Der vergessene Komponist

Der vergessene Komponist

Maria muss eine durchtrainierte Frau gewesen sein. Noch in der Schwangerschaft unternahm sie anstrengende Märsche – durch den Dornwald und übers Gebirge. Vertont hat diese Gewalttouren der Komponist Johannes Eccard, der vor 400 Jahren starb. Heute ist er nur noch Kirchenmusikern und in Kirchenchören ein Begriff, für die breite Masse der Klassik-Hörer ist Eccard ein vergessener Komponist. Das hat er nicht verdient

„Eccard fünfstimmig ist immer gut, das kann man unbesehen singen“, stellte unser Chorleiter gestern fest, und Recht hat er. Der Renaissance-Komponist hat so schöne Chorsätze geschrieben, dass das Singen und das Hören ein reines Vergnügen sind. Durchhörbar, zart, melodisch, einfach nur schön.

Hörbeispiel: Übers Gebirg Maria geht

Wer war dieser Johannes Eccard, der so innige Chorsätze schrieb? Geboren 1553 in Mühlhausen in Thüringen, war er Fuggerscher Organist in Augsburg, erster Hofkapellmeister in Königsberg und bis zu seinem Tod 1611 Leiter der kurfürstlichen Kantorei in Berlin. Hans Joachim Moser leitet in seiner 1958 veröffentlichten „Musikgeschichte in 100 Lebensbildern“ das Kapitel über Eccard mit einem geschraubten Satz ein: „Bei Johannes Eccard hat sich der fast einmalige und tragische Fall ereignet, dass er durch die bestmeinende, nur damals notgedrungen aus sehr begrenzter Quellenkenntnis überschätzende Begeisterung eines hochverdienten Musikgelehrten des Vormärz, Frhn. Carl von Winterfeldt, zum Ruhm eines Großmeisters emporgelobt worden ist und heute – infolge des immer deutlicheren Hervortretens vieler gleichrangiger Meister um ihn her – noch nicht die geachtete Rolle als ,einer von mehreren‘ spielt.“ Winterfeldt habe Eccard „nicht mit Unrecht“ zur „Krone seines Zeitalters“ erhoben.

Krone hin oder her: Es lohnt sich auch heute, nach 400 Jahren, Eccard zu hören und zu singen. Ein zu Unrecht Vergessener. Selbst dass sich sein Todesdatum zum 400. Mal jährt, ist von der breiten Öffentlichkeit kaum registriert worden. Seine Geburtsstadt Mühlhausen in Thüringen ehrte ihn im Oktober mit einem Symposium, einer Ausstellung und einem Gottesdienst mit Musik von Eccard. Die musikalische Lebensreise des Johannes Eccard hat das Online-Kulturmagazin „Moment“ nachgezeichnet. Wer mal in eine Eccard-Partitur schauen möchte: Der Carus-Verlag bietet eine Probepartitur online.

In diesen Tage singen wieder viele Menschen in den Weihnachtsgottesdiensten oder Adventskonzerten „Übers Gebirg Maria geht“. Es ist der Klassiker von Johannes Eccard. Damit ist er unsterblich geworden – obwohl es kaum jemand weiß. Die „Krone seines Zeitalters“ hat es verdient, wieder zu großem Glanz aufpoliert zu werden.


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