Die Kunst des Gruppenfotos

Reportagen und Reportagefotos sind Kuchen, Pressekonferenzen sind Schwarzbrot für jeden Journalisten. Und irgendwann, wenn alle wichtigen Leute erzählt haben, was sie erzählen wollen, kommt unweigerlich der Moment: aufstellen zum Gruppenfoto. Erfahrene Pressekonferenz-Gastgeber gruppieren sich schon mal von selbst, andere muss der knipsende Lokalredakteur oder der Fotograf erst arrangieren. Aber wie und wo und was dann?

„Fast die Hälfte aller Bilder zeigen stehende, irgendwie in die Kamera blickende ältere Männer“ lautet der Befund von Michael Haller, Direktor des Instituts für Praktische Journalismusforschung, beim DJV-Kongress „Wert des Journalismus“ in Berlin. So berichtete es der „Journalist“, das Medienmagazin des Deutschen Journalisten-Verbandes, in seiner März-Ausgabe. Recht hat der Mann, vor allem, was den Lokaljournalismus angeht. Das Standardfoto zeigt irgendwelche Leute, die sich einen Zettel (Urkunde oder Veranstaltungsankündigung) vor den Bauch halten und in die Kamera lächeln.

Die Bedingungen, unter denen Gruppenfotos für die Presse entstehen, sind oft schwierig. Zum einen sind die fotografierenden Redakteure in aller Regel keine Fotografen, sondern Schreiber, die auch fotografieren (müssen). Darunter gibt es ambitionierte und weniger ambitionierte. Wer sich intensiv mit Fotografie beschäftigt, kann sich vieles selbst erarbeiten und bessere Fotos machen. Hinzu kommt,  dass beim gängigen Pressetermin in einer mittleren bis Kleinstadt fotografierende Journalisten mit ganz unterschiedlichen Ansprüchen dabei sind. Der freie Mitarbeiter vom wöchentlich erscheinenden Anzeigenblatt, der froh ist, ein ordentlich belichtetes scharfes Foto machen zu können, für das es das erwartete Honorar gibt. Und die Kollegen von den Tageszeitungen, die wissen, dass sie mit einem schlichten Foto Marke Leute-halten-einen-Zettel-vor-den-Bauch erst gar nicht in die Redaktion zurückkehren sollten. Diese Bilder sind nicht umsonst als Erschießungsfotos verpönt: „Alle an die Wand.“

Schwierig sind oft die äußeren Bedingungen. Gerne stellen sich Amtsträger von selbst zum phantasielosen Gruppenfoto auf. Wer sich die passenden Personen hinstellt, dem wird oft nahegelegt „doch bitte noch die Sponsoren“ hinzuzunehmen. Oder die werden vom Gastgeber gleich selbst ins Bild geschoben. Da bleibt nichts anderes übrig, als erst einmal mitzumachen. Seit es Digitalfotos gibt, lässt sich ja auch ohne weitere Kosten schnell noch ein Beruhigungsfoto machen. Lieber knipsen als diskutieren, lautet das Motto. Was nachher gedruckt wird, ist eine ganz andere Frage. Ganz problematisch wird es, wenn sich beim obligatorischen Gruppenfoto, gerne bei Abitur- oder Freisprechungsfeiern, stolze Eltern hinter dem Fotografen aufreihen und parallel fotografieren. Gerne mit dem Ruf: „Marko, Marko, hier, guck mal hierher.“

Also gilt es, kreativ zu sein. Erst sehen, dann denken, dann arrangieren, wenn überhaupt. Viel besser wäre es, auf das Gruppenfoto ganz zu verzichten. Gibt es ein Motiv, bei dem Menschen etwas tun und das trotzdem die gewünschte Botschaft herüberbringt? Beispiel: Eine Tischlerei bekommt eine Urkunde überreicht, etwa fürs Firmenjubiläum. Da bietet sich an, zunächst den Handschlag und das Überreichen zu fotografieren – schon um sich nicht auf eine lange Diskussion mit den handelnden Personen einlassen zu müssen, siehe oben – und dann den Meister an die Hobelbank zu bitten.

Nun ist es aber nicht immer so einfach. Oft ist nicht mehr da als ein Tisch, ein paar Leute, die drumherum sitzen und etwas erzählen, und weit und breit gibt es nur andere Büros oder Gebäude. Was nun?

„Nur ein gestelltes Pressefoto ist ein gutes Pressefoto.“ Ein gern von mir zitierter Spruch, der natürlich nicht bei Katastrophen und Reportage-Fotografie (na ja, ein bisschen auch dort) anzuwenden ist. Aber auf jeden Fall beim Gruppenfoto. Also los. Alles, was jetzt kommt, bezieht sich auf Reportage-Gruppenfotos (wenn es so etwas denn gibt). Für Hochzeits-, Firmen- und Familienfotos gelten noch andere Regeln, aber vieles von dem hier, hilft auch dabei weiter.

Licht und Ort

Nichts ist schlimmer, als 20 Leute, die dem Fotografen entgegenblinzeln, weil er sie ins pralle Sonnenlicht gestellt hat. Die Chance, dass mehr als die Hälfte der Leute die Augen zu hat, ist hier so hoch wie sonst nie. Außerdem wirft die pralle Sonne harte Schatten. Besser ist ein schattiges Plätzchen. Am besten mit einem netten Hintergrund. Wenn es denn unbedingt drinnen sein soll, achte man darauf ganz besonders. Nichts ist schlimmer, als wenn über den Köpfen der Abgebildeten noch die Köpfe von den Bildern an der Wand gucken. Oder jeder einen Heiligenschein in Form einer Deckenlampe über dem Scheitel schweben hat. Es lohnt sich, sich ein wenig länger nach dem richtigen Ort umzuschauen. Steht der nicht zur Verfügung, dann rücke die Gruppe möglichst weit vor den Hintergrund, damit er verschwimmt oder unscharf wird.

Aufstellung

Wie sind die Gegenheiten? Gibt es eine Treppe, eine Empore, eine breite Fläche ohne Erhebungen? Nutze Höhenunterschiede aus, lass die Leute entweder über ein Geländer auf dich herab blicken oder zu Dir aufschauen. Hast Du es mit einer ebenen Fläche zu tun, arrangiere die Personen in zwei bis drei Reihen hintereinander, lasse ruhig die erste Reihe in die Hocke gehen – wenn es nicht gerade um den Seniorenbeirat geht – und sortiere nach Größe. Vielleicht können sich auch alle im Schneidersitz hinsetzen oder auf den Bauch legen und das Gesicht auf die Hände stützen? Bei größeren Gruppen hilft es, wenn sich die Leute leicht schräg aufstellen, alle jeweils den linken oder rechten Fuß ein wenig zurückstellen. Überlege, ob wirklich von jedem auf dem Foto Hose und Schuhe zu sehen sein müssen. Manchmal reicht es auch, die Leute vom Gürtel aufwärts zu fotografieren. Tritt einen Schritt zurück, betrachte das Arrangement einmal durch den Sucher und korrigiere. Lass alle noch ein bisschen näher zusammenrücken. Achte darauf, dass keine Lücken entstehen. Ist niemand verdeckt? Wer die Kamera sehen kann, den kann auch die Kamera sehen.

Um die Aussage des Fotos zu unterstreichen, kann es auch hilfreich sein, mit Requisiten zuarbeiten. Aber bitte nicht den oben genannten Zettel, den sie vor den Bauch halten. Aber wie wäre es, wenn ein Musikensemble seine Instrumente hält oder sogar spielt (außer Querflötisten, die sehen beim Spielen wie Tapire aus), die Mitglieder des Kaninchenzuchtvereins ihre schönsten Rammler auf dem Arm halten und die Politiker des Finanzausschusses alle im dicken Haushaltsentwurf blättern?

Dem Thema Aufstellung beim Gruppenfoto hat sich auch Daniel Zellfelder in einem hilfreichen Beitrag gewidmet.

Moderation

Nichts ist schlimmer, als stocksteif dastehende Leute, die angestrengt in die Kamera gucken. Rede mit den Leuten. Unterhalte sie. Bei Kindern ist das einfach, man bringe die berühmte Ameisenscheiße, und schon hat man sie auf seine Seite gezogen. Bei Erwachsenen ist das schon schwieriger. Ich habe letztens einen großen Erfolg erzielt mit dem Spruch, den ich bei der von mir geschätzten ehemaligen Kollegin, der Lübecker Fotografin Christine Silz gelernt habe. „Machen Sie mal die Schildkröte.“ Unverständnis auf der anderen Seite. Dann macht man es vor: Das Kinn ein wenig vorschieben, wie eine Schildkröte, die aus dem Panzer guckt. Vermeidet ein hässliches Doppelkinn auf dem Foto und verschafft einem auch noch lachende Gesichter. Andere Sprüche wirken ähnlich. Also: reden, reden, reden – und dabei bitte das Fotografieren nicht vergessen.

Finale

Alles bereit? Dann los. Fotografieren, fotografieren, fotografieren. Ja nicht nach einem, höchstens zwei Fotos aufhören. Immer weiter. Dann entspannen sich die Leute langsam, die Gesichter sind nicht mehr so ernst, und die Chance, dass keiner die Augen zu hat, erhöhen sich mit jedem Bild. Ich gehe dabei oft noch ein Stück zurück oder vor und mache Aufnahmen aus leicht veränderten Perspektiven. Aber bitte nicht übertreiben, sonst werden die Leute unruhig. Zwischendurch nicht vergessen, die Aufnahmen auf dem Kameradisplay zu kontrollieren.

Viel Erfolg!

Hier gibt es noch eine knappe Zusammenfassung für Eilige.

 

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