Der Osterspaziergang

Der Osterspaziergang

Der Ostersonntag bescherte dem Norden diesmal das bessere Wetter. Kein Schnee wie im Süden, blauer Himmel, weiße Wölkchen, Sonne, aber kalter Wind. Trotzdem genau das richtige für einen Osterspaziergang wie einst bei Goethe. Wenn es auch mit der Befreiung vom Eise nicht ganz geklappt hat. Ein paar Minusgrade in der Nacht haben zumindest auf kleine, stehende Gewässer noch einmal eine Millimeter dünne Eisschicht gezaubert.

Der Wardersee, unser Haussee, hat davon nur ganz am Rande, im Schilfgürtel, etwas mitbekommen. Und so präsentierte er sich freundlich unter einem Himmel, von dem Besucher von südseits der Elbe behaupten, so könne nur der Himmel im Land zwischen den Meeren aussehen.

Der Weg dorthin führt uns durch ein Stückchen Wald, und dort hat der Frühling halt gemacht. Die ersten Blätter haben sich in den warmen und helleren Tagen schon  hervor gewagt, aber der Kälteeinbruch hat sie innehalten lassen. Immerhin, es sprießt.

Wir waren übrigens nicht die einzigen, die an diesem kalten, sonnigen Tag unterwegs waren. So mancher Käfer hat sich bereits aufgemacht. Diese schwarzen gibt es hier sehr oft, leider weiß ich nicht, wie sie heißen. Nachtrag: Leserin Gerda hat’s gewusst: Es ist der „Schwarzblaue Ölkäfer“.

Es war also ein Osterspaziergang wie aus dem Bilderbuch. Oder wie der von Goethe, nur die „Ohnmächtige Schauer körnigen Eises; in Streifen über die grünende Flur“ fehlten zum Glück.

 

Goethe Gedicht

Osterspaziergang

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche,
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungs-Glück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.

Von dorther sendet er, fliegend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weisses,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlts im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.

Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen.
Aus dem hohlen finstern Tor
Dring ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbes Banden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.

Sieh nur sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluss, in Breit‘ und Länge,
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.

Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet gross und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein.

(Johann Wolfgang von Goethe, deutscher Dichter, 1749-1832;
Osterspaziergang, Faust, die Tragödie erster Teil)

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