Kamera oder Kopf: Wo entstehen gute Fotos?

Kamera oder Kopf: Wo entstehen gute Fotos?

Gute Fotos entstehen im Kopf. Das ist ein viel zitierter Spruch unter Fotografen. Genauso gern zitiert: Der Fotograf macht die Bilder, nicht die Kamera. Oder auch: Ein guter Fotograf kann mit jeder Kamera gute Bilder machen. Ist das wirklich so? Eine interessante Frage, die der Lichtinformer Michael Gelfert in einem Blogbeitrag aufgeworfen hat. Die Antwort auf diese Frage ist so vielfältig wie die Arten von Fotografen, die es gibt. Dabei will ich hier nicht das Fass aufmachen, was ein gutes Foto ist.

Fotografen und ihre Kameras - wer macht das Foto gut? Foto: Stefan Groenveld
Fotografen und ihre Kameras – wer macht das Foto gut? Foto: Stefan Groenveld


Michael betrachtet die Frage nicht nur, aber doch im Schwerpunkt aus seiner Sicht als Fashion- und Peoplefotograf. Ich kenne mich damit nun überhaupt nicht aus, stelle mir diese Art der Fotografie aber als technisch hochgerüstet und zeitraubend vor. Das gleiche Ergebnis wie mit einer Studioaufnahme mit einer Ritschratsch-Klick-Kamera zu erreichen, dürfte fast unmöglich sein, und sei der Fotograf noch so gut. Ritschratsch-Klick ist das Stichwort. Ich beobachte immer wieder Leute, die mit Taschen-Digitalkameras herumlaufen und – etwa bei Reisen – fotografieren. Dabei kommen oft tolle Fotos heraus. Vieles macht die Kamera von selbst, und die Mehrzahl der Hobby- und Erinnerungsfotografen aus dieser Kategorie denkt beim Fotografieren soweit nach, dass die Ergebnisse für den Hausgebrauch in Ordnung sind. Ich beobachte aber auch immer wieder Leute, die beim Popkonzert aus der 35. Reihe mit einer kleinen Digitalkamera ein Blitzlichtfoto auf die Bühne machen. Das kann nichts werden. Und das würde auch mit einer teuren Spiegelreflexkamera nichts werden. Früher hätte ich gesagt: Spar dir den Film. Heute, im Digitalzeitalter, kosten solche Fehlversuche nichts und fallen unter Learning by Doing. Das gleiche gilt für verwackelte, unscharfe, über- und unterbelichtete Fotos oder solche, bei denen jemand durchs Bild läuft oder der Ausschnitt nicht stimmt. Da bleibt nur: wegschmeißen.

Zurück zu den echten Fotografen. Wie sieht es mit anderen Spielarten der Fotografie aus? Richtig mitreden kann ich nur bei der Reportage- und Pressefotografie, in der meine Erfahrung über 30 Jahre und diverse Kameramodelle zurückreicht. Die Verlage, für die ich gearbeitet habe, stellten durchgehend Spiegelreflexkameras zur Verfügung. Mit einer Ausnahme: In der Frühzeit der Digitalfotografie gab es zwar teure, aber keine guten Kameras. Die haben sich dann zum Glück nicht lange gehalten, und heute bin ich beruflich wieder mit einer ordentlichen Spiegelreflexkamera unterwegs.

Die Presse- und Reportagefotografie zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass täglich neue Anforderungen an den Fotografen gestellt werden: schnelles Reagieren, blindes Handhaben der Kamera auch unter Druck, sogar manchmal im vollen Lauf, ungünstige Lichtverhältnisse, Kälte, Hitze, Eisregen, hohe Luftfeuchtigkeit – man versuche nur mal, im Winter ein Foto im Schwimmbad zu machen, wenn man nur höchstens eine halbe Stunde Zeit hat – fehlender Abstand oder fehlende Nähe zum Fotoobjekt. Alles machbar auch mit einer Kompaktkamera, aber die Ergebnisse? Schwarzbrot, nichts, was sich wirklich anpreisen lässt. Ein guter Fotograf kann mit einer billigen Kamera kreative Bildideen umsetzen, wenn die Rahmenbedingungen einigermaßen stimmen. Aber kein noch so guter Fotograf kann das Fehlen eines starken Teles oder die mangelnde Lichtstärke eines Objektivs wirklich zufriedenstellend ausgleichen. Ganz schwierig wird es bei Spezialgebieten der Pressefotografie. Man stelle sich nur mal einen Sportfotografen vor, der mit einer Billigkamera im Westentaschenformat am Rand eines Bundesligaspielfeldes sitzt – zwischen all den langen Rohren der anderen Profis. Damit kann der beste Fotograf nur scheitern.

Fazit: Klar, der Fotograf macht die Bilder. Aber auch die Kamera. Stimmt das Handwerkszeug nicht, ist keine volle Leistung zu erwarten. Was im Kopf des Fotografen entsteht, muss die Kamera auch umsetzen können.

Welche Antworten gebt ihr auf die Frage, die Michael aufgeworfen hat? Wer macht die Bilder wirklich? Wie viel Anteil hat der Fotograf, wie viel die Kamera?

Auslöser für Michaels Frage war übrigens ein Experiment von DigitalRevTV. Die haben für die Cheap Camera Challenge Profis billige Kameras in die Hand gedrückt und gesehen, was die daraus haben. Meine Lieblingsfolge ist die mit Carsten Schael.  Der fotografiert viel vor Ort, deshalb passt sein Beispiel gut zur von mir beschriebenen Reportagefotografie.

Mein besonderer Dank gilt Stefan Groenveld. Der Fotograf aus Hamburg ist mir beim Twittern (@rim_light) aufgefallen. Ich habe einige seiner Fußballfotos gesehen und er ist mir sofort eingefallen, als ich die Zeilen von den Sportfotografen mit den langen Rohren geschrieben habe. Auf meine Anfrage, ob er mir ein passendes Fotos zur Verfügung stellen würde, hat Stefan sofort zugesagt. Es lebe Twitter und die Blogosphäre, die einem solche Kontakte vermitteln. Stefan ist sehr vielseitig, fotografiert Sport, Hochzeiten, Veranstaltungen, Porträts, einfach alles. Und er schreibt einen spannendes Blog über seine Fotoaufträge. Einfach mal reinschauen.

Kamera oder Kopf: Wo entstehen gute Fotos?

4 Kommentare

  1. Toller Beitrag, freut mich sehr, daß Du das Thema aufgenommen hast!
    Natürlich sehe ich das vor allem als Fashion- und People-Fotograf, wie alles auf meinem Blog. Aber das weiß man ja, wenn man da hinkommt. ;)
    Ganz so technisch hochgerüstet sind dieses Sujets allerdings nun wirklich nicht. Handwerklich anspruchsvoll ja, aber es reicht mit unter auch eher bescheideneres Equipment.

    Interessant finde ich aber, daß Du auch in Deinem, anderen Bereich praktisch zum selben Fazit kommst: Es geht weder allein um die Ausrüstung als allein um den Fotografen – sondern um eine angemessene Kombination.

    :-)

    Gruß
    MiGel

  2. Hi Susanne,

    im Fashionbereich ist es relativ simpel. Wenn keine gute Visa anwesend ist, wirds mit dem guten Foto nix. Und wenn alles nichts hilft, wird mit Photoshop nachgeholfen. Das hat dann zwar mit Fotografie nichts mehr zu tun (aus meiner rein persönlichen Sicht), aber die Meute jubelt. Hierzu findet man auf den Videoportalen etliche Beispiele.

    Auch macht keine Kamera adäquate Fotos, wenn das Objektiv nicht mitspielt. Dies ist eigentlich das wichtigste Bauteil an der Kamera. Ist ein exzellentes Objektiv vorhanden, dann kann es auch eine 08/15-Kamera sein.

    Über den fotografischen Männerwahnsinn in der Sache Fototechnik verfasste ich vor drei Jahren folgenden Artikel: http://blog.foto-dg.de/photographie-alles-mannersache/blog-foto-dg-de

    Ein gutes Foto trotz schlechtem Licht können z. B. Analogfotografen mit einem guten Trick retten. Wir belichten den Film leicht vor. Dies geht mit SW-Filmen super, und die Empflindlichkeit des Films wird drastisch gesteigert. Im Extremfall machen wir aus ASA 100 mal eben 1600 oder 3200. Ob das mit Digitalkameras funktioniert weiß ich allerdings nicht.

    Wirklich gute Fotos entstehen aus konzeptioneller Arbeit, solidem Objektiv, passendem Licht und Schatten, und natürlich dem Objekt.

    Liebe Grüße

    Dieter

  3. Dieter,
    Die Schelte an die Fashionfotografie kann ich hier so nicht stehen lassen.
    Die Visagie (und das Hairstyling) ist sehr wichtig, keine Frage. Ohne geht es nicht wirklich.
    Die aber soll allein das gute Foto machen? Sicher nicht.

    Was „etliche Beispiele in Videoportalen“ angeht, nerven mich die selber. Leider wissen die meisten aber noch nicht einmal, was Modefotografie ausmacht und so sind die meisten so betitelten „Fashionfotos“ gar keine.
    Und wer meint, mit Photoshop ein professionelles Make up ersetzen zu können, versteht davon nicht viel. Ein Make up ist mehr als nur „Farbe“. Leider haben das auch die meisten „großen Photoshop-Meister“ bisher nicht verstanden.

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