknitz mit dem Rocaille-Ensemble aufführen wollen. Dort heisst es in der gleichnamigen Kantate von Bach (BWV 161) „Komm, du süße Todesstunde, da mein Geist Honig speist aus des Löwen Munde“. Wenn Franck in der 1. Arie das Bild vom Geist verwendet, der „Honig speist aus des Löwen Munde“ so wird vom bibelfesten Hörer erwartet, daß er sich an Richter 14 erinnert, in der Simson einen Löwen erschlägt und nach einigen Tagen entdeckt, daß sich ein Bienenschwarm in dem Aas eingenistet hat, und Simson isst von dem Honig. Wie aus dem toten Löwen, so will Franck sagen, süße Nahrung kommt, so wird sich auch mein eigener Tod in Wahrheit als süß und lebensspendend erweisen. Bei alledem ist Francks Dichtung ein tiefempfundenes Bekenntnis der Jesussehnsucht und der erwachten Frömmigkeit des Pietismus dieser Zeit.
    Eine wunderbare Kantate von Bach, falls nicht in Johannes am 24. 11. live erleben, bitte bei You tube. Ich bin leider nicht so fit , wie Du mit dem PC, dass ich gleich Klangbeispiele mitanbieten kann. Beste Grüsse Hartmut

    Reiche ich hiermit nach: Komm Du süße Todesstunde:

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