Das Poesiealbum – ein Zeitdokument

„Deutsch sein heißt gut sein, treu sein und echt!“

Das schrieb der damals 23-jährige Lehrer Curt Frege in das Posiealbum, das sein Bruder Johannes, mein Großvater, gerade geschenkt bekommen hatte. Ein in Leder gebundenes Büchlein mit Verschluss und in Gold geprägten Buchstaben auf dem Einband. Ein Büchlein, das sich heute in meinem Besitz befindet und eine traurige Geschichte erzählt. Aber auch eine Geschichte von unendlicher Sorgfalt, von der Kunst der schönen Schrift und davon, sich für Freunde viel Mühe zu geben. Die Einträge in dem Buch sind kleine Kunstwerke.

Aber das Buch erzählt ebenso das Drama eines blutigen Krieges. Gleich vorne, auf einer der ersten Doppelseiten, schreibt Curt für seinen Bruder vom Deutsch sein und vom Kämpfen für Wahrheit, Freiheit und Recht.

Poesiealbum, Der Eintrag von Curt Frege vom 12. Juli 1917
Der Eintrag von Curt Frege vom 12. Juli 1917

 

Gekämpft hat er – und sein Leben verloren. Auf der Seite gegenüber seinem Eintrag klebt seine Todesanzeige.

Todesanzeige von Curt Frege aus dem Ersten Weltkrieg
Todesanzeige von Curt Frege

Ich weiß nicht, was aus den anderen Freunden und Weggefährten meines Großvaters geworden ist. Darüber gibt das Poesiealbum keine Auskunft. Was mich beeindruckt, ist die Sorgfalt und das künstlerische Talent, das viele Einträge dokumentieren. Aber auch die Verblendung einer Zeit, die das Militärische predigte und Werte wie Patriotismus für wichtig hielt.

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54 Jahre später: Ich bekomme ein Poesiealbum, und meine Freunde tragen ihre guten Wünsche  ein. Wie anno 1917  illustrieren sie ihre Beiträge mit Bildern. Doch welcher Unterschied, der Filzstift hat den Zeichenstift abgelöst, der Füller die Feder. Das sah so aus.

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2 Kommentare

  1. Hallo Susanne,

    ich finde es wahnsinnig beeindruckend, durch ungewöhnlichere Zeitdokumente (im Gegensatz zu Zeitungen etc.) zu sehen, wie sich die Gesellschaft verändert. Das Poesiealbum deines Großvaters ist wirklich wunderschön! Deines aber auch – weil es viele kleine Erinnerungen bereithält.

    Als ich zur Grundschule ging, war ich nachmittags oft bei meiner Oma. Wenn ich dann Poesiealben mitbrachte, in die ich schreiben sollte, entbrannte immer ein Kampf: Meine Oma, die auf der einen Seite wollte, dass ich sehr, sehr ordentlich schreiben und alles mit Oblaten schmücken sollte – und ich, die wusste, dass sie dafür in der Grundschule merkwürdig angeguckt werden würde.

    Die Zeiten ändern sich – schön, dass es Dokumente gibt, die das festhalten.

  2. Liebe Fenja,
    vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich glaube, wir alle hben unsere Erinnerungen an unsere Poesiealben. Ich bin glücklich, nicht nur meines aufgehoben, sondern auch das meines Großvaters von meinem Vater übergeben bekommen zu haben. Auch meine Tochter, heute 11, hatte ein Poesiealbum. Leider hat es ihr jemand, der hineinschreiben sollte, nicht zurückgegeben. Sie weiß dummerweise nicht mehr, wer der letzte war, der es bekommen hat. Das ist sehr schade und sie ist sehr traurig darüber. Vielleicht findet es ja noch den Weg zurück.
    Liebe Grüße,
    Susanne

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