1. Mai: Tag der schönen Schnulzen

Der Mai ist heute gekommen. Das ist nicht nur der Tag der Arbeit, an dem die Gewerkschafter und ihre Anhänger auf die Straße gehen. Es ist auch der Tag, an dem es die Menschen und die Chöre auf die Plätze zieht. Zum Maibaumaufstellen gehört zumindest bei uns im Norden das Maisingen unbedingt dazu. Auf dem Liederzettel stehen beliebte Mai- und Frühlingslieder. Allesamt schöne Schnulzen.

Ein Muss sind natürlich „Der Mai ist gekommen“, „Nun will der Lenz uns grüßen“, „Komm lieber Mai und mache“ und „Geh aus, mein Herz“. Ebenfalls ein Klassiker: „Alle Vögel sind schon da“ und „Wie lieblich ist der Maien“. Lieder, die für ambitionierte Laienchöre einen entscheidenden Nachteil haben. Sie können nicht im Satz gesungen werden, es existiert keiner.

Zum Glück verfügt unser Chor über einen kreativen Chorleiter. Norbert Drechsler, Kirchenmusiker an St. Johannes in Lübeck-Kücknitz, hat für „Wie lieblich ist der Maien“, „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ und „Alle Vögel sind schon da“ sehr schöne vierstimmige Sätze geschrieben. Ebenso für einen neuen Klassiker, das schwedische Lied „Sommarpsalm“ von Waldemar Ahlen (1894-1982).

Und dann sind da noch zwei Klassiker, die immer wieder Spaß machen, für die bereits Sätze existieren: Zum einen die „Morgenwanderung“ von Franz Gustav Klauer (1827-1854) mit einem Text des Lübecker Dichters Emmanuel Geibel (1815-1884).

Romantischer kann ein Lieb der Romantik nicht sein, weder in der Melodie, in der Harmonik noch im Text.

Morgenwanderung
Wer recht in Freuden wandern will,
Der geh‘ der Sonn‘ entgegen:
Da ist der Wald so kirchenstill,
Kein Lüftchen mag sich regen,
Noch sind nicht die Lerchen wach,
Nur im hohen Gas der Bach
Singt leise den Morgensegen.

Die ganze Welt ist wie ein Buch,
Darin uns aufgeschrieben
In bunten Zeilen manch‘ ein Spruch,
Wie Gott uns treu geblieben;
Wald und Blumen nah und fern
Und der helle Morgenstern
Sind Zeugen von seinem Lieben.

Da zieht die Andacht wie ein Hauch
Durch alle Sinnen leise,
Da pocht an’s Herz die Liebe auch
In ihrer stillen Weise,
Pocht und pocht, bis sich’s erschließt
Und die Lippe überfließt
Von lautem, jubelndem Preise.

Und plötzlich läßt die Nachtigall
Im Busch ihr Lied erklingen,
In Berg und Tal erwacht der Schall
Und will sich aufwärts schwingen,
Und der Morgenröte Schein
Stimmt in lichter Glut mit ein:
Laßt uns dem Herrn lobsingen! –

von Emanuel Geibel

Aus derselben Zeit stammt der andere Mailied-Hit: das „Frühlingslied“ von Franz Schubert (1797-1828). „Die Luft ist blau, das Tal ist grün, die kleinen Maienglocken blühn . . .“ Das Lied wurde ursprünglich für eine Singstimme und Klavier komponiert.

Die berühmtesten Mailieder entstammen der Romantik. Es sind wunderbare Schnulzen. Es macht Spaß, sie zu singen, aber es darf nicht zu oft sein. Im Angesicht des Maibaumes, draußen in der grünenden Natur an einem sonnigen Feiertag wie heute sind sie aber genau richtig. Und nun werden die Mailieder-Noten wieder weggepackt, bis es zum nächsten Mal heißt: Der Mai ist gekommen.

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